Theater der Zeit

Den Schalk im Nacken und die Welt im Blick

Hans-Jochen Menzel – Puppenspieler, Regisseur und Lehrmeister

von Gerd Taube

Erschienen in: Puppe50 – Fünf Jahrzehnte Puppenspielkunst an der HfS Ernst Busch Berlin (12/2023)

Assoziationen: Puppen-, Figuren- & Objekttheater Akteur:innen Hans-Jochen Menzel

Hans-Jochen Menzel
Hans-Jochen MenzelFoto: Barbara Braun / MuTphoto

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet eine Strafmaßnahme des DDR-Schulsystems gegen den widerspenstigen Schüler Hans-Jochen Menzel, der sich nicht zu einem verlängerten Wehrdienst verpflichten wollte, dazu geführt hat, dass er zu einem Metier fand, dem nicht erst zu DDR-Zeiten Subversion eingeschrieben war. Folge der verweigerten Verpflichtung war ein Verweis von der Schule, an der er das Abitur machen wollte, um dann Physik oder etwas Technisches zu studieren. Stattdessen lernte er Maurer, oder Baufacharbeiter, wie der Handwerksberuf zu der Zeit genannt wurde. Und mit Handwerk hatte auch zu tun, was er dann doch noch studierte: Puppenspiel an der Staatlichen Schauspielschule Berlin (seit 1981 Hochschule für Schau­spielkunst „Ernst Busch“). Damals noch keine Hochschule, sondern eine Fach­schule, weswegen ein Berufsabschluss und das entsprechende Talent als Immatrikulationsvoraussetzungen ausreichten. Es war das erste biografische Schnippchen, das Menzel dem realsozialistischen System geschlagen hatte.

1981 ging er in sein erstes Engagement an das Staatliche Puppentheater Neubrandenburg, das 1977 als 13. Ensemblepuppentheater der DDR eröffnet worden war und sich schnell als eines der besten Puppentheater der DDR etablierte. Mit dem Puppenspiel-Studium hatten sich alle Studierenden verpflichtet, nach ihrem Abschluss als Diplom-Puppenspieler:in in ein mindestens dreijähriges Engagement an eines der staatlich oder kommunal getragenen Ensemblepuppentheater zu gehen. Man könnte denken, dass es Menzel mit dem Neubrandenburger Ensemble, das von Anfang an sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gleichermaßen produziert und gespielt hatte und das er schon von Gastauftritten als Student kannte, für DDR-Verhältnisse ganz gut getroffen hatte. Doch er fühlte sich eingeengt, künstlerisch und persönlich. Man erzählt sich, dass seine Kündigung schon nach wenigen Jahren im Erst­engagement eine spontane Entscheidung war, nach einer Nacht, in der viel geredet und getrunken wurde. Und das würde zu Jochen Menzel passen: Einfach machen! Aber es ist auch anzunehmen, und das würde auch zu ihm passen, dass der Entschluss lange gereift war und es nur des passenden Moments bedurfte, ihn umzusetzen.

Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Menzel erzählt, dass der spontanen Kün­digung einige Tage später ein förmliches Gespräch mit der Intendantin, der Volkspolizei, der SED-Bezirksleitung und wohl auch der Stasi folgte. Aber die Drohungen, dass sie ihm die Wohnung wegnehmen würden und dass sie dafür sorgen würden, dass er mit seiner Kunst nichts verdienen werde, in diesem Land, konnten an dem Entschluss nichts ändern. Er wollte nicht mit dem Koffer über die Mauer, aber doch mit dem Kopf durch die Wand der real exis­tierenden Regeln und Einschränkungen. Als Theaterkünstler freiberuflich tätig zu sein, war in der DDR nicht weit verbreitet, aber auch nicht verboten. Wer sich auf diesen Weg machte, dem haftete zwar der Geruch des Aussteigers an, aber der Geruch der Freiheit war umso köstlicher.

Doch diese Freiheit musste er sich jeden Tag wieder neu erringen. Auf hunderten Kilometern Autofahrt, zunächst im alten Wartburg, später im Trabant, durch die ganze Republik, zu Auftritten in Jugendklubs. Und seine Freiheit lebend, errang er sie im Spiel mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Systems und genoss sie. Nach dem Mauerfall 1989 gab es auf einmal Freiheit für alle. Das andere Lebensgefühl und das Arbeiten in den Nischen des Puppenspiels und der Freiberuflichkeit, all das war nun nicht mehr exklusiv. Für Menzel wurde einiges einfacher. Er hatte Erfahrungen damit, sich freiberuflich durchzuschlagen, und damit jenen Puppenspieler:innen einiges voraus, die sich in der Freiheit des Westens, die jetzt im Osten herrschte, zurechtfinden mussten, weil ihre Ensembles aufgelöst wurden.

