Theater der Zeit

Zehn Theaterlandschaften / Diez panoramas teatrales – Argentinien / Argentina

Repräsentation in Ruinen / La representación en ruinas

von Rafael Spregelburd

Erschienen in: ¡Adelante! – Iberoamerikanisches Theater im Umbruch / Teatro Iberoamericano en tiempos de cambio (02/2017)

Assoziationen: Südamerika

Foto: “Un Poyo Rojo” (Ein rotes Huhn), R: Hermes Gaido. © Alejandro Ferrer
„Un Poyo Rojo“ (Ein rotes Huhn), R: Hermes GaidoFoto: Alejandro Ferrer

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Das argentinische Theater war schon immer ein politisches. Selbst da, wo die Geschichten, die es erzählt, nicht unmittelbar aktuelle Themen aufgreifen, sorgen die Produktionsbedingungen (Marginalisierung, Kollektive, völlige Freiheit) und der Mangel an (öffentlicher oder privater) Vermittlung dafür, dass das Theater der adäquate Ort ist, um jenes falsche Bild zu entlarven, das die Mächtigen uns als „Realität“ vorgaukeln.

Bei einem Theaterforum vor dreizehn Jahren in Wien wurden Teilnehmer aus verschiedenen Ländern gebeten, eine einzige Frage zu beantworten: Was ist „real“? Unter den Gästen – Autoren aus Russland, Palästina und Nationen, die es nicht mehr gibt, – repräsentierte ich das Opfer einer verheerenden Krise. Die Finanzkatastrophe vom Dezember 2001 wurde zur klassischen Referenz der europäischen Vorstellungswelt, und da man sich in Argentinien in allen möglichen neoliberalen Experimenten versucht hatte, waren diejenigen, die über die fatalen Folgen Bericht erstatten konnten, sozusagen als entfesselte, wütende Kassandras, gern gesehene Botschafter auf internationalem Parkett.

Ich unternahm damals nicht einmal den Versuch, die argumentative Logik des Debakels zu erläutern, und ebenso wenig will ich das heute tun. Vielmehr beschränkte ich mich darauf, die wichtigste Bedingung für das „Reale“ in unserem Land zu beschreiben: den Legoeffekt beziehungsweise die mediale Konstruktion des „Realen“ aus vorgefertigten Bausteinen. Am Ende meines Vortrags zeigte ich dem Wiener Publikum einen „Patacón“ (das Ersatzgeld, das damals in aller Eile gedruckt wurde, um das Verschwinden des echten Geldes zu kaschieren) und erklärte, dass in unserer Gesellschaft nicht einmal mehr das Geld als universelle Repräsentation des Reichtums richtig funktionierte, denn diese war bereits zur „Repräsentation der Repräsentation“ geworden, bei der ein Taxifahrer die ihm übergebene Fotokopie eines Patacóns ebenso akzeptierte wie einen „echten“ Patacón, der ja selbst nur ein vages Versprechen war, das Volk aus der Schuldenfalle zu holen. Man kann sich vorstellen, was aus dem Theater in einem Land wird, das einen derartigen Abstraktionsgrad im Funktionieren der eigenen Repräsentation erlebt.

Damals machte eine Meldung Schlagzeilen, in der von einem Viehtransporter berichtet wurde, der mitten auf der Straße in Santa Fe umgekippt und von unbekannten Anwohnern überfallen worden war, die die Tiere direkt auf dem Asphalt schlachteten und das noch blutende Fleisch nach Hause trugen. Es war ein Skandal: unvorstellbar, dass Menschen in Argentinien Hunger leiden. Schließlich sind wir die Kornkammer der Welt. Die Presseberichte variierten: Wir erfuhren weder, ob die Tiere durch den Unfall ums Leben gekommen waren, noch, ob sich die Gruppe der Schlachter spontan gebildet oder organisiert gewesen war. Man spekulierte, ob es sich bei der ganzen Sache um eine Inszenierung gehandelt hatte. Das Drehbuch wäre also dem Akt selbst vorausgegangen und quasi als Legostein passend in einen neuen Bau eingefügt worden. Vor gerade erst vier Wochen, gleichsam als schlechte Coda, erschien die Meldung vom Unfall und der spontanen Viehschlachtung auf der Straße von Santa Fe ein weiteres Mal.

Früher zweifelte wohl niemand an der Richtigkeit von Nachrichtenmeldungen. Nachrichten waren kein Konstrukt; sie präsentierten Daten und Fakten. Heute glaubt man nur noch Kolumnen und Meinungsseiten. Auf Daten und Fakten basierende Informationen heißen heute „Operationen“. Das Drehbuch ist weder wahr noch falsch. Vermutlich gibt es ständig ähnlich brutale und blutige Ereignisse, doch die Öffentlichkeit erfährt erst dann von ihnen, wenn mit ihnen eine bestimmte Meinung gemacht werden soll.

