Theater der Zeit

Recherchen 180

Im/Mobile Möglichkeiten

Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten

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Nina Mühlemann, Yvonne Schmidt und Thubten Shontshang begrüßen zum Symposium, neben ihnen verdolmetscht Sascha Thiemeyer in deutschschweizer Gebärdensprache und das technische Team schaltet die Zoom-Übertragung. Foto: Tina Schück
Abb. 1: Nina Mühlemann, Yvonne Schmidt und Thubten Shontshang begrüßen zum Symposium Accessibility, Responsibility, and Care in the Performing Arts (2025).Foto: Tina Schück

Einleitung

von Thubten Shontshang, Nina Mühlemann, Celestina Widmer und Yvonne Schmidt

Über den folgenden Link können Sie sich den Beitrag anhören. Einfach gesagt: In dieser Einleitung gibt es Infos zum Thema und zum Aufbau von diesem Buch. Thema Das Buch beschäftigt sich damit, wie Aufführungen reisen. Oder wie Aufführungen das Publikum ohne Reisen erreichen. Das Buch ist das Ergebnis von einem Forschungs-Projekt, das in den Jahren 2022 bis 2026 stattgefunden hat. Das Forschungs-Projekt hat untersucht, welche neuen Formen es gibt: von Theater und von Festivals. Das Forschungs-Projekt hat sich auch damit beschäftigt, wie behinderte Künstler*innen Theater und Festivals verstehen. Folgende Punkte waren sehr wichtig: – Erfahrungen in der Pandemie: In der Pandemie sind viele neue Formen entstanden, zum Beispiel Online-Aufführungen. Die Erfahrungen in der Pandemie haben gezeigt, dass Theater und andere …

Körperlichkeit und Intimität

  • Open Access

    Ist das noch Theater?

    Der Text diskutiert, wie digitale und hybride Formate sowie die Covid-19-Pandemie das traditionelle Theaterkonzept (Liveness, Kopräsenz, Zusammenkunft) infrage stellen. Behinderte Künstler*innen entwickelten bereits vor der Pandemie alternative Strategien, blieben im Diskurs jedoch oft unbeachtet. Anhand der Beispiele Samara Editions und des Festivals Implantieren wird gezeigt, wie neue, modulare Theaterpraktiken Zugänglichkeit ermöglichen. Die Autorin plädiert für ein erweitertes, inklusiveres Theaterverständnis jenseits simultaner, ephemerer Aufführungen.

    Neu in dieser Diskussion seit der Pandemie ist laut der Theaterwissenschaftlerin Ramona Mosse, dass sich das Verständnis von»Liveness as Co-presence« zu»Liveness as participation« verschoben habe.

    von Yvonne Schmidt

  • A detailed pastel blue, lavender, and pastel green drawing of Gullibilius on a beige-brown coffee-tinted background. Gullibilius is a creature Kamran Behrouz called into being by mapping their autism. On the right side of its body, Gullibilius has two lavender tentacles emerging and functioning as some sort of legs, studded with suction cups. Next to the tentacles, its two muscular blue legs that have hands instead of feet softly prop its body up. The blue hands as feet belong to a body with a blue, bald human head, eyes and mouth closed, but a third open eye on its forehead. The centre of the body consists of a large brain, in which a sleeping, mint-green cat is nestled alongside a shimmery jellyfish. Next to the brain is a large open eyeball, facing outwards, and on top of that the mentioned blue bald head. All these parts of Gullibilius, the tentacles, brain, legs, etc., are labelled like a diagram. Next to this body of Gullibilius is a small drawing of a blue-winged creature with a bald human head and the body of a bird and with two hands instead of legs, which is Gullibilius’ original form. Next to the tentacles is a small drawing of a white octopus pointing out Gullibilius’ tentacle legs to show where tentacles originate from. The image suggests Gullibilius is a hybrid creature.
    Open AccessFotostreckeVideo

