Theater der Zeit

Behindert künstlerisch leiten

von Sophia Neises

Erschienen in: Recherchen 180: Im/Mobile Möglichkeiten – Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten (07/2026)

Assoziationen: Theaterpädagogik Dossier: Inklusion

Die Fotografie zeigt Irene Giró und Fia Neises. Die zwei Performer*innen von WITH OR WITHOUT YOU. Beide sind weiß und behindert. Beide werden weiblich und nicht-behindert gelesen. Irene hat braune, dichte, lange Locken und ist feingliedrig. Fia hat dunkelblondes, glattes, ohrlanges Haar. Ihr Körper ist größer und weicher als der von Irene. Die Fotografie zeigt beide im weißen „Silk“. Ein 14 Meter langes Tuch, das in der Mitte an der Decke aufgehängt wird. Die beiden Enden hängen schwer bis zum Boden und die Protagonist*innen wickeln, klettern, schwingen, hängen und halten sich darin. Fia ist blind und hat Irene gefragt, was sie auf dem Bild tun. Dann haben sie sich erinnert: Irene: Wunderschön. Alles wirkt ein wenig wie eine Hochzeitseinladung. Viel weißer fließender Stoff und Sinnlichkeit. Xenia hat zwei Bilder schemenhaft übereinandergelegt.  Fia: Welche? Irene: In dem Moment auf dem hinteren Bild sind wir beide auf der weichen Matte, eng zusammen und beide im Kontakt mit dem Silk.  Fia: Ich erinnere mich. Der Moment war ruhig. aber sehr schön. Ich habe mit meiner Hand versucht nachzuvollziehen, wie deine Hand oben das Silk anfasst. Dein Arm reichte nach oben und dein Gesicht war sehr zuhörend und spürend Richtung Boden geneigt. Du hattest es auf meinem aufgestellten Bein abgelegt.  Irene: Ich sehe deine Hand an der Wurzel von meinem Arm. Außerdem die Krone von deinem Kopf mit den hellblonden Strähnen, die fast meinen Rücken berührt. Mein Kopf verschwindet hinter dem linken Silk. Das andere Silk ist rechts daneben. Es ist genauso gespannt wie das linke Silk, weil es von deiner Hand nach unten gezogen wird. Darüber liegt das Bild von uns beiden im Kokon.  Fia: Wenn wir uns ganz im Silk verstecken. Beide Körper in einer Kugel. Gehalten von einem stabilen Knoten unter unserem Kokon.  Irene: Das Bild zeigt nur unsere Hände, die sich in einer Berührung vorsichtig aus einem Spalt im Kokon wagen. Der Kokon mit unseren Händen liegt blass, wie eine Erinnerung, über unseren beiden rastenden und tastenden Körpern.
Abb. 20: Fia Neises und Irene Giró in WITH OR WITHOUT YOU.Foto: Xenia Dürr

Über den folgenden Link können Sie sich den Beitrag anhören.

Einfach gesagt:

Wenn eine behinderte Person eine Aufführung leitet

Dieser Text ist 8 Monate nach der ersten Aufführung von WITH OR WITHOUT YOU entstanden. Das war ein Stück mit Tanz und langsamer Musik. Das Publikum konnte im Stück mitmachen. Vor allem behinderte Menschen fanden das Stück super.

»With or without you« heißt auf Deutsch: mit dir oder ohne dich.

Fia hat die Aufführung geleitet und auch diesen Text geschrieben. Fia heißt eigentlich Sophia Neises.Fia ist Anfang 30. Sie hat 3 Tattoos. Fia ist behindert, weiß und queer. »Queer« ist ein Sammel-Begriff. Das bedeutet: Viele Menschen, die bi-sexuell, lesbisch, schwul, Inter-Menschen oder Trans-Menschen sind, nennen sich queer.

Sie lebt in Berlin und hat an der Uni studiert. Ihre Eltern sind Arbeiter*innen.

Als Fia am Stück gearbeitet hat, hat sie viel nachgedacht. Im Text geht es um Dinge, worüber Fia erst später nachdachte.

Fia und ihr Team wollten mit dem Stück eine Wunschwelt schaffen. Das ist so etwas wie eine bessere Welt: eine Welt, in der das Leben für behinderte Menschen leichter ist. Eine Welt, in der behinderte Menschen überall mitmachen können. Fia fragt sich, ob sie und ihr Team das geschafft haben.