Bereits im Sommer 1989 arbeitete Menzel an seiner Solo-Inszenierung für Erwachsene „Seltsame Schleifen“ mit überdimensionierten Handpuppen (Ausstattung Christian Werdin, Regie Werner Hennrich). Er übersetzt darin die sich anbahnenden politischen Umwälzungen in der DDR in ein geradezu absurdes Kaspertheater. Kasper ist in „Seltsame Schleifen“ nicht der ewige, Krokodil, Tod und Teufel besiegende Narr, sondern ein an den Verkehrungen von Rollen und Hierarchien in seinem Kaspertheater verzweifelnder tragikomischer Held. Das gesamte Personal der Kasperbude steckt in einer tiefen Identitätskrise, so wie die im Herbst 1989 zerfallende gesellschaftliche Struktur der DDR und die Menschen in dem Land. Was auf Ewigkeit angelegt zu sein schien, dass der Kasper und der Sozialismus immer siegen, wurde in Menzels Theater­stück und in der Wirklichkeit ad absurdum geführt. Seinerzeit traf diese geniale künstlerische Analogie den Nerv der Zeit und es darf als ein weitsichtiges, publikumswirksames und noch dazu unterhaltsames Stück nicht nur der Puppentheatergeschichte, sondern der Zeitgeschichte überhaupt gelten.

In „Seltsame Schleifen“ ließ sich schon beobachten, was den Regisseur Hans-Jochen Menzel bis heute ausmacht. Die Wirklichkeit, sei es der Alltag, die politische Großwetterlage oder eine literarische Vorlage, ist für ihn das Material, aus dem die Plots seiner Inszenierungen entstehen. Und diese Plots werden in den Inszenierungen wieder zum Material. Menzel inszeniert nicht vom Blatt. Offen und neugierig geht er mit seinem Material um, mit der Geschichte ebenso wie mit den Puppen und den Menschen, die sie spielen. Dabei scheint auch das Inszenieren für ihn ein Spiel zu sein, ein Spiel mit den erfundenen Figuren, die von den Puppen dargestellt werden, ein Spiel mit den Handlungssträngen, den Worten und Texten und ein Spiel mit den Puppenspielern, die auf der Bühne agieren. Nicht umsonst war Improvisation das Fach, dass er als Dozent, seit 1992 als Professor und von 2003 bis 2013 als Leiter des Studiengangs Zeitgenössisches Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst (HfS) „Ernst Busch“ unterrichtet hat. Improvisieren heißt, sich auf das Unvorhersehbare einzulassen, offen zu sein für das, was sich im Spiel entwickelt, Nichtgelingen nicht als Fehler zu begreifen, sondern als Ausgangspunkt für die nächste Schleife, die im gemeinsamen Probenprozess gedreht wird. Im Rückblick könnte man sagen, dass die „Seltsamen Schleifen“ nicht nur Titel einer Inszenierung Hans-Jochen Menzels sind, sondern eine Art künstlerisches Motto.

Schon seit Mitte der 1980er-Jahre hatte er Kontakt mit der Gruppe Zinnober, einem der wenigen freien Theater in der DDR und seit 1989 mit dem Theater o.N., das aus der Gruppe Zinnober hervorgegangen war. 1990 betreute er im legendären Zinnober-Laden, dem Proben- und Aufführungsraum des Theater o.N. in der Knaackstraße direkt am Kollwitzplatz im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg die Diplomarbeit einer Gruppe von Studierenden (Friederike Krahl, Anne Swoboda, Pierre Schäfer, Martin Thoms und Peter Müller) des Studiengangs Puppenspiel an der HfS „Ernst Busch“. Aus wochenlangen Improvi­sationen im alten Ladenlokal, während draußen die real existierende DDR ihren Geist aufgab, wurde die Inszenierung „Lavendel – ein Handgemenge“ mit dem Untertitel „Ein kollektiver Alptraum, kurz bevor der Wecker klingelt“. Auch dieser In­szenierung war die Absurdität des Alltags der Wenderealität eingeschrieben, im Titel schwingt „La Wende“ mit und in der Verballhornung zu Lavendel blitzt der Wortwitz auf, der diese Inszenierung, die auf Alltagsbeobachtungen und zu Bühnentexten verdichteter Alltagssprache beruhte, schnell zu einem Publikumserfolg nicht nur in Berlin, sondern auch auf vielen Festivals machte und ein Puppenspiel-Kollektiv hervorbrachte, das sich fortan Handgemenge nannte.

