Theater der Zeit

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Auftritt

Theater im Delphi: Houston, we have an Opera

„YOU\ME/ALIEN“ eine Space Opera von Opera Lab Berlin (UA) – Regie Opera Lab Berlin, Musik Evan Gardner & Opera Lab Berlin, Musicalische Leitung Francesca Verga, Text Susan Stryker & Peach Kander, Video Samuel Chalela Puccini, Choreographie Sadie Shea

von Iven Yorick Fenker

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Musiktheater Opera Lab Berlin Theater im Delphi

Man kann nicht nicht kommunizieren im luftleeren Raum: „YOU\ME/ALIEN“ eine Space Opera von Opera Lab Berlin im Theater im Delphi Berlin.
Man kann nicht nicht kommunizieren im luftleeren Raum: „YOU\ME/ALIEN“ eine Space Opera von Opera Lab Berlin im Theater im Delphi Berlin.Foto: Opera Lab Berlin

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Im wunderschönen Saal des Theaters im Delphi, dem ehemaligen Kino in Berlin Weißensee, ist dort, wo früher eine Leinwand war, nun wieder eine gespannt. Auf dieser sind bunte Lichtgebilde zu sehen. Es sieht zunächst so aus, als liefe dort ein Bildschirmschoner. Auf dem Boden davor steht eine mit Plastikfolie ausgekleidete Holzkonstruktion, in deren Mitte ebenfalls bunte Lichter funkeln. Darum stehen und liegen diverse Instrumente aus Blech, Holz oder Plastik. Mit „YOU/ME/ALIEN“ experimentiert das Opera Lap Berlin mit den Mitteln des Musiktheaters im Weltraum. In der Space-Opera geht es um ein unbekanntes Phänomen und den Versuch einer Raumfahrtbesatzung, mit dieser physikalischen Anomalie Kontakt aufzunehmen – mithilfe von Musik.

Dann tritt die Crew auf: Die Astro-Musiker:innen, wie sie sich selbst nennen, stellen sich und ihre Mission vor. Sie wurden geschickt, um folgende Frage zu beantworten: Welche Musik bildet eine Verbindung mit dem Phänomen? Sie beginnen nacheinander, ihre Instrumente anzuspielen, aber das Phänomen, hinter der Holzkonstruktion gefangen, zeigt keine erkennbare Reaktion. Die Crew berät über die weiteren Vorgehensweisen. Sie sitzen an einem großen Konferenztisch. Was jetzt folgt, ist eine Mischung aus Bürokratie, Arbeitszeiterfassung und wissenschaftlicher Dokumentationspflicht. Es wird besprochen: Wer hat heute etwas probiert und mit welchem Ausgang? Wie sind die weiteren Verfahrensweisen? Wer erfüllt welche Arbeit? Die sich wiederholenden Sitzungen leitet der Captain der Crew, dem im Sinne der Klimax des Abends zu raten wäre, einfach mal draufloszuspielen. Denn wenn die Musiker:innen beginnen, mit ihren Instrumenten zu arbeiten, beginnt der Abend unterhaltsam zu werden. Der Raumschiffalltag ist dagegen allerdings recht fad. 

Was die recht vorhersehbare szenische Abfolge der Raumschifftätigkeiten (Steuerung des Raumschiffs, Messarbeiten, Instandhaltungsaufgaben …) auch nicht interessanter macht, ist die ästhetische Anlage des Abends. Die ganze Besatzung ist von Kopf bis Fuß in silbernen Raumanzugstoff gekleidet. Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich ein Astronaut:innen-Kostüm vor; Sie sind wahrscheinlich nahe dran. Die Kostüme sind ebenso Sci-Fi-Klischees, wie es der dramaturgische Aufbau des Abends ist. Die Space-Musiker:innen befinden sich auf einer Mission. Es gibt den Captain, es gibt die Crew, es gibt den humanoiden Roboter als Sidekick, aber – und das ist der Twist – alle machen Musik. Die Anlage mag so kitschig sein, wie die Musik, aber: rührend. 