Und Fia denkt darüber nach, ob sie sich selber als Künstlerin bezeichnet und seit wann sie das macht. Fia fragt sich auch, ob sie seit der Aufführung anders über sich selber denkt.

Über Fia

Fia ist als behindertes Kind aufgewachsen. Man hat Fia früh gesagt, dass behinderte Menschen nicht auf eine Bühne gehören. Fia durfte in ihrer Grundschule nicht im Theater mitspielen. Fia durfte erst an der Sonderschule für blinde und sehbehinderte Menschen tanzen, singen und Theater spielen. Später hat Fia an der Uni studiert. Dabei hat Fia gelernt, wie man andere Menschen dazu bringt, Spaß am Theaterspielen zu haben. Fia hat auch gelernt, wie sie sich selber am besten bewegt. Und Fia hat gelernt, was sie alles mit ihrer Stimme machen kann.

Fia hat bei vielen Projekten mitgearbeitet: als Künstlerin, als Autorin und als Beraterin für Barrierefreiheit. Fia hatte oft Nachteile, weil sie behindert ist. Sie hat sich lange gefragt, ob sie selber Künstlerin ist. Fia hatte das Gefühl, dass nicht-behinderte Künstler*innen sie nur mitmachen lassen, damit sie sagen können: »Bei uns ist eine behinderte Person dabei.« Fia hat viel mit anderen behinderten Künstler*innen geredet. Und Fia hat die Vorstellungen von anderen behinderten Künstler*innen besucht.

Fia ist Künstlerin und Aktivistin. Beides gehört für Fia zusammen. Barrierefreiheit ist für Fia bei der Arbeit sehr wichtig. Sie will, dass ihre Vorstellungen auch für blinde Besucher*innen interessant sind.

WITH OR WITHOUT YOU

Viele behinderte Personen haben eine Assistenz. Dabei entsteht viel Nähe. Fia hat mit anderen Menschen viel über diese Nähe gesprochen. Dabei hatte Fia die Idee zu WITH OR WITHOUT YOU. Fia konnte durch das Programm Making a Difference an der Aufführung arbeiten. Das Programm setzt sich dafür ein, dass behinderte Künstler*innen Theater und Tanz machen.

Fia ist in WITH OR WITHOUT YOU mit der Künstlerin Irene Giró auf der Bühne. Irene ist Autistin. Fia ist blind. Gemeinsam haben sie sich ausgedacht, wie sie zusammen tanzen und arbeiten. Dabei hatten sie viele neue Ideen. Irene und Fia machen Akrobatik mit einem Tuch. Während der Aufführung gibt es eine Stimme. Die Stimme beschreibt, was auf der Bühne los ist.

Kann man eine bessere Welt schaffen?

Fia hat sich viele Fragen gestellt, zum Beispiel: Verschwinden die Unterschiede zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen, wenn eine behinderte Person eine Aufführung leitet? Die Antwort von Fia ist: nein, nicht unbedingt. Aber es ist wichtig, dass man die Unterschiede kennt und achtet. Fia ist auf dem Weg, eine eigene »künstlerische Handschrift« zu finden – also einen eigenen Stil, wie sie Kunst macht.

Dieses Essay wurde acht Monate nach der Premiere der Tanzperformance WITH OR WITHOUT YOU verfasst. Eine Tanzperformance mit vielen ausgesprochenen Einladungen, einem langsamen Rhythmus und Momentaufnahmen von Intimität, die hauptsächlich für die Behinderten-Community nachvollziehbar sind.

Die künstlerische Leitungsposition der Performance liegt bei Fia/Sophia Neises. Sie ist auch die Verfasserin dieses Textes. Sie ist behindert, weiß und queer. Sie lebt in Berlin, ist Akademikerin, hat drei Tattoos, Eltern aus der Arbeiter*innenklasse und ist Anfang dreißig. Für diesen Text widmet sie sich zwei Themen, die sie eher peripher während des Produktionsprozesses beschäftigt haben. Zum einen fragt sie sich, ob sie und ihre Mitdenkenden eine Utopie schaffen konnten, in der die menschengemachte Gegensätzlichkeit von behindert werden und nicht-behindert werden an Relevanz verlor.1 Zum anderen denkt sie darüber nach, ob und ab wann sie sich Künstlerin nennt und wie die Leitungserfahrung ihre Selbstbezeichnung beeinflusst hat.

