Ein Missverständnis hat sich verbreitet. Wenn viele Theaterarbeiten heute eine Atmosphäre schaffen, eine Stimmung von Party, Club und „ambient theatre“, so ist diese Öffnung des Theaterrahmens an sich gewiss produktiv. Als Selbstzweck betrachtet, handelt es sich aber um eine bloß modische Anpassung an den Zeitgeist. Wenn ein Publikum in ein rundum ästhetisiertes Environment gebeten wird und eingeladen ist, sich in Installationen, Wohnungen, eigens kreierten Räumlichkeiten aufzuhalten, womöglich über eine ungewohnt lange Zeit hinweg, und sich zudem aufgefordert sieht, die Situation eigens mitzugestalten, also zu „partizipieren“, so ist dies als solches gewiss ein Schritt in die wiederentdeckte „relationale“ Dimension der Kunst des Theaters. Es kann sich aber auch um ein Erfahrungsangebot handeln, das eine konsumistische Haltung nahelegt, Abenteuerurlaub mit vorweg gerahmten Risiken. Dies umso mehr, wenn als Markenzeichen stolz der Reichtum an Mitteln und Möglichkeiten ausgestellt wird. Als kritische Faustregel mag gelten, dass nur eine betonte Armut der Mittel und damit der Ausfall beliebig multipler Reize solche Arbeiten vor dem Teufelspakt mit dem Kommerz bewahren können (was freilich allein nicht ausreicht).
In England macht seit einem Jahrzehnt die Gruppe Punchdrunk von sich reden, Repräsentant eines „immersiven Theaters“, bei dem das Publikum sich auf manchmal recht ausgedehnten Arealen, die durch und durch...