Theater der Zeit

Protagonist:innen

Es kann Heilung geben

Zum Werk des Indigenen Dramatikers Tomson Highway

von Yvette Nolan

Erschienen in: Theater der Zeit Spezial: Kanada (09/2021)

Assoziationen: Dramatik Akteure Nordamerika

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1986 hatte ein Stück des Dramatikers Tomson Highway Premiere im großen Saal des Native Canadian Centre in der Innenstadt von Toronto. Es war in mehrfacher Hinsicht gewaltig, da es acht Indigene weibliche Figuren auf die Bühne brachte, sieben von ihnen die titelgebenden „The Rez Sisters“, und die achte, eine Trickster-Figur, Nanabush, die in Gestalt einer Möwe, einer Nachteule und als Bingo-Spielleiterin auftritt. Heute, 35 Jahre später, beginnt das Stratford Festival, die wichtigste kana­dische Institution für klassisches Repertoire, gerade mit den Proben für Highways Drama über „das größte Bingospiel der Welt“. Für viele Kanadier:innen läutete „The Rez Sisters“ den Beginn eines zeitgenössischen Indigenen Theaters auf Bühnen ein, die bis dahin überwiegend von weißen Personen bespielt wurden. Eine besonders wohlwollende Zeitungskritik in der zweiten ­Woche des Spielbetriebs verwandelte einen kaum besetzten Saal in ein volles Haus. Das Stück gewann Preise, tourte durch das ganze Land und wurde sogar beim Edinburgh Fringe Festival gezeigt. „The Rez Sisters“ brachte besondere Aufmerksamkeit für das Indigene Theater, und Highway nutzte die Gelegenheit, um zahlreiche ­andere Indigene Autor:innen bekannt zu machen. ­Während seiner sieben Jahre als Künstlerischer Leiter der Native Earth Performing Arts Company in Toronto nahm er zusätzlich zu seiner eigenen Ein-Frau-­Produktion „Aria“ (1987) Stücke von Daniel David ­Moses, John McLeod, Jim Morris, Margo Kane und­Beatrice ­Mosionier und Tanztheaterproduktionen von René Highway ins Programm. Drei Jahre nach „The Rez Sisters“ produzierte Na­tive Earth gemeinsam mit The­a­tre Passe Muraille das komplementäre Stück „Dry Lips Oughta Move to Kapuskasing“ (1989), das die sieben Männer aus demselben Reservat im Norden Kanadas auf die Bühne brachte. Wesentlich düsterer als „The Rez Sisters“, beschäftigt sich „Dry Lips Oughta Move
to Kapuskasing“ mit der Frauenfeindlichkeit, den Suchtpro­blemen und der ­Gewalt in der Gemeinschaft von Wa­saychigan Hill und zeigt dabei deutlich, wie stark die Männer durch die Kolonisierung be­schädigt wurden. Der veröffentlichten Version ist ein Motto vorangestellt, das Lyle Longclaws, dem Chief der Four Nations Confederacy, zugeschrieben wird: „Bevor es Heilung geben kann, muss zuerst das Gift offengelegt werden.“

„Rose“ (1999), das dritte Stück im Rez-Zyklus, bringt die Männer und Frauen in einem dreiaktigen ­Musical zusammen. Das Skript erfordert mindestens 17 Schau­spieler:innen für rund 22 Rollen, darunter ein fünfjähriges Kind, sieben tanzende Avocadopflanzen und Motorräder.

Dass aus „Rose“ ein Musical wurde, kam nicht unerwartet. Highway hatte sowohl in Kanada als auch in England Musik und Literatur studiert. In den letzten Jahren gestaltete er seine Werke ausgehend von den ­darin verwendeten Musikstücken: „The (Post) Mistress“, „The Incredible Adventures of Mary Jane Mosquito“ und „Lynx Lamour Goes to Nashville“. „Lynx Lamour“ gehört zu „Songs in the Key of Cree“, einem von Tomson gemeinsam mit mehreren Partner:innen aus dem Kultur- und Bildungsbereich ­initiierten Projekt zur Wiederbelebung Indigener Sprachen. Die Cree-Sprache war schon immer Teil seiner Arbeit. Sie wird sowohl in „The Rez Sisters“ als auch in „Dry Lips“ verwendet, beide Stücke sind mittlerweile vollständig in Cree übersetzt.

In der Zwischenzeit hat Highway eine Fülle anderer Arbeiten veröffentlicht – einen Roman, ein Libretto, mehrere Kinderbücher, eine Abhandlung über Indigene Literatur – doch für viele Indigene Theaterkünstler:innen gibt immer noch „The Rez Sisters“ die Fußstapfen vor, in die wir treten. //

 

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