    Translations and Frictions: A written conversation between Kamran Behrouz, Yvonne Schmidt and Nina Mühlemann

    Ein schriftliches Gespräch zwischen Kamran Behrouz, Yvonne Schmidt und Nina Mühlemann über das Stück Creature Comforts von Criptonite. Das Publikum füllte Fragebögen aus und wurde je einer von drei Mini-Performances zugeteilt (Essen, Zungentanz, Video), wobei man die anderen zwei verpasste – das Prinzip „joy of missing out“. Themen sind die Grundidee, Proben-Herausforderungen wie Covid-Ausbrüche und Zeitabläufe, sowie mehrfache Übersetzungen zwischen Gullibilius-Zeichnung, Video, Gebärdensprache und Publikum.

    The base idea was to challenge the notion that an audience perceives a piece of theatre in unison as much as possible, because that is never true – if a group of people attends the same piece, all the experiences will be different. This is particularly true if we take disability into account. So I wanted to create a piece that emphasizes and heightens that idea and also expects from non-disabled audience members some of the same things that are usually only expected from disabled theatregoers – having to declare needs and preferences in advance, having the experience shaped by that advance information, and missing out on other parts of the piece.

    Nina Mühlemann

    von Nina Mühlemann, Yvonne Schmidt und Kamran Behrouz

    Foto: Kamran Behrouz

Gemeinschaft

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    Crip Ripples oder der Krüppel-Welleneffekt

    Die Autorin identifiziert sich selbst als behinderte Tänzerin. Sie lädt behinderte Menschen dazu ein, mit ihrer Anleitung den eigenen Körper und seine Bewegungen zu erleben – auf spielerische, lustvolle Weise. Grundlage ist das Konzept»Pleasure Activism«, also Aktivismus mit Lust: Behinderung wird darin nicht nur als Herausforderung verstanden, sondern als Quelle von Freude, Erotik und Lebendigkeit. Zudem thematisiert Erhart die Selbstbeschreibung»Crip«, mit der Betroffene ihre eigenen Fähigkeiten erkennen und sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung behinderter Menschen wehren. Die Anleitung selbst gliedert sich in drei rund zehnminütige Teile, die per Audio-Link vorgelesen werden.

    Behinderung ist in dem Konzept nicht nur eine Herausforderung. Behinderung ist eine Quelle von Freude, Erotik und Lebendigkeit.

    Tanja Erhart

    von Tanja Erhart

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    auawirleben Theaterfestival Bern: Interview mit Nicolette Kretz

    Nicolette Kretz leitet seit 2015 das auawirleben Theaterfestival Bern. Im Interview beschreibt sie, wie das Festival während der Pandemie 2020 mit einem Brief-Festival (aua comes your way) reagierte und 2021 mit der aua in a box ein Parallel-Format zum Live-Festival anbot. Sie betont die enge, transparente Zusammenarbeit mit Künstler*innen in dieser Zeit. Seit 2022 setzt das Festival wieder ausschließlich auf Live-Vorstellungen, da Kretz das gemeinschaftliche Erleben vor Ort als zentral für Theater ansieht, auch wenn sie über neue Begriffe für verschiedene Kunstformen nachdenkt.

    Was ich extrem schön fand, vor allem beim Brief-Festival, war die Rückmeldung, irgendwie ein Gefühl von Community gekriegt zu haben, obwohl sie alleine zu Hause saßen.

    Nicolette Kretz

    von Celestina Widmer, Yvonne Schmidt und Nicolette Kretz

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    Zugänglichkeit: Ein Interview mit Anna Mülter

    Anna Mülter, seit 2021 Leiterin des Festivals Theaterformen, spricht im Interview mit Yvonne Schmidt und Celestina Widmer über Zugänglichkeit im Theater. Sie schildert, wie die Sophiensæle während der Pandemie Künstler*innen bewusst wenig Druck zum Streamen machten. Mülter reflektiert, wie sich kuratorische Praxis durch vermehrte Videoauswahl verändert hat, betont die Bedeutung von Reisen für Nachwuchskünstler*innen außerhalb Europas, vernetzt behinderte Künstler*innen international und fordert mehr sichtbare Teilhabe behinderter Künstler*innen im regulären Festivalprogramm statt nur in Disability-Arts-Nischen.

