Theater der Zeit

Stück

Chor der Polen

Die polnische Regisseurin Marta Górnicka über ihr Stück „Hymne an die Liebe“ und die Suche nach Gemeinschaft in zerrissenen Gesellschaften – ein Gespräch mit Thomas Irmer

von Thomas Irmer und Marta Górnicka

Erschienen in: Theater der Zeit: Götterdämmerung – Polen und der Kampf um die Theater (10/2017)

Assoziationen: Dramatik Maxim Gorki Theater Staatstheater Braunschweig

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Marta Górnicka, Sie haben nach Ihren bisherigen Chorarbeiten mit „Hymne an die Liebe“ den Chor noch einmal erweitert, auf der Bühne sind zum Beispiel afropolnische Darstellerinnen und Menschen mit Down-Syndrom, insgesamt also eine noch breitere Fassung der Gesellschaft Polens, aber auch Kuscheltiere. Warum gerade Stofftiere?
Angesichts der Absurditäten der politischen Realität in Europa schien es mir einleuchtend, dass sich von der Bühne aus nur ein Chor von Stofftieren über die Zukunft äußern kann. Die Gemeinschaft von Menschen und Stofftieren ist in dem Stück natürlich bedeutsam. Die Stofftiere sind Experten für Terrorismusbekämpfung, für die Probleme der modernen Welt, die Gefahren des Fundamentalismus und die Katharsis im Theater. Der Menschenchor bleibt bei immer mehr Problemen stumm. In „Hymne an die Liebe“ erschaffe ich einen „Chor der Polen“, eine radikal-demokratische Gemeinschaft auf der Bühne, in der es auch ein Kind, ältere Menschen, Amateure und Menschen mit Down-Syndrom gibt. Sie alle gehören dazu: sie zitieren und verarbeiten die Hasssprache und die des Ultrakatholizismus; sie singen patriotische Lieder, Auszüge aus Nationalopern und skandieren wütend und ekstatisch Teile der polnischen Nationalhymne. In dem Stück gibt es also ständig eine extreme Spannung zwischen dem Bild – einer Fantasie über menschliche Größe und Vielfalt – und der zitierten Sprache, Liedern und der Totalität von Chorpartien. Ein Ensemble aus Stofftieren habe ich das erste Mal auf Demonstrationen nach den Anschlägen in Brüssel gesehen, an einem der Gedenkorte für die Opfer der Anschläge. Sie waren im Halbkreis angeordnet, wie klassische Chöre auf einer Bühne. Damals dachte ich an ein Chorstück nur mit Stofftieren, schließlich habe ich mich aber dafür entschieden, sie neben der Musik als einen zusätzlichen Kontrapunkt zur Rede der Menschen einzusetzen.

Sie haben jetzt gerade in Warschau eine neue Inszenierung über die polnische Verfassung herausgebracht. Eine Verfassung ist vielleicht der kollektivste Text überhaupt – ein perfekter Chortext?
Vor einem Jahr, als das Verfassungsgericht in Polen paralysiert wurde und die Rechte von Frauen eingeschränkt wurden, habe ich mich, mitten in der durch die Verwirrung mit dem Verfassungsgericht ausgelösten nationalen Debatte, entschieden, am Tag der Arbeit ein Stück zu machen, das auf dem Text der polnischen Verfassung basieren würde. Mehrere Dutzend Menschen standen dabei in einer Reihe und lasen die Verfassung vor. Darunter waren Vertreter der Rechten, der Linken, Juden, Muslime, Katholiken, Kinder, Senioren, Schauspieler des Nowy Teatr Warschau, Fußballfans, Menschen mit Down-Syndrom und „Der Chor der Frauen“ (nach meinem Libretto und meiner Methode der Arbeit mit dem Chortheater). Jetzt, nach dem sogenannten „Juli-Anschlag“ auf die Unabhängigkeit der Gerichte in Polen, haben wir das Projekt wiederbelebt. Diesmal auf der Straße, vor dem Kulturpalast in Warschau, im Herzen der Stadt. Es war unser Wunsch, dass der Chor einem anderen Chor gegenüber steht – den Menschenmassen auf der Straße. Fast fünfzig Menschen standen da, um die Verfassung vorzulesen, sie zu krächzen, zu skandieren und zu singen. Vertreter der Rechtsradikalen haben diesmal, im Gegensatz zu der früheren Fassung, nicht mitgemacht, dafür Pfadfinder. Diese Arbeit ist als Film auf der diesjährigen Moscow Biennale of Contemporary Art zu sehen.