In der Auftragsproduktion für die Schaubude Berlin „Die wunderbare Welt der Simulanten“ von 1994, in der Hans-Jochen Menzel Regie führte und gemein­sam mit den Pantomimen Jens Finke und Matthias Faltz (Pantomimen-Duo Finke-Faltz) und der Tänzerin Maja Brosch auf der Bühne stand, erprobte er die interdisziplinären und spartenübergreifenden Potenziale des Puppenspiels. Diese Inszenierung, mit der die Schaubude Berlin erstmals als Produktionshaus für freies Puppentheater in Erscheinung trat, nahm die Entwicklung vir­tu­eller Welten, die das Leben schöner zu machen versprechen, voraus. Als Moderator einer Werbeveranstaltung präsentierte Menzel den Simulator einer schönen neuen Wirklichkeit und die Simulation als das neue Lebensgefühl. Als Zuschauer weiß man bald nicht mehr, was da simuliert wird und was wirklich ist. Doppelbödiger Humor und absurde Situationen machten auch diese Inszenierung zu einem Publikumserfolg und Festivalrenner im deutschsprachigen Raum.

Das Publikum liebte und liebt Hans-Jochen Menzels Humor, der dazu führt, dass eigentlich sehr ernste Texte doppeldeutig und dadurch komisch werden.

So realistisch auch die in seinen Inszenierungen gespielten Puppen, vorzugsweise von Christian Werdin, Marita Bachmeier (heute verheiratete Werdin) oder Suse Wächter, auch sein mögen, durch sein Spiel oder das Spiel der von ihm inszenierten Puppenspieler:innen, wirken seine Figuren immer etwas merkwürdig, um nicht zu sagen schräg. Es ist eine Art komischer Verfremdungs­effekt, den seine Art zu spielen oder spielen zu lassen, hervorbringt. In seinen Inszenierungen macht er die Zuschauenden zu Komplizen der Spielenden, die seine Spielweise als eine Art Code zu lesen wissen, wenn sie sich auf das Spiel einlassen und damit in gewisser Hinsicht selbst zu Mit-Spielenden werden.

Dass er als Spieler und Regisseur so virtuos auf dieser eigenartigen Klaviatur des Puppenspiels zu spielen versteht, hängt wohl auch damit zusammen, dass er sich nie für eine Seite, die Regie oder das eigene Spiel auf der Bühne, entschieden hat. Und er hat der einst randständigen Kunst des Puppenspiels zu mehr Ansehen und öffentlicher Aufmerksamkeit verholfen, etwa als Gast-Puppenspieler in Inszenierungen von Tom Kühnel und Robert Schuster am Schauspiel Frankfurt, in Gastrollen am Deutschen Nationaltheater Weimar, am Maxim-Gorki-Theater in Berlin oder jüngst in der Inszenierung „Brechts Gespenster“ von Suse Wächter am Berliner Ensemble. Workshops, Gastspiele und Auftragsarbeiten führten ihn nach Frankreich und in die Niederlande und als Gast auf viele Festivals im deutschsprachigen Raum.

Egal ob bei einer Regiearbeit für den Solospieler Pierre Schäfer, einer Ensemble­inszenierung am renommierten Puppentheater Magdeburg, als Gast an angesehenen Schauspieltheatern oder mit einem Gastspiel bei den Salzburger Festspielen, er hat immer gezeigt, dass Puppenspiel eine ernsthafte Kunst ist. Mit der Leichtigkeit seines Spiels und seines Inszenierungsstils sowie der un­an­gestrengten Intellektualität seiner Arbeiten hat er die künstlerischen Potentiale des Puppenspiels einem breiten Publikum bewusst gemacht. Es scheint, als habe er mit Brechts Philosophie vom Theater nicht nur den Verfrem­dungseffekt, sondern auch die Überzeugung gemeinsam, dass Theater zuallererst unterhaltsam sein muss, damit das Publikum sich auf die großen Fragen einlässt.

Als Lehrender hat er auf seine Intuition, seine Erfahrungen aus der Theaterpraxis und sein Verständnis von gemeinsamer künstlerischer Arbeit gesetzt. Es geht ihm immer darum, dass die gemeinsame Arbeit allen Spaß macht. Er ist bereit, Verantwortung zu teilen, alle machen zu lassen, aber auch zu unterstützen, wenn jemand etwas braucht. Diese Einstellung hat ihm auch geholfen, die herausfordernde Aufgabe der Leitung der Abteilung Zeitgenössische Puppenspielkunst an der HfS „Ernst Busch“ zu meistern.

Das Prinzip Puppe ist für ihn eine Art des Denkens, eine Form praktischer Philosophie. Er interessiert sich aber nicht nur für die Puppen, sondern auch für Geschichte, Archäologie, Technik, Physik. Er findet, dass es als Puppen­spielkünstler:in wichtig ist, das Prinzip Puppe auch in anderen Kontexten auf­zu­spüren. Ihm geht es darum, das Feld des Puppenspiels weit zu denken, als ein Theater der Dinge und der Objekte, in dem es Schnittstellen zu vielen anderen Bereichen der Kunst, der Technologie und des Lebens allgemein gibt. Diese Offenheit für die ganze Welt und seine Neugier prägen ihn als Meister des Puppenspiels, als unkonventionellen Lehrer und als künstlerischen Partner.

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