Die Großkonzerne nutzten den Finanzkollaps des Jahres 2002 (der die ihre Bankkonten plündernde Mittelschicht um ihre Ersparnisse brachte), um ihre Dollar-Schulden zu „pesofizieren“ (in Landeswährung umzuwandeln). Durch den Wertverlust der nationalen Währung wurde die private Verschuldung verstaatlicht. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass es in jeder Krise Gewinner und Verlierer gibt, was jedem Repräsentationssystem einen herben Schlag versetzt.

Der Wiederaufbau vollzog sich langsam und schmerzhaft. Das Land teilte sich dauerhaft in zwei Lager: Während die einen an den Prozess der Rekonstruktion (der staatlichen Souveränität und Wirtschaftsautonomie) glaubten, warfen die anderen, mit unterschiedlichen Beweisen und Erzählungen argumentierend, den Nachfolgeregierungen Korruption vor. Bald wurde das Land durch den ewig amorphen Schatten eines unerklärlichen und widersprüchlichen Phänomens – den Peronismus – verdunkelt. Am Ende übertrugen die Argentinier dem mit einem Vorsprung von einem Prozent denkbar knappen Sieger der letzten Wahlen das Kommando, einer neuen, bis dato inexistenten, populistischen Partei, die dem alten, unveränderten Neoliberalismus der Oligarchie mit seiner gütig lächelnden Maske und bunten Luftballons das Wort redet. Ein Pappkamerad. Eine lächerliche, schlecht bemalte Fassade. Wenn die Menschen wütend sind, nutzt der Neoliberalismus ihre Wut zu seinem Vorteil und behauptet, schuld an der Misere seien Politiker, Ideologien und soziale Kämpfe.

Die Zerstörung Argentiniens vollzog sich innerhalb von knapp sieben Monaten – mit Inflation, „Tarifazo“ (Erhöhung der Verwaltungsgebühren), Gegenleistungen für Wahlbegünstigungen, komplizenhaftem Augenzwinkern gegenüber der mörderischen Diktatur und ihren Schergen und bedingungsloser Unterwerfung unter die globalen Mächte. Es braucht natürlich Geschichten und Fabeln, damit der Nimbus der Unschuld aufrechterhalten werden kann. Entsprechend bat der Staatspräsident anlässlich der Zweihundertjahrfeiern der Unabhängigkeit vom „Mutterland“ beim spanischen König um Verzeihung, nachdem – und das ist das eigentliche Problem – der argentinische Wirtschaftsminister auf Sondermission in Spanien sich beim spanischen Kapital (bzw. den nicht einmal spanischen Ölmultis) für die temporäre Verstaatlichung der argentinischen Ressourcen entschuldigt hatte.

So muss sich das Theater heute einem Publikum stellen, das bereits vor dem Betreten des Saales gespalten ist. Ein verarmtes Publikum und eine desillusionierte Mittelschicht mit dem Gefühl, dass eine Zeitbombe tickt. Das Theater sucht, immer hektischer und vielleicht auch immer oberflächlicher. Vielleicht wäre es eine Option, das Scheinbare auf Distanz zu halten, intensiv nachzudenken, nicht in die Falle der Tagesnachrichten zu tappen, sich nicht von den modischen Bühnentrends der Welt mitreißen zu lassen, um das Geheimnis der reinen Poesie neu zu begründen. Die Sache der kreativen Arbeit ist nach wie vor dringlich. Das Schlachtfeld, das sie umgibt, bringt den Boden zum Glühen, auf dem die Schauspieler stehen, um aus ihren existenziellen Lügen eine andere Realität zu bauen, die das Falsche jener anderen offenbart, der „Realität“ der gestapelten Legosteine, die man uns für wahr verkaufen will. Das argentinische Theater hat tausend verschiedene Gesichter. Es präsentiert sich weder in thematischer noch in ästhetischer Einheit. Und dennoch kommt es jedes Mal, wenn sich der Vorhang hebt, zu einem kleinen Akt der Dissidenz. Und des Widerstands.

El teatro argentino ha tenido siempre una fuerte matriz política. Puede que sus relatos no sean siempre explícitamente sobre temas de la actualidad, pero sus condiciones de producción (marginal, cooperativa, libérrima) y su falta de mediatización (estatal o empresarial) hacen que el teatro sea una cantera muy propicia para derribar esa falsa construcción que el poder sostiene como “lo real”.

Hace trece años, en un foro teatral en Viena, se nos hacía a los participantes de diversos países una sola pregunta: ¿qué es “real”? En aquella ocasión – junto a autores de Rusia o Palestina, países que no existen más – yo funcionaba como un sobreviviente de una crisis devastadora. La naturaleza de la hecatombe financiera de diciembre de 2001 sigue siendo un clásico en el imaginario europeo, porque como en la Argentina se han ensayado todo tipo de experimentos neoliberales, los voceros de los malos resultados son invitados con cuidados especiales, como Casandras desenfrenadas y feroces.

