Theater der Zeit

Bericht

Neue Bilder im geschützten Raum

Die ASSITEJ-Werkstatt „Kindheit, Familie und Gender“ auf dem Panoptikum-Festival in Nürnberg

Alle zwei Jahre präsentiert das Theater Mummpitz die Vielfalt des europäischen und bayerischen Theaters für junge Zuschauer*innen in Nürnberg, darunter auch viele Figurentheaterinszenierungen. In einem Werkstattgespräch wurde u. a. mit Marie Weich vom Künstler*innenkollektiv hannsjana, Meike Kremer vom Theater Mummpitz und dem Team der Inszenierung „Liebe üben“ des Theater Sgaramusch über Rollenbilder in Familie und auf dem Theater diskutiert.

von Thomas Stumpp

Erschienen in: double 41: Puppe* – Figurentheater und Geschlecht (04/2020)

Assoziationen: Bayern Puppen-, Figuren- & Objekttheater Wissenschaft Theater Mummpitz

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In einer ASSITEJ-Werkstatt steht naturgemäß der Blick auf das Theater für junges Publikum im Zentrum, dementsprechend erweitert sich das Genderthema fast zwangsläufig auch um die Frage, welche Bilder von Familie, von Kindheit und von Männlichkeit und Weiblichkeit transportiert und rezipiert werden, und wie das Verhältnis idealerweise aussehen sollte. Als Diskussionsanlass diente die unmittelbar davor gezeigte Inszenierung „Liebe üben“ des Schweizer Theater Sgaramusch mit der belgischen Gruppe Nevski Prospekt, einem Tanzstück für Kinder ab 10 Jahren, das sehr persönlich und unverkrampft mögliche Aspekte von Liebesbeziehungen und auch Homosexualität anspricht.

Für die Theaterpraxis, so ließe sich die Diskussion zusammenfassen, wäre das Thema auf vier Ebenen zu reflektieren: zunächst über die Ebene der Besetzung, dann über die Konstellation der Bühnenfiguren, drittens über Darstellungsweise und Inszenierung und letztens darüber, welche Inhalte und Perspektiven verhandelt werden.

Konsens bestand, dass, auch wenn die Thematik selbst nicht im Vordergrund steht, in allen Inszenierungen Genderfragen immer mitgedacht werden können und müssen. Von Kostümwahl, über Spielformen und -stile, über die Art, wie sich die Figuren bewegen und verhalten, bis hin zu inhaltlichen Stereotypen, zum Beispiel der Frage, wer die Entscheidungen trifft, wer welchen Raum einnimmt, Lösungen findet, Impulse setzt, wie Männlichkeit und Weiblichkeit inszeniert werden etc. Interessant erscheint mir in dem Zusammenhang die Erwähnung einer Untersuchung – leider ohne Quellenangabe – nach der geschlechtslose Kostüme grundsätzlich zunächst einmal männlich gelesen würden. Übertragen auf die Puppe hieße das, dass auch geschlechtsneutrale Puppen oder Objekte zunächst einmal männlich konnotiert würden, was vor allem Beachtung bei Puppenbauern finden müsste.

Wie wichtig diese Überlegungen sind, wurde bereits im Nachgespräch der vorgeschalteten Aufführung deutlich, in dem die Fragen und Bemerkungen der Kinder doch auf überwiegend klischeehafte und teils antiquierte Rollenbilder schließen ließen, was letztlich die Notwendigkeit mit sich bringt, dass auch die Künstler die eigenen gelernten Denkmuster reflektieren. Der Umgang mit Bildern und – meist durch das Elternhaus geprägten – Vorstellungen beim Publikum, die man gerne konterkarieren möchte, erfordert Fingerspitzengefühl. Doch bietet das Geschehen auf der Bühne dem jungen Publikum die Möglichkeit, im „geschützten Raum“ Erfahrungen zu machen, die über die eigene Lebenswelt hinausgehen, Klischees aufzubrechen und alternative Lebensentwürfe zu zeigen, indem es nicht Vorhandenes reproduziert, sondern Vorgänge neu rahmt. – www.festival-panoptikum.de

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