F I A

Mein Rufname ist Fia. Fia ist ein Akronym für Future Is Accessible. Die Bedeutung dieses Mottos erschien im Theaterpädagogikstudium an der UdKBerlin vor neun Jahren stimmig. Heute verlangt eine radikalere Fia: Access Now!

Selbstverständnis als Theaterpädagogin

Als behindertes Kind in den neunziger Jahren in Deutschland wuchs ich nicht damit auf, dass künstlerische Arbeit und mich selbst auf der Bühne zu zeigen als eine Möglichkeit galt. Schon in der Grundschule wurde es mir verboten, an der Theater AG teilzunehmen. Es schien unumstößlich, dass man selbst nicht in die Öffentlichkeit gehört. Andere behinderte Personen waren ja auch nicht in der Öffentlichkeit. Ich habe es immer geliebt, auf der Bühne zu sein, egal, ob mit Gesang, Tanz oder Schauspiel. Das durfte ich an der Sonderschule für blinde und sehbehinderte Menschen im barrierefreien Raum ausleben.

Nach meinem sozialen Bachelor, zu dem mir mein Umfeld riet, habe ich Theaterpädagogik studiert. Dieses Fach schien mir am nächsten zur künstlerischen Arbeit, dennoch konnte ich meine sozialen Fähigkeiten, die mir mein Umfeld häufig bestätigte, weiterhin einbringen.

Ich habe in meinem Studium viele Skills erworben, um Räume zu schaffen, in denen andere Personen kreativ werden können.

Mein Verständnis von Theaterpädagogik ist vermittelnd, einladend und anbietend. Obwohl ich als Theaterpädagogin in einer leitenden Position bin, geht es nicht um mich als künstlerische Leitung. Ich füge mich der Gruppe, lese die Gruppe und ihre Bedürfnisse und schaffe einen Rahmen, um Selbstwirksamkeit erlebbar zu machen. Ich möchte den Spieler*innen ermöglichen, einen »Shine bright like a diamond«-Moment vor Publikum zu erleben. Ich empowere. Ich organisiere Community für die Community. Das Werkzeug ist die Kunst. Im Studium lernte ich über Dramaturgie, bildete die eigene Stimme weiter und hatte Bewegungsunterricht. Schauspiel und Performance wurde mir über Selbsterfahrung gelehrt.

Job 1: Performerin, Job 2: Beraterin zu Ableismus, Job 3: Access-Dramaturgin

All diese Fähigkeiten haben mir viel für meine Dreifach-Besetzung in Produktionen geholfen. Eingeladen als Performerin, teilte ich zusätzlich bereitwillig meine Gedanken dazu, wie die Arbeit bei blindem Publikum ankommen könnte. Mein dritter Job neben der Beratung für Barrierefreiheit für blindes Publikum und Performance lag darin, meine Mitarbeitenden über Ableismus aufzuklären. Dafür habe ich viel aus meiner eigenen Lebensrealität geteilt. Ich berichtete über die Funktionsweise meiner Augen und teilte Diskriminierungserfahrungen, vor allem am Theater. Die Motivation dahinter war es, die Lebensrealität unseres Publikums zu vermitteln und ihnen Diskriminierungserfahrungen zu ersparen. Ich schaffte es allerdings nicht, für meine eigene diskriminierungsfreie Umgebung zu sorgen.

Ableismus erkennen und Grenzen setzen

Ich wurde seit 2017 immer wieder durch verschiedene Verbindungen zu Produktionen als Performerin eingeladen. Gleichzeitig habe ich 2018 und 2019 in einem Bürojob als Community-Organisatorin gearbeitet, um behinderte Tanzschaffende in Berlin zu unterstützen. Die Institution war ableistisch, als ich anfing, und auch noch, nachdem ich dort zwei Jahre lang gearbeitet hatte: Es gab beispielsweise weder eine barrierefreie Infrastruktur für blindes Publikum noch für Publikum, das auf den Rollstuhl angewiesen war. Sogar die teaminterne Weihnachtsfeier wurde nur für die nicht-behinderten Mitarbeiter*innen ausgerichtet.