En aquella ocasión ni intenté siquiera explicar la lógica argumental de la debacle, así que tampoco lo voy a hacer ahora. Pero sí me concentré en demostrar la condición primera de lo “real” en nuestro país: el efecto Lego o construcción mediática sobre la base de ladrillitos ya prefabricados. Hoy no puedo evitar recordar esa conferencia, que terminaba mostrando al público vienés un patacón (un billete provisorio, impreso a toda prisa para esconder la desaparición del dinero real), y explicando que ya ni siquiera el dinero (representación universal de la riqueza) era totalmente operativo en nuestra sociedad, que había llegado a “la representación de la representación”, en la que una fotocopia de patacón valía para el taxista que te la aceptaba exactamente por el propio patacón, que era una pálida promesa de saldo de deuda con el pueblo. Imaginen lo que puede ocurrir con el teatro en un pueblo que experimenta semejante grado de abstracción en sus funciones representacionales.

En aquella época tuvo mucho impacto la noticia de un camión de vacas volcado en plena ruta, en Santa Fe, que fue atacado por lugareños anónimos que carnearon las vacas en medio del asfalto para llevarse a sus casas la carne sanguinolenta. Fue un escándalo: el hambre en la Argentina es inconcebible, porque fuimos el granero del mundo. Las versiones periodísticas varían ligeramente: no sabemos si las vacas carneadas han muerto o no en el accidente, tampoco sabemos si el grupo de carneadores profesionales es espontáneo u organizado, y en definitiva somos inducidos a pensar que todo el asunto es una elaborada puesta en escena. Pero el guion preexiste al hecho real, como un Lego que se puede encajar oportunamente en una nueva construcción. Hace apenas cuatro semanas, la noticia del abigeato rutero y faena instantánea de vacas en Santa Fe se repitió una vez más, como un bis malo.

Es posible que antes a nadie se le ocurriera dudar de las noticias. Las noticias no eran una construcción: eran una presentación de datos fácticos. Ahora sólo resultan creíbles las columnas de opinión. Las noticias de datos fácticos, en cambio, han pasado a llamarse “operaciones”. El guion no es ni verdadero ni falso; probablemente este cuatrerismo de bolsillo, sangriento y espantoso, ocurra todo el tiempo, pero sólo se vuelve noticia cuando hay intereses que deciden levantarla como ejemplo para motivar alguna opinión.

En el 2002 – eso estuvo claro – el derrumbe financiero del país (que acabó con los ahorros de la clase media secuestrando sus dineros de los bancos) permitió a las grandes empresas pesificar sus deudas. Las deudas privadas fueron así estatizadas mediante la caída del valor de la moneda nacional. En todas las crisis, si uno mira con cuidado, hay alguien que gana. Y todo sistema de representación sufre un golpe formidable.

Los años de la reconstrucción fueron lentos y bastante agónicos. El país se dividió para siempre en quienes creyeron en este proceso de reconstrucción (de la soberanía, del Estado, de la autonomía económica) y quienes simplemente acusaron de corruptos a los gobiernos que siguieron, con diversos grados de pruebas y relatos, oscurecidos bajo la sombra siempre amorfa de una coartada inexplicable y llena de contradicciones: el peronismo. Finalmente, por un apretado 1%, las últimas elecciones dieron el comando del país a un partido nuevo, inexistente, peligrosísimo: el viejo neoliberalismo oligárquico de siempre disfrazado de sonrisa bonachona y globos de colores. Una representación de cartapesta, un telón tan mal pintado que da risa. Cuando la gente está tan enojada, el neoliberalismo reordena ese enojo a su gusto y se le achaca la culpa a la política, a la ideología, a la lucha social.

El proceso de destrucción de la Argentina se ha consumado en apenas siete meses. Inflación, tarifazos, devolución de favores electorales, guiños cómplices a la dictadura genocida y sus ejecutores. La entrega y sumisión a los poderes mundiales es absoluta. Y esa entrega necesita de relatos y de fábulas muy elementales para sostenerse en el limbo reblandecido de la inocencia. Si hasta en los festejos del Bicentenario de la Independencia hemos tenido que ver a nuestro presidente presentando disculpas al mismísimo rey de España, un calco infantil del problema verdadero: el ministro de economía en misión especial a España pidiendo disculpas a los capitales españoles (de multinacionales petroleras que ni siquiera son españolas) por haber nacionalizado (temporariamente) nuestros recursos.

Así encuentra al teatro este momento: con un público dividido antes de entrar a la sala. Un público empobrecido, una clase media desilusionada y una suerte de sensación de bomba de tiempo. Las búsquedas teatrales son cada vez más veloces y – tal vez – superficiales. Queda tratar de tomar distancia de lo aparente, reflexionar en lo profundo, huir de la trampa de las noticias cotidianas, no dejarse llevar por las tendencias teatrales de moda en todo el mundo, volver a refundar el misterio de la pura poesía. El asunto de la creación sigue siendo arduo; el campo de batalla alrededor de éste no hace más que recalentar la tierra en la que están de pie los actores para hacer de sus mentiras existenciales una realidad alterna que muestre la falsedad de la otra, la de Legos apilados, la que nos quieren vender como real. El teatro argentino presenta mil caras diferentes; es imposible señalar en él una unidad de temas o de estéticas. Y sin embargo cada vez que se levanta el telón ocurre un pequeño acto de disidencia. Y resistencia.

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