    Ich mache jetzt meine Proben komplett online, nicht wegen der äußeren Gründe der Pandemie, sondern weil ich es brauche. Weil mein Körper, mein chronisch kranker, behinderter Körper das anders gar nicht leisten kann und das Arbeiten auf diese Weise einfach viel barrierefreier für mich ist.

    Angela Alves

    von Anna Mülter, Celestina Widmer und Thubten Shontshang

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    Disability Community – gemeinsam Behindertenkultur gestalten

    Noa Winter reflektiert über die Bedeutung von Disability Community im eigenen Leben. Ausgangspunkt ist ein Umzug: Fast alle Freund*innen, die helfen könnten, sind selbst behindert – früher war das anders, als Winter überwiegend nicht-behinderte Kontakte hatte und Einsamkeit erlebte. Erst durch die Arbeit bei Theaterfestivals entstand Kontakt zu anderen behinderten Menschen. Winter beschreibt Gemeinschaft als aktives Tun – politisches Engagement, geteiltes Wissen, gegenseitige Unterstützung – und schildert, wie die Begegnung mit der Mitschülerin K. half, eigene Behinderung und Barrieren zu erkennen. Auch Repräsentation, sich im Körper anderer wiederzuerkennen, spielt eine zentrale Rolle.

    Die meisten meiner Freund*innen sind – wie ich – behindert. Vor nicht allzu langer Zeit, Ende der 2010er Jahre, wäre das anders gewesen. Zu dieser Zeit waren die meisten Menschen in meinem Umfeld nicht-behindert und die Frage, wen ich ohne schlechtes Gewissen um Unterstützung beim Umzug bitten könnte, kein Problem. Aber es war auch die Zeit, in der ich zum ersten Mal benennen konnte, wie einsam mich das Fehlen von Disability Community in meinem Alltag machte.

    Noa Winter

    von Noa Winter

Zeitlichkeit und Räumlichkeit

  • Kolorierte Handzeichnung eines Computerbildschirms, der mit einer Maus und einem Drucker verbunden ist. Aus dem Drucker ragt ein Blatt mit Linien und Quadraten.
    Open AccessFotostrecke

    Cartographies of Care: Mapping Micropolitics

    Der Beitrag stellt die Workshop-Anleitung Cartographies of Care: Mapping Micropolitics von Kamran Behrouz und Thubten Shontshang vor. Shontshang zeigt, wie diese Methode auf dem Vorgängerprojekt [mapping roots] aufbaut, das er 2022 mit seiner Schwester Tamara entwickelte. Anhand einer kurzen Geschichte der Kartografie als koloniales Machtinstrument erläutert er, wie Karten Wissen hierarchisieren und marginalisieren. Der Workshop nutzt Kartierung als dekoloniale, körperlich-persönliche Praxis, um abstrakte Theorie zu Micropolitics zugänglich zu machen und kollektiv über Fürsorge innerhalb dominanter Machtstrukturen zu reflektieren.

    Die Methode versteht sich als dekoloniale Praxis, um den oben beschriebenen historischen Prozess des strukturellen Unsichtbarmachens von Wissen und das Unterbinden von Zugängen zu Ressourcen zu unterbrechen. Die Auseinandersetzung über verschiedene Ebenen ist ein Ansatz, Karten nicht als Vereinfachung, sondern als komplexes Gefäß zu verstehen, das individuelles und mehrdimensionales (Erfahrungs-)Wissen zusammenträgt und so die Funktion von Karten als Werkzeug der Reduktion und Kontrolle durch dominante Machtpositionen umdreht.