Das Projekt funktionierte sehr abgekoppelt vom Haus und hatte keinerlei Einfluss auf die Strukturen. Auch einige der Produktionen, in denen ich während meiner festen Halbtagsstelle arbeitete, reproduzierten Ableismus. Das fiel mir erst auf, als ich ausgebrannt war. Ohne Schlaf und mit Angstzuständen habe ich die Zwangspause 2020 genutzt, um in meinem inneren Setzkasten die Figuren wieder an ihren Platz zu legen. Allerdings habe ich auch viele der Figuren umsetzen können.

Privat traute ich mich, meine WG-Mitbewohner*innen zu bitten, mir dabei zu helfen, meine Barrierefreiheitsbedarfe anzuerkennen. Gewürze, Teebeutel, Jacken und Schuhe bekamen feste Plätze und ich konnte die Energie für Suchprozesse für spannendere Ereignisse verwenden. Auch habe ich meine (Wahl-)Familie sehr häufig damit genervt, ihren internalisierten Ableismus zu hinterfragen, um mehr Verbündete an meiner Seite zu wissen.

Beruflich habe ich die Ebenen der Vermittlung und der künstlerischen Arbeit separiert. Ich habe Grenzen festgesteckt für meine persönliche Betroffenheit als behinderte Person.

Ich habe die drei Berufsfelder Performerin, Dramaturgin und Beraterin für Ableismus – in allen inhärent Aktivistin – für mich festgelegt und erstmals klar benannt. Selbstverständlich sind die Abgrenzungen zwischen den Berufsbezeichnungen nicht immer trennscharf, aber es hilft Arbeitgeber*innen gegenüber, realistischere Erwartungen an mich zu stellen. Ich bitte heutzutage darum, dass, wenn ich als Performerin arbeite, ein*e Dramaturg*in für blindes Publikum eingeladen und ein Ableismus-Awareness-Training gemacht werden sollte.

Die meisten Einladungen für Kollaborationen erhalte ich aufgrund der Perspektive, die ich mitbringe. Meine Perspektive ist durch meinen Wahrnehmungsstil geprägt. Sie ist kritisch konstruierten Normen gegenüber und blind (mit Sehrest). Sie gehört zu einer Person, die einen Taststock nutzt und Ableismus erfährt. Sie ist sehr taktil und zuhörend. Sie ist mit einem starken Gerechtigkeitsbewusstsein ausgestattet. Sie ist queer und jung, im Gegensatz zu vielen Mitgliedern der deutschen blinden und sehbehinderten Community. Sie ist weiß und weiblich sozialisiert. Sie ist durch das Internatsleben und das Theaterpädagogikstudium geprägt.

Karriere?

Lange Zeit habe ich meinen Werdegang als Künstlerin infrage gestellt. Das Gefühl, Mittel zum Zweck für nicht-behinderte Künstler*innen zu sein, also ihr Gewürz in der Suppe, gut fürs Karma, oder einfach, um im zeitgenössischen Diskurs relevant zu bleiben, war recht dominant. Teilweise stimmte meine Wahrnehmung, da Choreograf*innen nicht wussten, wie sie mit mir arbeiten konnten, und es vollkommen gleich war, was ich auf der Bühne tat. Ich musste einfach nur präsent und blind sein. In anderen Fällen lernte ich hingegen sehr viel über Tanz und Choreografie. Aber der Fakt, ohne Tanzausbildung in diesen Kontexten sein zu dürfen, regte immer wieder diese Frage des »warum ich?« in mir an. Wäre ich hier, wenn ich nicht-behindert wäre? Vermutlich nicht. Aber dann hätte ich auch niemals die nötige Qualifikation erhalten, mich selbst auf Förderungen bewerben zu können. Ich wäre niemals in Kontakt mit anderen Künstler*innen und zukünftigen Kollaborateur*innen gekommen. Doch vielleicht wäre ich auch nicht an Kunsthochschulen abgelehnt worden. Wer weiß!

