Theater der Zeit

Auftritt

Staatstheater Mainz: Viertausendmal Beirut!

„A Family Business“ von Chris Thorpe (UA) – Entwickelt mit Rachel Chavkin und Lekan Lawal, Inszenierung Claire O'Reilly, Ausstattung Eleanor Field, Musik Anna Clock

von Björn Hayer

Assoziationen: Rheinland-Pfalz Theaterkritiken Chris Thorpe Staatstheater Mainz

Efè Agwele und Sebastián Capitán Viveros in „A Family Business“ von Chris Thorpe am Staatstheater Mainz. Foto Andreas Etter
Efè Agwele und Sebastián Capitán Viveros in „A Family Business“ von Chris Thorpe am Staatstheater MainzFoto: Andreas Etter

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Als Schreckensgespenst steht er seit einigen Monaten immer wieder im Raum, der sogenannte taktische Atomschlag. Nur was würde er bedeuten, wenn Putin diese verbale Drohung tatsächlich in die Tat umsetzen sollte? Mitunter über diese Frage hat sich der Autor Chris Thorpe nicht nur einige Gedanken gemacht, sondern darum herum, gemeinsam mit Rachel Chavkin und Lekan Lawal, ein ganzes, äußerst beklemmendes Stück entwickelt. Der Dramatiker  selbst fungiert unterdessen als eine Art Erzähler. Während der Uraufführung am Staatstheater Mainz setzt sich der Dramatiker mit seinem Laptop mehrfach ins Publikum, beginnt ein vermeintlich lockeres Gespräch, das jedoch eine düstere Wendung nimmt. Denn sobald er von den Zuschauer:innen erfährt, wo sie beispielsweise am liebsten ein Date in Mainz hätten, setzt er auf einer projizierten (der bekannten Google-Optik ähnlichen) Nukemap, einer digitalen, interaktiven Karte, die die Auswirkungen eines Atomschlags simuliert, den Pfeil. Dort könnte dann theoretisch die Nuklearbombe mit ihrem visuell dargestellten Kontaminationsradius eintreffen. Gespickt wird das imaginäre Experiment überdies noch mit einigen Fakten zur Sprengkraft. Ausgehend von der Explosionskatastrophe in Beirut 2020, bei der mehr als zweihundert Menschen in der Nähe des Hafens ihr Leben verloren, rechnet Thorpe hoch: Die einst Hiroshima zerstörende Sprengkraft sei  – zur sichtlichen Verblüffung des Publikums – fünfzigmal so zerstörerisch wie das Unglück in der libanesischen Stadt gewesen, die aktuell stärkste Waffe der USA, die 150 Tonnen TNT entspräche, könnte wiederum die viertausendfach Schlagkraft erzeugen.

Also alles nur Panikmache? Zum Glück schließt das Spiel neben der Auseinandersetzung mit denkbaren Szenarien noch einen weiteren Handlungsstrang ein. Dieser gründet in dem Bemühen um einen neuen, internationalen Vertrag zum Abbau von Atomwaffen, der durch das Werben der UN und diverser NGOs bereits von 91 Staaten unterzeichnet wurde. Nachdem der Autor in den vergangenen Jahren mit vielen in derlei langwierige Verhandlungen involvierten Akteuren Interviews geführt hat, bringt er in „A Family Business“ einige daran angelehnte Gespräche auf die Bühne. Pragmatiker treffen auf VertreterInnen aus Entwicklungsländern, Idealisten auf Zögernde (Andrea Quirbach, Efѐ Agwele, Sebastiaán Capitán Viveros) – ein Personal, das durchaus etwas grobschlächtig erscheint.

Als gewissermaßen weitere Figur begegnet uns ein Kabelberg (Ausstattung: Eleanor Quirbach), dessen gelb-schwarze Färbung an das Atomsymbol erinnert. Mal lösen die Protagonisten einige Verknotungen daraus auf, mal werfen sie sich die seilartigen Gebilde zu, um damit ihr Gegenüber in den Hinterzimmergesprächen sinnbildlich zu überzeugen. Bisweilen dienen sie aber auch zweien dazu, ein großes Seilspringen zu veranstalten. Wenn die Verhandlungsteilnehmer:innen darin hüpfen, dann vor allem, um zum einen die Zähigkeit der Verfahren, zum anderen ihr damit einhergehendes Durchhaltevermögen zu dokumentieren. Doch damit nicht genug, sogar als Augenbinde für all jene, die die Gefahr nicht sehen wollen, kommen die Verbindungsschnüre zum Einsatz. Offensichtlich wird in dieser klugen Szene die Verdrängung all möglichen Folgen des Waffeneinsatzes.

Doch ganz löst sich der Kabelsalat eben nicht auf, er zeigt sich so verworren wie der ewige Diskurs um die umstrittene Risikotechnologie selbst, deren denkbaren Effekte am Ende für einen kurzen Moment erahnbar werden. Denn ähnlich einer Vulkaneruption erhebt sich mit einem Mal die Aufschüttung, gleißendes Detonationslicht strahlt in den Raum und zurück bleibt eine Art Kaffeekränzchen unter dem Pilz. Viel wurde nun geredet, allzu viel verdrängt – so die Botschaft dieses Abends, der abseits einer nicht unproblematischen Angstdramaturgie kaum innovative Einsichten zum Besten gibt. Überzeugen kann das Werk, inszeniert von Claire O’Reilly, einzig aufseiten der pointierte und fein ausgestaltete Ästhetik: Allen voran die stringente Entfaltung sowie der vielfältige Einsatz des Kabelmotivs bringt die ganze Komplexität der diplomatischen Auseinandersetzungen zum Ausdruck. Dadurch gelingt der Regie auch ein Porträt unserer politischen Kultur, die zwar um die Latenz einer Menschheitsgefahr weiß, sich aber im Kleinklein der Einwände und Zweifeleien lähmt. Verblüffend, wie Fiktion und Wirklichkeit ineinander verschwimmen!

Erschienen am 27.12.2022

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