Theater der Zeit

Mobile Kraftwerke und Beleuchtung oder: Alles elektrisch?

von För Künkel und Mirjam Hildbrand

Erschienen in: Zirkuskunst in Berlin um 1900 – Einblicke in eine vergessene Praxis (02/2025)

Plakat für ein Programm im Markthallenzirkus unter Circus Renz (1884).
Plakat für ein Programm im Markthallenzirkus unter Circus Renz (1884).Foto: Victoria and Albert Museum, Theatre and Performance Collection, S.1798–1995.

Die Zeit der großen Berliner Zirkusbauten war auch geprägt durch die zunehmende Erforschung von Elektrizität und ihrer Nutzung zur Erzeugung von Licht. Ende 1879 beantragte Thomas Edison für die Entwicklung seiner elektrischen Glühlampe ein erstes Patent und ab den frühen 1880er Jahren begann sein Unternehmen mit der industriellen Produktion der Edison-Glühlampen. Eine zentrale Stromversorgung wie wir sie heute kennen, gab es damals jedoch noch nicht. Circus Renz besaß eigene, teils mobile Kraftwerkanlagen zur Stromerzeugung, mit denen durchaus eine kleinere Anzahl Glühbirnen zum Leuchten gebracht werden konnte. Ständige elektrische Beleuchtungsanlagen wurden in Theaterhäusern erst ab den 1880er Jahren nach und nach installiert. Im Berliner Opernhaus Unter den Linden bestand beispielsweise ab 1882 eine derartige Anlage, die aber erst 1887 fertig gestellt wurde. Im Jahr 1882 wurde der Theaterneubau in Brünn (heute Brno in Tschechien) als erstes Theaterhaus im deutschsprachigen Raum mit einer kompletten elektrischen Beleuchtungsanlage eröffnet (vgl. Baumann 1988, S. 152ff.). Ob ein Zirkusgebäude bereits davor über eine derartige Anlage verfügte, ist bislang nicht bekannt.

Im Falle der Zirkuspantomime Harlekin à la Edison oder: Alles elektrisch, die am 23. Oktober 1884 bei Circus Renz im Markthallenzirkus Premiere hatte, wurde die Elektrizität und die Erfindung der Edison-Glühlampe zum zentralen Inhalt der Inszenierung gemacht. In einer bildreichen Publikation von Wolfgang Carlé und Heinrich Martens über den Friedrichstadt-Palast aus dem Jahr 1987 ist darüber zu lesen: „Die Primaballerina tanzt als ‚elektrische Dame‘, die Clowns knipsen bei ihren Szenen wechselweise rote, grüne und blaue Lämpchen an, und im turbulenten Finale fechten Akrobaten und Mimiker Duelle mit Schwertern aus, die bei jeder Berührung aufblitzen.“ (Carlé u. Martens 1987, S. 23) Diesem Bericht zufolge erstrahlten anlässlich von Harlekin à la Edison außerdem 2000 verschiedenfarbige Glühbirnen in der Manege des Markthallenzirkus – zu Beginn der 1880er Jahre eine echte Sensation. Die beiden Autoren nennen zu dieser Beschreibung jedoch keine Quelle und wir konnten trotz ausführlicher Recherchen auch keinen Beleg dafür finden. Somit bleibt unklar, ob die Beschreibung einem Zeitungsbericht über die Inszenierung entstammt, einem Anschlagzettel entnommen wurde oder vielleicht doch der Vorstellungskraft der Autoren entsprungen ist. Aber mit Sicherheit sorgten elektrische Beleuchtungseffekte für Faszination, denn bis die Wohnungen einer breiten Bevölkerung mit elektrischem Licht erhellt wurden, sollte es noch bis in das 20. Jahrhundert hinein dauern. Der Tanz einer „elektrischen Dame“ sowie ein „Schwertkampf mit elektrischen Waffen“ dürften laut dem Chronisten von Circus Renz namens Alwil Raeder wirklich auf dem Programm gestanden haben. Und möglicherweise kamen dabei Erfindungen des französischen Elektroingenieurs Gustave Trouvé zum Einsatz (vgl. Abb. 28, 29 u. 30, S. 65).

Die Edison-Glühlampe kam erst nach 1880 auf den Markt. Somit dürfte Circus Salamonsky für die beschriebene Beleuchtung strombetriebene Kohlebogenlampen verwendet haben. In Kohlebogenscheinwerfern wurden mithilfe von Strom zwei Kohlestäbe aneinander abgebrannt und erzeugten so ein helles Licht. Mit einem entsprechenden Gerät ließ sich ein Beleuchter von Circus Renz 1881 in einem Fotografie-Atelier ablichten. Die Bauzeichnung vom Berliner Circus Krembser (vgl. Abb. 18, S. 50f.) belegt außerdem: Zwei elektrische Kohlenbogenlampen dienten für die Beleuchtung der Pantomimen. Mithilfe von Blenden, Filtern und anderen Aufsätzen konnten mit den Kohlebogenscheinwerfern unterschiedliche Lichteffekte erzeugt werden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese Technologie für szenische Inszenierungen auf großen Opern- und Theaterbühnen verwendet. Die Anlagen waren kostspielig und selbst ein großes Haus wie das Dresdner Hoftheater konnte längst nicht alle Inszenierungen mit entsprechenden Lichteffekten versehen (vgl. Baumann 1988, Abb. 18, S. 137ff.). Dies sagt im Umkehrschluss etwas über die finanziellen und technischen Möglichkeiten großer Zirkusgesellschaften um 1900 aus.

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