Durch viele Theaterbesuche von Produktionen unter behinderter Leitung konnte ich immer wieder Kraft daraus ziehen, dass wir auf Bühnen sind, und diese Kraft half mir durchzuhalten. Wir sind Künstler*innen, unsere Perspektive ist komplex und das ist gut so! Durch diesen Umweg über die Rezeption von behinderten Menschen in der Kunst zerstreute sich meine Ablehnung dagegen, meine Karriere zunächst auf meiner Behinderung aufgebaut zu haben. Schließlich ist es meine Motivation, Künstlerin zu sein, und nicht, behindert zu sein. Und dass es ein Alleinstellungsmerkmal ist, liegt daran, dass es aufgrund von Barrieren kaum andere blinde Künstler*innen in meinem Bereich gibt. So nehme ich (wenn finanziell möglich) Jobangebote, in denen ich als Token und nicht als Künstlerin eingeladen werde, nicht mehr an.2 Durch einige Erfahrungen, in denen der behinderte Teil meiner Identität genutzt wurde, um nicht-behindertes Publikum oder Finanzierung aus Inklusionsfonds zu generieren, legte ich die folgende Regel fest: Nur ich selbst darf Profit aus dem der Gesellschaft inhärenten Ableismus ziehen! Mitgliedern der behinderten Community rate ich, sich bei Jobanfragen zuerst mit ihren behinderten Besties dazu auszutauschen. Ich stehe hier jederzeit für Tipps, Tricks und Gossip zur Verfügung.

Künstlerische Leitung

Meine Perspektiven bringe ich gerne in Kollaborationen jeglicher Art ein. Dabei gehe ich allerdings ständig Kompromisse ein. Ich würde aus aktivistischer Grundhaltung heraus oft Dinge anders präsentieren, bin aber nicht in der Position der künstlerischen Leitung. In den letzten Jahren verließ ich zwei Produktionen nach der Premiere und den ersten, vertraglich festgelegten Shows. Eine der Produktionen hat sich dadurch aufgelöst, die andere wird weiterhin von nicht-behinderten Kolleg*innen aufgeführt.

Als Dramaturgin bin ich sehr auf die aktivistische Perspektive zurückgeworfen. Aktivismus verstehe ich als die aktive Ablehnung gegenüber dem passiven Hinnehmen. Ich treffe nur wenige Entscheidungen aus rein künstlerischer Motivation, sondern überwiegend aus der Motivation, »Aesthetics of Access« zu schaffen. Als Dramaturgin verstehe ich es als meine Aufgabe, mich auf den Spannungsbogen für blindes Publikum zu fokussieren. Ich nehme dabei nicht hin, dass Lücken entstehen und die Ideen der Künstler*innen nicht beim blinden Publikum ankommen.

Wenn ich selbst performe, genieße ich hauptsächlich das reine Spielen. Mein Körper, meine Stimme, mein Gesang und meine Kraft dürfen dann über den behinderten Körper mit seinen zugeschriebenen Limitierungen hinaus agieren.

Vor der Produktion von WITH OR WITHOUT YOU stellte sich mir also die Frage: Was ist meine künstlerische Handschrift, wenn ich ausschließlich die Ideen anderer verwirkliche?

WITH OR WITHOUT YOU

Das Netzwerkprojekt Making a Difference in Berlin unterstützt behinderte Tanzschaffende. Im Sommer 2022 gab es einen Open Call für eine Residenzförderung sowie die Unterstützung, sich anschließend auf andere Förderungen zu bewerben. Es war ihre Prämisse, behinderte Menschen in die Position der künstlerischen Leitung zu bringen. Ich konnte schon viele Choreograf*innen bei ihrer Arbeit erleben und war sehr daran interessiert, meine eigene künstlerische Handschrift zu finden. Es amüsiert mich, von künstlerischer Handschrift zu sprechen, da ich, wie die meisten Menschen in meiner Community, nur am Laptop schreibe. Diese niedrigschwellige Option durch den Call schien eine sehr gute Gelegenheit. Ich habe mich beworben. Aber womit? Im Gespräch mit Saioa Alvarez Ruiz, einer behinderten Freundin, Performerin und Moderatorin, tauschten wir uns über die Verbindung in Assistenzmomenten aus. Für uns beide war sie magisch. Und dieses Thema schien uns nah an unserer gelebten Realität, empowert, kritisch und ästhetisch interessant.