Wie kommen denn Ihre Chorstücke in der jetzigen Situation an? Ist die Form ein Schutz?
Es handelt sich ja um keine künstlerisch schnell zu erfassende Arbeit. Als vor einer Woche, während der öffentlichen Vorstellung der Neuauflage von „Verfassung für den Chor der Polen“ vor dem Kulturpalast eine Opernsängerin anfing, eines der patriotischen Lieder zu dekonstruieren, hat sich ein Nationalist mit tätowiertem Nacken auf dem Absatz umgedreht und ist mit der ganzen Familie weggegangen. Das war dann schon zu viel! Er hatte bis dahin aufmerksam dem Orchester zugehört, das zu Beginn der Lesung engagiert unsere patriotischen Nummern trommelte. Zur ersten Fassung von „Verfassung für den Chor der Polen“ hatte ich wie gesagt auch Vertreter der Rechtsradikalen eingeladen und, nach einigen Gesprächen, nahmen sie tatsächlich an dem Projekt teil. Sie standen neben anderen auf der Bühne. Es war mir wichtig, während der Proben und auf der Bühne mit beiden Seiten zu sprechen. Es gehört nicht zu meinen Absichten, mit meinen Aussagen aufzuwiegeln oder das Publikum zu spalten. Es ist nicht und war nie mein Ziel, einen politischen Skandal zu verursachen. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum es noch keine Proteste nach den Vorführungen meiner Chorstücke gab. Vielleicht ist es aber auch nur eine Frage der Zeit …

Sie haben den Chor im polnischen Theater wiedereingeführt als ein dramaturgisch begründetes stilistisches Mittel, als Form und Technik für große Inhalte. Warum ist die Fortsetzung dieser Arbeit weiterhin notwendig?
Chor ist notwendig. In dem Sinne, in dem allein seine Form Fragen zur Möglichkeit einer Gemeinschaft heutzutage stellt und dazu, ob irgendeine Form von „Wir“ überhaupt möglich ist. Solange eine Gemeinschaft wichtige szenische Fragen auslöst, brauche ich diese Form. Es war vor allem der Glauben an die Gemeinschaft, der mich zum Konzept eines Chortheaters inspiriert hat. Am Anfang war das eine Gemeinschaft der Frauen, „Der Chor der Frauen“ – die im polnischen Theater und in der polnischen Kultur nach der Transformation, aber auch schon davor, keine Stimme hatten und einer besonderen Bedrängnis ausgesetzt waren. Jetzt spreche ich, oder eher schreie ich, mit Hilfe der Chormacht von Gefahren, die eine in sich selbst verliebte Gemeinschaft verursachen kann. Solch eine Gemeinschaft existiert vor allem in Bezug zu dem Anderen, zu einem gemeinsamen Feind. Der Chor ist immer paradox und „spielt“ bewusst mit diesem Paradox.

Der Abdruck von „Hymne an die Liebe“ verlangt einen Kommentar: Funktioniert ein Chor als gedruckter Text?
Das Libretto ist der Versuch einer Aufzeichnung der Beziehung zwischen dem Körper, dem Klang und dem Wort. Alle Dekonstruktionen und all das, was zwischen Wort und Klang passiert, habe ich im Kopf. Es ist schwierig, sie in Schriftform so wiederzugeben, dass sie für den an die Lektüre klassischer Dramen gewöhnten Leser verständlich sind. Deswegen habe ich fast komplett auf Regieanweisungen und den Gebrauch von diversen Schriftarten verzichtet, vor allem auf den Gebrauch von Großbuchstaben, die ich immer in Librettos und in meiner täglichen Arbeit verwende und die für mich wie eine Art Landkarte sind. Ich habe mich auch dafür entschieden, keine Notation zu veröffentlichen. Ich musste sie entfernen, da sie für den Leser unlesbar wäre. Stattdessen habe ich mich entschieden, nur den Text vorzustellen, um klar zu zeigen, dass er nur ein Wortskelett ist, ein winziger Teil vielschichtiger Deutungskomplexe, die in dem Stück errichtet werden. //

Aus dem Polnischen von Karolina Golimowska.

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