Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Deutsche Zustände – Intendanten über ein neues politisches Selbstverständnis (10/2019)
Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg wird am 27. Oktober nun auch in Thüringen, das bis dato rot-rot-grün regiert wird, ein neues Parlament gewählt. Es ist zu befürchten, dass im Land von Björn Höcke auch Vertreter des sogenannten AfD-„Flügels“ Mandate erlangen werden. Zurzeit laufen zwischen Thüringer Verfassungsschutz und AfD zwei Gerichtsverfahren, in denen geklärt wird, ob die Partei vom Verfassungsschutz als „Prüffall“ bezeichnet werden darf. Im Zweifelsfall landen also ultrarechte AfDler im Landtag, die dann im Prüffall nicht nur Büros, sondern auch Verfassungsschützer vor die Tür gestellt bekommen. Um Steuergelder zu sparen, wäre allerdings zu wünschen, dass der Verfassungsschutz gleich das Büropersonal stellt.
Die paradoxe Erleichterung, die nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg eintrat – Stimmverlierer sahen sich als Gewinner, weil eine Regierungsbeteiligung der AfD abgewendet werden konnte – weicht nun schweren Koalitionsverhandlungen. Holk Freytag, der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste und ehemals Intendant des Staatsschauspiels Dresden, brachte es in einem MDR-Interview auf den Punkt: Man sei noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Der MDR hatte im Sommer unter allen Intendantinnen und Intendanten Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens eine Umfrage zur Situation und zum Selbstverständnis der Theater in politisch angespannten Zeiten unternommen. Stefan Petraschewsky vom MDR resümiert für uns: Die Theater haben gelernt, mit Hassmails und Störfeuern der AfD umzugehen, versuchen künstlerisch und institutionell auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren, verteidigen die Kunstfreiheit, setzen auf kulturelle Bildung. Allein 24 der 32 Theater haben eine Bürgerbühne etabliert. Theater der Zeit hat mit zwei der Intendanten sowie einer Intendantin aus dem Wahlland Brandenburg ausführlich gesprochen. Bettina Jahnke vom Hans Otto Theater in Potsdam, Roland May vom Theater Plauen-Zwickau und Steffen Mensching vom Theater Rudolstadt ordnen mit Dorte Lena Eilers und Gunnar Decker die politischen Entwicklungen in den dreißig Jahre alten (!) neuen Bundesländern historisch ein, finden ihre Erklärungen aber auch jenseits aller Ostspezifik in der Krise der Demokratie, der Verunsicherung durch neoliberale Politik. Als Theaterfrau sieht sich Jahnke vor der Aufgabe, den abgerissenen Dialog mit den Bürgern auch im Theater wiederherzustellen.
Auch Lukas Rietzschel hat in seinem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ die rechte Radikalisierung zweier Brüder in der ostsächsischen Provinz nicht als simplen Kurzschluss aus ostdeutschem Milieu und Pegida erzählt, wie das derzeit gerne geschieht. Im Gespräch mit Anja Nioduschewski betont er, dass die tiefe Verunsicherung angesichts des politischen Systems auch im Westen des Landes radikalisierte Kräfte freisetze. „Interessant wird es jedoch, wo diese Themen spezielle ostdeutsche Berührungspunkte haben.“ Wir drucken die von Rietzschel mitverfasste Bühnenadaption, die gerade in Dresden uraufgeführt wurde.
Die Missverständnisse zwischen Ost und West enden allerdings nicht an der Oder-Neiße-Grenze. „Die neokolonialistische Attitüde der EU Osteuropa gegenüber ist unübersehbar. Ich kann im Moment nichts Positives an Europa entdecken“, sagt die moldawische Dramatikerin und Theatermacherin Nicoletta Esinencu und zeigt es uns mit ihrem Teatru Spălătorie. Renate Klett hat diese durch und durch politische Künstlerin, die sich genauso kritisch mit ihrem eigenen Land auseinandersetzt, porträtiert.
Was Steffen Mensching im Intendantengespräch als „Zustand eines Gesellschaftmodells, das kapitalistische Demokratie heißt“ kritisiert, kann man in seinen vollends pervertierten Auswüchsen in der Gefangenenstadt Palmasola in Bolivien betrachten, aus der sich der Staat zurückgezogen hat. Hugo Velarde analysiert in einem aufschlussreichen Essay die Gesetze von Palmasolas „neoliberalen Vollzug“, der en miniature vielleicht für ganz Bolivien Modell steht und den der Schweizer Regisseur Christoph Frick in einem Dokumentartheaterstück lesbar gemacht hat.
Theater als eine immer auch politische Kunst – dafür stand seit ihrer Gründung und zuletzt unter der Intendanz von Frank Castorf mit ihrem dezidierten „OST“ über dem Portal die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Nicht verstanden als eine irgendwie szenisch drapierte Agenda, Moral usw. Es ging um Kunst! Auch beim Lichtdesign. Weshalb der plötzliche Tod von Torsten König, der als Leiter der Beleuchtungsabteilung viele Inszenierungen szenisch ins Licht setzte, einen großen Verlust darstellt. Der Bühnenbildner Mark Lammert verabschiedet sich von ihm – in unserem Künstlerinsert. //
Die Redaktion
