Das Team von Making a Difference hat mich im Bewerbungsprozess für weitere Fördergelder eng begleitet. Außerdem haben sie die Idee unterstützt und mich immer wieder darin bestärkt, dass es valide ist, zu einem so persönlichen Thema zu arbeiten. Diese Bestärkung war enorm wichtig, da einem häufig gespiegelt wird, dass man sich als marginalisierte Community schnell in »Nischen-Interessen« bewegt.

Während der Residenz holte ich mir Unterstützung von der Dramaturgin der Produktion, Tanja Erhart, die eine sehr erfahrene behinderte und queere Tänzerin ist. Ich bat sie darum, meine Ideen zu unterstützen und mir, wenn ich nicht weiterwusste, auch dafür Zeit zu lassen, statt mir viele Impulse zu geben. Ich hatte Bedenken, dass ich ansonsten aus meiner Unsicherheit heraus ihre Ideen übernehme, danach aber nicht wieder zu meinen eigenen Ideen zurückfinde. Dies hatte mit meiner extremen Anerkennung ihr gegenüber zu tun, aber auch damit, dass ich es gewohnt war, anderen Personen zuzuarbeiten und ihre Ideen zu verwirklichen. Außerdem habe ich mit einem*r Kolleg*in recherchiert, wie Publikum in eine Audiodeskription eingearbeitet werden konnte. Dann forschte ich mit meiner Duettpartnerin, Irene Giró, daran, was unser Bezug zu Assistenz ist. Wie ich es schon oft in theaterpädagogischen Prozessen erlebt habe, entstehen die Stücke durch die Spieler*innen. Ich lerne eine Gruppe kennen und erlebe ihre Wünsche und Spielweisen. Sobald ich die Gruppe kenne, sind die Inspirationen gesät und es fällt mir leicht, von dort zu einer Stückidee zu gelangen. Diese Idee setzt einen Rahmen, der es allen ermöglicht, eigenständig die eigenen Interessen zu vertiefen. Nach dieser Forschungsreise hatte ich genug Inspiration, um genau an diesen Punkt zu gelangen. Ich konnte meinem Team beim ersten Kennenlernen einen Rahmen der Arbeit vorstellen, in dem jedes einzelne Gewerk seinen Arbeitsspielraum autonom ausführen konnte.

Ein Zeitsprung: Die Premiere von WITH OR WITHOUT YOU ist geschafft, es ist der 14. September 2023. Es sind dreißig Grad in Berlin und alle sind verschwitzt. Es liegt eine Berührung in der Luft und viele behinderte Gäste verweilen im Innenhof der Uferstudios.

