Nachruf
Er kam als Hirte
Peter Zadek zum Hundertsten
von Klaus Pohl
Assoziationen: Akteur:innen Peter Zadek

Die Sirene vom Feuerwehrhaus schrie heut schon um 11:20 – so dass das Kirchturmglöcklein, das mittags stets um 3 Minuten verspätete, mit ruhigen Gewissen seine Zeit fort träumen durfte. Es galt die Sirene einem Hausfeuer, das in lodernden Flammen aufstieg in einen wundervoll blauen, mit weißen Wolkenschleiern geschmückten Himmel über Bay und Ozean.
Mit Schmerzen in der rechten Hand erwachte ich aus einem Traum, der nicht aufhören mochte: Wir probten in meinem zwischen Wachsein und Schmerzschlaf schweifenden Traum mit Peter Zadek. Schwarz ausgemalte riesige Probenbühne. Zwei Reihen rosa-alte Kinosessel. Brandlöcher darin von heimlich geschmauchten Zigaretten. Popcorn-Spuren. Konfetti-Landschaften.
Zadek saß mürrisch gelaunt hinter seinem wackelnden Regietisch. Nicht einmal das Gewackle des Tisches schien er, wie sonst immer sehr ärgerlich, wahrzunehmen. „Klara! Mein Regietisch ist noch immer nicht entwackelt!“ – Nichts davon!
Alles schien von ihm abgefallen: aller Ehrgeiz und alle Meisterschaft. Es interessierte ihn nur noch das Offene, die offenen Seelen seiner Truppe. Wenige waren es. Die meisten hatten sich mit glänzenden Nummern gegen ihre Unsicherheiten und ihre einstmals zauberische Offenheit gewappnet.
Seine Truppe – das waren einmal die, von denen Montaigne sagte: die, wenn sie nicht gelehrt sind, doch gelehrt hätten werden können. Die schönsten Seelen, die. Seine Truppe.
Die...

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