    Thubten Shontshang

    von Thubten Shontshang

    Foto: Luciano Stettler, 2025

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    Access Denied

    Nadine McKenzie, Mitbegründerin der Unmute Dance Company aus Kapstadt, stellt ihren Videobeitrag „Access Denied“ vor, entstanden während der Pandemie. Während nicht-behinderte Menschen im Lockdown erstmals eingeschränkte Bewegungsfreiheit erlebten, ist das für behinderte Menschen oft Alltag. Das Video zeigt in drei Teilen die Barrieren dreier Personen. Nadines Teil handelt von Gebäuden, die für Rollstuhlfahrer*innen unzugänglich sind. Sie schlägt zwei Übungen vor: über eigene Erfahrungen mit Zugang nachzudenken und auf ihr Gedicht künstlerisch zu antworten.

    Where are they, Where have they gone, Where are they hiding, Who have kept them hidden, How many are they, How will they get out, Get out, come out, Kept away, Kept aside, Go that side, There is a ramp, Here, it is not accessible, Access, What is access, The right, the opportunity, to use or benefit from something, Well, that side, not here, Here, it is not accessible, You need to be able, Able, Ability, disability.

    Nadine McKenzie

    von Nadine McKenzie

  • Auf dem Foto sieht man eine Menschenansammlung an der großen schweizweiten Behinderten-Demonstration in Bern am 20. Juni 1981. Ein Mann im Hintergrund hält ein Transparent auf dem Schoß. Im Vordergrund des Fotos ist Ursula Eggli. Sie benutzt einen Rollstuhl und hat ein feministisches Symbol auf die Wange gemalt. Neben ihr sitzt die Behindertenaktivistin und Künstlerin Cornelia Nater. Das Foto wurde von der Fotografin und Aktivistin Helga Leibundgut gemacht. Sie war eine Bekannte von Ursula Eggli und Mitglied der Frauenbefreiungsbewegung FBB. (Schweizerisches Sozialarchiv, F 5110-Fc-102)
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    Historische Perspektiven auf politisch-künstlerische Praktiken der Disability Culture entlang Ursula Egglis Arbeiten

    Celestina Widmer zeichnet anhand der Schweizer Schriftstellerin und Behindertenaktivistin Ursula Eggli (1944–2008) die historische Verwobenheit von künstlerischer Praxis und Aktivismus in der Disability Culture nach. Eggli setzte sich seit den 1970er Jahren für Rechte behinderter und queerer Menschen ein, gründete Vereine und schrieb Bücher, die Ausgrenzung und Gewalt thematisierten, zugleich aber utopische Gegenentwürfe wie das „Freakland“ entwarfen. Widmer verortet Egglis Werk im Kontext transnationaler Bewegungen und plädiert dafür, diese Geschichte des Kampfes nicht zu vergessen.

    Geschichten können doch nie zu Ende sein. Geschichten gehen unendlich weiter, wachsen und wuchern, treiben Blüten und Früchte oder auch Dornen und sie haben ihre Wurzeln in der unermesslichen Fülle der Zeit. Vielleicht dorren sie mal stückweise ab, aber bestimmt entstehen sie neu aus einem unbeachteten Samenkorn und bekommen dann ein wundersames Eigenleben.

    Ursula Eggli

    von Celestina Widmer

    Foto: Helga Leibundgut, Schweizerisches Sozialarchiv, F 5110 Fc 102

Mobility Justice

  • Ein Ganzkörperfoto von Remo Beuggert, einem weißen Mann mit Behinderung. Remo steht in einem hell erleuchteten Gang. Hinter ihm sind verschiedene Türen, teils offen, teils geschlossen. Remos Kopf ist leicht zur Seite geneigt und er schmunzelt. Seine Hände hat er in seine Hosentaschen gesteckt. Er hat graues gewelltes kurzes Haar und trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem großen bunten Drachenaufdruck sowie schwarze Hosen und Sandalen. Foto: Ona Pinkus
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    Eine Unterhaltung über das Reisen mit Remo Beuggert in Begleitung von Stephan Stock

    Remo Beuggert schildert Herausforderungen wie Sprachbarrieren, lange Reisen und fehlende Ruhetage, betont aber auch die Freude am Kennenlernen neuer Menschen. Er würde lieber fliegen, reist aus Umweltgründen jedoch meist mit dem Zug und hat gelernt, geduldig zu warten.