Letztendlich entstand eine sechzigminütige Performance zum Thema »Access Intimacy«, eben der spezifischen Intimität in Assistenzmomenten, ein Begriff, der von der Disability-Justice-Autorin und -Aktivistin Mia Mingus stammt. (Mingus) Das Duett fand oft in den Aerial Silks statt. Eine Art der Luftakrobatik, in der sich die Performenden an von der Decke hängenden Tüchern aufhalten. Ich hatte vor der Produktion noch keinen Kontakt mit dieser Kunstform, doch meine Duettpartnerin, Irene Giró, ist Aerial-Künstlerin und ich fand es inspirierend, Assistenz in einer für uns beide neuen Situation zu erproben. Sie ist Autistin und ich bin Blind. Wir erfanden Methoden des gemeinsamen Unterrichts, die für uns beide barrierefrei waren. Diese Reibung half uns sehr, real zu den verschiedenen Ebenen von Assistenz zu gelangen. Diese Ebenen bildeten auch die Struktur des Stückes. Wir adaptierten unser Verhalten für die andere Person, bauten Vertrauen auf, benutzten häufig Beschreibungen, noch häufiger taktiles Lernen, und wir öffneten uns dem Schmerz, der mit Assistenz einhergehen kann. Alles baute auf Crip Time auf. Das mündete darin, dass sowohl Licht als auch Sound live jedes Mal mit uns von Show zu Show improvisiert werden. So müssen wir uns nicht einem vorgefertigten Zeitkonzept anpassen und dürfen unsere Unzuverlässigkeiten zulassen. Sehr spannend war jedes Mal der Moment der kollektiven Assistenz mit dem Publikum. Es wird eingeladen, eine Sequenz in den Areal Silks zu beschreiben. Nach anfänglicher Schüchternheit fanden sich bei jeder der bisher sechs Vorstellungen Freiwillige, die die Aufgabe mit viel Spielfreude ausführten. Die gesamte Arbeit baut vorrangig auf einer Dramaturgie für blindes Publikum auf. Das bedeutete für WITH OR WITHOUT YOU, dass es anfangs eine Aufnahme aus unseren Probensessions gab, bei denen mir Schritt für Schritt erklärt wurde, wie das Hochklettern an einem Silk funktioniert. Blinde Personen, die noch nie diese Tätigkeit verfolgt haben, sollten so einen Eindruck dafür bekommen, wenn es später heißt: Fia klettert das Silk hoch. Dabei passierte visuell nichts, außer dass ich an dem Silk hochkletterte und oben eine Glocke läutete. Sie sollte einen akustischen Eindruck der Höhe vermitteln. Darauf folgte eine verbale Einführung in die Performance samt Selbstbeschreibungen und Publikumsbeschreibung von meiner Duettpartnerin für mich. Die stärksten Lichtwechsel und lautesten Sounds wurden präsentiert und eine kleine Warnung dafür wurde eingeführt. In den rein tänzerischen Sequenzen half es, dass das Publikum sehr nah an der Bühne sitzen konnte. Wir Tänzer*innen konnten jederzeit akustisch lokalisiert werden. Außerdem führte ich einen Charakter ein, der leicht flüsternd eine Beschreibung des Geschehens gab, die im Stil einer befreundeten Person, die neben mir im Publikum sitzt, verlief. Der Charakter hieß »Gucki« und tauchte an mehreren Stellen des Stückes auf. Durch die Performance hinweg spielten wir Zitate ein, die von »Access Intimacy« erzählten. Im letzten Drittel des Stückes sang ich live und beschrieb davor die Lichtsituation, die mich umschloss.

Blindes Publikum reagierte überwiegend sehr positiv und teilte tiefe Emotionen, die es während der Stunde mit uns erlebte. Eine blinde Besucherin gab allerdings auch das Feedback, dass der Moment der kollektiven Beschreibung blinde Personen davon ausschließt zu partizipieren. Der Moment ist gedacht als eine Erfahrung, in der sich die VIPs (»visually impaired people«) zurücklehnen und genießen dürfen. Aber ich mochte das Feedback sehr! Es gibt einen Wunsch und Drang danach, aktiv zu werden und selbst Applaus zu bekommen. Diese Auseinandersetzungen sind inspirierend und bringen mich als Künstlerin weiter. Nur so kann Kunst für behinderte Menschen weiterentwickelt werden.

