Theater der Zeit

Auftritt

Frankfurt am Main: Penetrante Herzensgüte

Schauspiel Frankfurt: „Kleiner Mann – was nun?“ nach Hans Fallada. Regie Michael Thalheimer, Bühne Olaf Altmann, Kostüme Nehle Balkhausen

von Christoph Leibold

Erschienen in: Theater der Zeit: Frontmann Hamlet – Der Dresdner Musiker-Schauspieler Christian Friedel (03/2013)

Assoziationen: Michael Thalheimer Olaf Altmann Nehle Balkhausen Schauspiel Frankfurt

Der monumentale Holzrahmen, den Bühnenbildner Olaf Altmann ganz vorne an die Rampe des Frankfurter Schauspielhauses gebaut hat, macht diesen kleinen Mann noch kleiner. Hans Falladas Romanheld Johannes Pinneberg und seine Frau Emma Mörschel, genannt Lämmchen, halten sich die meiste Zeit in diesem Rahmen auf, dessen Wucht sie zu Winzlingen macht. Dahinter steigt in voller Bühnenbreite eine mächtige Schräge an, an deren oberem Ende die übrigen Figuren Stellung bezogen haben – bedrohlich und breitbeinig, unbeweglich und ungerührt, eine neben der anderen, rückwärtig von Scheinwerfern angestrahlt und daher nur als Silhouetten erkennbar. Nur wer sich einmischt in die Handlung, wird von frontalem Licht aus der Gesichtslosigkeit herausgeschnitten. Vor allem aber bilden diese Schattenmänner und ‑frauen den Chor der Gesellschaft, die Pinneberg anstachelt und anschnauzt, einschüchtert und kleinredet.

Hans Falladas Roman aus dem Jahr 1932 über den kleinen Angestellten Pinneberg, der vergeblich um ein bescheidenes Auskommen für sich und seine Familie kämpft, um am Ende ganz aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden, hat zuletzt wieder vermehrt das Interesse von Theatermachern auf der Suche nach adäquaten Stoffen geweckt, in denen sich auch die gegenwärtige Misere spiegelt. Hat doch die Angst vor Arbeitslosigkeit und Abstieg längst die Mitte der Gesellschaft erfasst. Trotzdem gibt es gute Gründe, die gegen „Kleiner Mann – was nun?“ sprechen. Vor allem die Herzensgüte, mit der der Autor die armen, aber ehrlichen Eheleute Pinneberg wappnet, insbesondere Lämmchen, hat etwas Penetrantes. Regisseur Michael Thalheimer allerdings ist nicht bekannt für seinen Hang zur Sentimentalität. Gerade deshalb ist er genau der Richtige für diesen Stoff. Die formale Strenge seiner Inszenierung sowie die schlaglichtartige Verdichtung, mit der seine Bühnenadaption die wesentlichen Stationen der Handlung durchläuft ohne hindurchzuhecheln, sorgen dafür, dass Sozialkitsch gar nicht erst aufkommen kann.

Entscheidenden Anteil am Gelingen haben die Schauspieler, vor allem Henrike Johanna Jörissen und Nico Holonics in den Hauptrollen. Jörissen ist ein sehr patentes Lämmchen, pragmatisch, wenn es sein muss, mitunter resolut, auch ein bisschen naiv, aber nie süßlich-gefühlig, eher sachlich. Dass sie zuletzt ihren unverwüstlichen Optimismus doch verliert, macht das Ende umso bewegender. Ihr zur Seite: Nico Holonics, einst gefeiert am Volkstheater in München und nach drei eher glücklosen Jahren an den dortigen Kammerspielen nun auf dem besten Weg, Frankfurter Publikumsliebling zu werden. Sein Pinneberg ist in steter Bewegung, strampelt und zappelt sich sichtbar ab und kommt doch auf keinen grünen Zweig, sondern hockt fest auf dem absteigenden Ast. Zeugt die Biegsamkeit, mit der er sich windet und wendet, von der Flexibilität des Arbeitnehmers, der alles für seinen Job tut, oder ist er schlichtweg rückgratlos?

Zweifellos hat dieser kleine Mann die ausbeuterischen Anforderungen der Gesellschaft, die der Chor immer aggressiver auf ihn herabbellt, längst verinnerlicht. An Aufbegehren denkt er erst gar nicht, nur ans Duckmäusern. Ebenso bezeichnend wie bestechend ist die Szene, in der Holonics immer hektischer hampelnd einem Kunden (den er selbst gleich mitspielt) einen Anzug zu verkaufen versucht, um sein Umsatzsoll zu erfüllen, während über ihm der Chor lautstark höhnische „Pinneberg, Pinneberg“-Anfeuerungsrufe hinausblafft.

Hans Fallada und Michael Thalheimer – unterschiedlicher können ein Autor und ein Regisseur kaum sein. Tränendrüsendrückerisch veranlagt der eine; gefühlsskeptisch, kühl, zuweilen zu kalt der andere. An diesem Theaterabend in Frankfurt balancieren sich die gegensätzlichen Temperamente aus und zeitigen ein vortreffliches Ergebnis. Eine berührende, dabei nie rührselige Aufführung. Aus Pinnebergs Unglück erwachsen in Frankfurt zwei Stunden puren Theaterglücks. //

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