    Es gab eigentlich mehrere Reisen, die ich gerne gemacht habe. Aber die Number one wäre wohl die nach Amerika: New York. Das war das größte Highlight, seit ich beim HORA bin. Das war 2013, im November, mit Disabled Theater.

    Remo Beuggert

    von Stephan Stock, Thubten Shontshang, Nina Mühlemann und Remo Beuggert

    Foto: Ona Pinkus

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    Mobility Justice – who is allowed to travel? A roundtable

    Beim Runden Tisch zu Mobility Justice diskutieren Anna Mülter, Sven Heier, Nadine McKenzie, Saša Asentić und Dalibor Šandor, wer reisen darf und wer nicht. Sie zeigen: Reisen ermöglicht Austausch, Sichtbarkeit und Einkommen, ist aber ungleich verteilt – wegen Geld, Visa, Behinderung oder fehlender Infrastruktur, wie Saša Asentić am Beispiel von Per.Art in Novi Sad erläutert. Anna Mülter und Sven Heier berichten, wie Theaterformen und das Roxy versuchen, Ressourcen gerechter zu verteilen. Nadine McKenzie und Dalibor Šandor betonen zugleich den Wert lokaler Arbeit und digitaler Alternativen seit Corona.

    Sins Invalid’s practice is extremely important because it comes from their struggle for justice. What happens a lot in the performing arts market is that all political practices are being depoliticized.

    Saša Asentić

    von Sven Heier, Anna Mülter, Saša Asentić, Dalibor Šandor, Nadine McKenzie, Thubten Shontshang und Nina Mühlemann

Care und Verantwortung

  • Open Access

    Kuratieren als kritische Praxis

    Yvonne Schmidt und Celestina Widmer untersuchen Kuratieren als kritische Praxis anhand von Theaterfestivals während der Covid-19-Pandemie. Ausgehend von der Institutionskritik zeigen sie, wie Kurator*innen durch den pandemiebedingten Stillstand gezwungen waren, Machtstrukturen, Entscheidungsprozesse und Arbeitsbedingungen zu hinterfragen. Anhand von sieben Schweizer und drei internationalen Festivals/Theaterhäusern, basierend auf qualitativen Interviews, analysieren die Autorinnen neue kuratorische Strategien wie geteilte Entscheidungsmacht, Residenzformate und sorgsamere Zusammenarbeit als Versuche institutioneller Transformation.

    Kulturinstitutionen wirken einerseits als gegenhegemoniale Instanzen, die künstlerische, politische, soziale und wirtschaftliche Ordnungen und Vorstellungen hinterfragen und umdenken. Andererseits funktionieren sie selbst nicht losgelöst von diesen Logiken.

    Yvonne Schmidt, Celestina Widmer

    von Yvonne Schmidt und Celestina Widmer

  • Dancer Rudzani Moleya, a medium-toned black woman, wears a long mustard yellow tunic and has her hair pinned up. They are sitting in the distance within a white background. Their reflection ripples all the way in a thin line across the screen. The words »underwater and surfacing our soil« appear above her head. Alexandrina Hemsley: Fountain, 2022, image description taken from social media of the artist.
    Open Access

    Care, Community and Contingencies: Artistic Practices Rooted in Access

    Nina Mühlemann untersucht im Rahmen des SNF-Projekts „Aesthetics of the Im/Mobile" an der Bern Academy of the Arts, wie behinderte und chronisch kranke Künstler*innen mit Im/Mobilität umgehen. Sie interviewte zwölf internationale Künstler*innen und entwickelte dabei eine „crip methodology" mit flexiblen Interviewformen. Anhand der Fallstudien Alexandrina Hemsley und Angela Alves zeigt Mühlemann, wie Embodiment, Digitalität, Community, Crip Time und Zugänglichkeit künstlerische Praxis prägen. Die Covid-19-Pandemie machte bestehende Arbeitsweisen behinderter Künstler*innen sichtbar und stellte Fragen nach kollektivem Zugang und institutioneller Unterstützung neu.