Künstlerische Handschrift

Ich frage mich immer noch, was meine künstlerische Handschrift ist. Ich habe ein Stück gebaut, das kompromisslos ist. Es wird sich so lange Zeit für alles genommen, wie es braucht. Es wird ungewöhnlich viel erklärt. Das Publikum kommt nicht an der ästhetischen Barrierefreiheit vorbei. Das Publikum wird vereint und gleich behandelt. Es wird kein Unterschied gemacht, alle können mit ihrem Wahrnehmungsstil existieren und sich das barrierefreie Angebot raussuchen, das sie gerade brauchen. Aufgrund meines Erfahrungsstands zum Zeitpunkt der Produktion habe ich Menschen, die keine schwere Sprache lesen oder verstehen können, dennoch ausgeschlossen. Hierfür erweitere ich derzeit meinen Kreis an vertrauten Kollaborateur*innen um fehlende Perspektiven. Ich zentriere eine Umdeutung von Assistenz. Das Publikum erhält einen Rahmen, um die eigene Zeitlichkeit und Räumlichkeit zu gestalten, an kollektiver Assistenz beteiligt zu sein und Community zu erleben. Ich habe anteilig einen Workshop für das Publikum geschaffen, mit vermittelnden und partizipativen Elementen. Hinzu kamen künstlerische Impulse durch Tanz, Live-Musik, fiktive Figuren wie das »Gucki« und Zitate zu »Access Intimacy« aus der Behinderten-Community. All das finanziert von öffentlichen Geldern. Ich erhalte öffentliche Aufmerksamkeit durch meine Radikalität, in der ich stets versuche, kommunikativ zu bleiben. Zudem habe ich die Vermittlung gelernt. Ich bin Künstlerin auf dem Weg zu einer künstlerischen Handschrift. Ich kann mich über Sprache ausdrücken und Themen ausformulieren, die mir wichtig sind. Aber ich selbst empfinde die meiste Schönheit und Sanftheit darin, wenn ich mein spielendes, befreites Selbst dabei sein kann. Ich bin Aktivistin und das steht zu meiner Identität als Künstlerin nicht im Gegensatz. Aktivist*innen (besonders aus marginalisierten Gruppen) brennen aus, weil sie auf Widerstände stoßen und von den wenigen Menschen, deren Privilegien sie bedrohen, persönlich verletzt werden. Es müssen viele Enttäuschungen verkraftet werden und es braucht eine große Frustrationstoleranz. In Zukunft möchte ich mich trauen, das mir vertraute Workshop-Setting ein wenig mehr zu verlassen. Im Tanz, im Gesang und in der Performance liegen Ressourcen für mich, die es mir ermöglichen, weiterhin Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. In Momenten der spielerischen Verhandlung gilt nur die Mikro-Ebene, das ganz kleine Eins-zu-eins mit dem Publikum. Es findet Empathie und eine Symbiose statt. Dann ist Platz für die individuellen Prozesse der Menschen im Publikum. Sie sind in ihrem Erleben und haben die Entscheidungsmacht darüber, was sie mitnehmen. Das Format des Vermittlungsworkshops durch theaterpädagogische Methoden werde ich sicherlich nie ganz loslassen können und das ist auch in Ordnung. Mir gefällt der Gedanke, dass sich das Publikum in einen gut durchdachten und haltenden Rahmen begeben kann. Allerdings möchte ich auch Grenzerfahrungen ermöglichen und leidenschaftlich und abstrakt, schön und hässlich sein können.

Und? War es nun die Utopie?

Ich habe angedeutet, dass es mich beschäftigt hat, ob in einem Raum mit behinderter Leitung die Dichotomie von Behinderung und Nicht-Behinderung zumindest in der zweimonatigen Produktionsblase irrelevant wird. Tatsächlich stelle ich retrospektiv fest, dass ich es sehr genossen habe, die Behinderungserfahrung zu zelebrieren, jedoch nicht zu reproduzieren. Es wurde als gemeinschaftlicher Akt des Teams immer wieder an Barrierefreiheitsbedarfe erinnert. Gleiches galt allerdings auch für generelle zeitliche Verfügbarkeiten, potenzielle Traumatisierungen und Triggerpunkte und die Verwendung richtiger Pronomen. Für diese Produktion und angesichts meines Wissensstands zu diesem Zeitpunkt war die Idee nicht, die Dichotomie irrelevant werden zu lassen, sondern der Relevanz aller Dichotomien den gebührenden Raum zu geben.

Literaturverzeichnis

Kanter, Rosabeth Moss. »Some Effects of Proportions on Group Life: Skewed Sex Ratios and Responses to Token Women.« American Journal of Sociology, Bd. 82, Nr. 5, 1977, S. 965–990.

Mingus, Mia. »Access Intimacy: The Missing Link.« https://leavingevidence.wordpress.com/2011/05/05/access-intimacy-the-missing-link/ (letzter Aufruf am 08.01.2025).

Waldschmidt, Anne. »Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?« Psychologie und Gesellschaftskritik, 29(1), 2005, S. 9–31.

Bildbeschreibung (Audio und Video) zum Beitrag: Link

Anmerkungen

1 Das soziale Modell von Behinderung geht davon aus, dass Behinderung gesellschaftlich produziert wird. Siehe auch Waldschmidt 2005.

2 Der von der Soziologin Rosabeth Moss Kanter geprägte Begriff »Tokenismus« beschreibt, dass marginalisierte Personen in Arbeits- oder Ausbildungskontexten oft als Symbol einer Minderheit gesehen werden statt als ein Individuum, und genutzt werden, um die Inklusion oder Integration dieser Minderheit in einer Institution oder einem Arbeitsbetrieb zu beweisen. Siehe auch Kanter (1977).

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