Denn im Grunde, das wird mit der Zeit klar, geht es um Kommunikation, um Empathie. Die Musiker:innen setzten Melodien an, beginnen mit Sequenzen, probieren Akkordfolgen, versuchen Gesang. Alles mit dem Ziel eine Reaktion zu erfahren. Nicht vom Publikum, sondern von dem Phänomen, das mittlerweile von zwei Puppenspieler:innen hinter der Folie verkörpert wird und das ab und zu beginnt auf die Musik zu reagieren – wenn auch nur kurzzeitig. Die Zuschauer:innen können derweil verfolgen, wie die sich überlappenden Klangschnipseln zu einem immer länger und verzweifelter werdenden Versuch einer geglückten Kommunikation werden. 

Man kann nicht nicht kommunizieren, heißt es in der Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick. Aber hier scheint es, liegt das Problem grundsätzlich daran, dass gar nicht klar ist, was denn das Phänomen ist. Beziehungsweise, ob dieses überhaupt zwischen Stille und Musik unterscheidet. 

Der Abend jedenfalls ist mehr ein interessantes Konzert, als eine tatsächliche Oper. Darüber hinaus bietet er einen abwechslungsreichen Exkurs in die Musikgeschichte. Toll ist, dass diese hier nicht westlich zentriert präsentiert wird – auch wenn ein zentraler Moment die Musik aus der Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart ist. Die Musik kommt aus allen möglichen Traditionen und Teilen des Planeten, den die Crew hinter sich gelassen hat. Das Phänomen macht zudem deutlich, dass es sicher kein Mozart-Fan ist. Was besser funktioniert, weil es das Phänomen in Bewegung versetzt, ist die indische traditionelle Hindustani-Musik, die aus sieben Grundtönen besteht und von dem Ensemble angestimmt wird. Eine Schlüsselszene des Abends und ein fesselnder Moment. Die chorischen Gesänge entwickeln eine Sogwirkung, die physikalische Grenzen zu überschreiten scheint. Das Phänomen tanzt, die Crew jubelt, aber: Es gelingt nur kurz. Das Phänomen hat anscheinend eine kurze Aufmerksamkeitsspanne.  

Dann kommt von außen, von der Erde, eine Nachricht, ein Umstand, der die Besatzung plötzlich vor einen Konflikt stellt. Denn Konflikte gab es zuvor eigentlich kaum. Auch die Team-Meetings der Besatzung verliefen weitestgehend harmonisch. Jetzt aber geht es um Leben und Tod. Eigentlich nur darum, zu sterben. Denn die Nachricht ist: Eine Rakete ist unterwegs, bereits abgeschossen, denn das Phänomen droht durch Ausdehnung zu gefährlich zu werden.

Kommunikation führt zu Verbindung, Verbindung führt zu unkontrollierbaren Folgen, und die fiktive Weltraumorganisation auf der Erde hat zusammen mit der fiktiven Weltgemeinschaftsorganisation beschlossen: Das geht so nicht. 

Eine deprimierende Nebenbemerkung: Die erfundene internationale Zusammenarbeit ist mittlerweile eher Sci-Fi, als die technischen Mittel, mit denen diese Musik-Expedition das Weltall bereist. 

Aber zurück zum dramaturgischen Bogen des Abends. Kurz gesagt bedeutet diese Nachricht: Alle werden sterben, aber, so sagt der Offizier, der über die Leinwand dazu geschaltet ist, es gibt eine andere Möglichkeit. Die Besatzung könnte sich auch selbst in die Luft sprengen und dadurch schlussendlich wirklich in Verbindung treten mit dem Phänomen – und eventuell für immer leben, irgendwie. 

Wie sich die Besatzung entscheidet, soll hier nicht gespoilert werden. Dass Teile der Handlung hier schon vorweggenommen wurden, hindert nicht daran, den Abend zu sehen. Viel interessanter als der dramaturgische Bogen ist die Musik. Und Menschen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, Menschen zu sein und verstanden zu werden, ist wirklich rührend. 

Erschienen am 13.2.2026

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