    The Disability community is magical but elusive: rarely is it as straightforward as marching with other self-identified crips through a city, sequined outfits glistening in the sunshine, disability pride slogans taped onto mobility aids. Sometimes it is lying on a sofa in Zurich, Switzerland, chatting on Zoom to a fellow disabled artist in London, who is lying on their sofa, snacking on Nori chips.

    Nina Mühlemann

    von Nina Mühlemann

    Foto: Alexandrina Hemsley

  • A short poem is typed out in bold white font. The letters loom large over a complicated background of digitally collaged images. The furthest background layer is a sky forked with lightning. Next, a bleached, misty image of raindrops running down glass. On top of that is an archival poster image from one of Alexandrina’s Afrofuturist works Bounty Bars and Oreo Cookies (2015–2016), where her silhouette has been replaced with a funneling galaxy of stars. Her afro has purple-tinged edges. Dark, sprawling tree branches are laid on top of this alongside furry baobab seed pods – one of which has been broken open to reveal its seeds inside. All the seed pods have pink colouring applied in Photoshop. The images most in the foreground are of repeated caterpillar, cocoon, and butterfly photographs in the top right corner; in shades of inky blue and fluorescent lilac. And the bottom right-hand corner is an archival film still from Alexandrina’s work Embers (2016–2019). In this image, Alexandrina is double back-to-back with herself. Her face is painted a vibrant magenta, and she is wearing a rose-gold metallic fake leather jacket. She is slightly arching her neck, her gaze is downwards, and her lips are slightly apart. The poem reads: Have gone subterranean Search my spine for clarity Fuck acceptance Drink water
    Open AccessFotostreckeAudio

    Many Lifetimes-Series

    Alexandrina Hemsley arbeitet mit Tanz, Bild und Text und beschäftigt sich dabei mit den Sinnen und dem Körper. In diesem Beitrag präsentiert Hemsley eine Serie aus drei digitalen Collagen und Gedichten, die während der Recherche zum neuesten Stück „Many Lifetimes“ entstanden sind. Die Werke behandeln Veränderung, Trauer und das Leben im eigenen Körper. Der Ton schwankt zwischen einer ironischen Haltung gegenüber Selbsthilfe und einer nachdenklichen Perspektive darauf, wie behinderte Körper einfühlsam durch Lebensübergänge begleitet werden können.

    The tone varies from a tongue-in-cheek attitude about self-help to a more reflective sense of how disabled bodies can be held tenderly through life’s transitions.

    Alexandrina Hemsley

    von Alexandrina Hemsley

Zugänglichkeit

  • Die Fotografie zeigt Irene Giró und Fia Neises. Die zwei Performer*innen von WITH OR WITHOUT YOU. Beide sind weiß und behindert. Beide werden weiblich und nicht-behindert gelesen. Irene hat braune, dichte, lange Locken und ist feingliedrig. Fia hat dunkelblondes, glattes, ohrlanges Haar. Ihr Körper ist größer und weicher als der von Irene. Die Fotografie zeigt beide im weißen „Silk“. Ein 14 Meter langes Tuch, das in der Mitte an der Decke aufgehängt wird. Die beiden Enden hängen schwer bis zum Boden und die Protagonist*innen wickeln, klettern, schwingen, hängen und halten sich darin. Fia ist blind und hat Irene gefragt, was sie auf dem Bild tun. Dann haben sie sich erinnert: Irene: Wunderschön. Alles wirkt ein wenig wie eine Hochzeitseinladung. Viel weißer fließender Stoff und Sinnlichkeit. Xenia hat zwei Bilder schemenhaft übereinandergelegt.  Fia: Welche? Irene: In dem Moment auf dem hinteren Bild sind wir beide auf der weichen Matte, eng zusammen und beide im Kontakt mit dem Silk.  Fia: Ich erinnere mich. Der Moment war ruhig. aber sehr schön. Ich habe mit meiner Hand versucht nachzuvollziehen, wie deine Hand oben das Silk anfasst. Dein Arm reichte nach oben und dein Gesicht war sehr zuhörend und spürend Richtung Boden geneigt. Du hattest es auf meinem aufgestellten Bein abgelegt.  Irene: Ich sehe deine Hand an der Wurzel von meinem Arm. Außerdem die Krone von deinem Kopf mit den hellblonden Strähnen, die fast meinen Rücken berührt. Mein Kopf verschwindet hinter dem linken Silk. Das andere Silk ist rechts daneben. Es ist genauso gespannt wie das linke Silk, weil es von deiner Hand nach unten gezogen wird. Darüber liegt das Bild von uns beiden im Kokon.  Fia: Wenn wir uns ganz im Silk verstecken. Beide Körper in einer Kugel. Gehalten von einem stabilen Knoten unter unserem Kokon.  Irene: Das Bild zeigt nur unsere Hände, die sich in einer Berührung vorsichtig aus einem Spalt im Kokon wagen. Der Kokon mit unseren Händen liegt blass, wie eine Erinnerung, über unseren beiden rastenden und tastenden Körpern.
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    Behindert künstlerisch leiten

    Acht Monate nach der Premiere von WITH OR WITHOUT YOU reflektiert Sophia Neises (Fia) über ihre künstlerische Leitungsarbeit. Sie fragt sich, ob sie und ihr Team eine Utopie ohne die Gegensätzlichkeit von behindert/nicht-behindert schaffen konnten. Fia beschreibt ihren Werdegang als behindertes Kind, ihr Theaterpädagogikstudium und ihre Dreifachrolle als Performerin, Ableismus-Beraterin und Access-Dramaturgin. Sie thematisiert erlebten Ableismus in Institutionen und die eigene Auseinandersetzung mit der Frage, ob und seit wann sie sich als Künstlerin bezeichnet.

    Ich habe die drei Berufsfelder Performerin, Dramaturgin und Beraterin für Ableismus – in allen inhärent Aktivistin – für mich festgelegt und erstmals klar benannt. Selbstverständlich sind die Abgrenzungen zwischen den Berufsbezeichnungen nicht immer trennscharf, aber es hilft Arbeitgeber*innen gegenüber, realistischere Erwartungen an mich zu stellen.

    Sophia Neises

    von Sophia Neises

    Foto: Xenia Dürr

  • Open Access

    Methodik crippen oder das generative Potenzial von Conundrums

    Nina Mühlemann reflektiert im letzten Beitrag über methodische Herausforderungen ihrer Forschung zu behinderten Künstler*innen im Theater, die sie mit Carrie Sandahls Begriff der»representational conundrums« fasst. Statt Lösungen zu präsentieren, beschreibt sie ungelöste Fragen: Auswahl der Künstler*innen jenseits des eigenen anglo-/deutschsprachigen Netzwerks, fehlende Bezahlung für Interviews, Schwierigkeiten der Sparteneinteilung (Performing Arts), Machtdynamien zwischen behinderten und nicht-behinderten Ensemblemitgliedern sowie Sprach- und Dolmetschprobleme. Diese Conundrums begreift sie als produktiv, nicht als zu lösende Probleme.

    Let us spend uncomfortable time with representational conundrums, generate possibilities, experiment with options, make informed choices, and take responsibility for the outcomes – fail and try again. Theater people know how to do these things; they are basic to our training, and we should apply them deliberately to issues of disability in our work.

    Carrie Sandahl

    von Nina Mühlemann

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