Theater der Zeit

Auftritt

Baden-Baden: Verwirrende Zeitreise mit Selfies

Theater Baden-Baden: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ nach dem Roman von Thomas Mann, Bühnenfassung Daniel Foerster. Regie Daniel Foerster, Bühne und Kostüme Lydia Huller / Robert Sievert

von Elisabeth Maier

Erschienen in: Theater der Zeit: Publikumskrise (11/2022)

Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Theater Baden-Baden

Was es bedeutet, in der Leistungsgesellschaft nicht Mensch sein zu dürfen? Sophia Platz, Mattes Herre, Kilian Bierwirth, Holger Stolz und Constanze Weinig in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ in der Regie von Daniel FoersterFoto: Jochen Klenk

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Der Generation Selfie entgleitet ihre Identität. Statt menschlicher Nähe geht es in der digitalen Welt des 21. Jahrhunderts eher um Selbstdarstellung und um das perfekte Image. Die eingefrorenen Bilder der kalten neuen Welt erweckt der junge Regisseur Daniel Foerster am Theater Baden-Baden auf dem Hintergrund eines älteren Textes zum Leben. 1954 schrieb Thomas Mann den Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. In seiner Bühnenfassung entdeckt der 36-jährige Regisseur viel aktuelles Potenzial in der Sprache des Literaturnobelpreisträgers.

Unter einer schillernden Diskokugel tanzen die Akteure in eine Welt, die im Zerfall begriffen ist. Mit seiner charmanten und zugleich aalglatten Art schleimt und argumentiert sich Felix Krull in die höchsten Etagen der Gesellschaft. 1954 hat Mann den Roman veröffentlicht – das war kurz vor seinem Tod 1955. Zwar sind die gesellschaftlichen Stände heute längst nivelliert. Dennoch haben die Schönen und Reichen in der Gesellschaft das Sagen. Und die machen sich die sozialen Medien untertan. Foerster spaltet die Figur des Felix Krull in seiner klugen Regiearbeit in vier ganz unterschiedliche Darsteller. Mattes Herre, Sophia Platz, Holger Stolz, Constanze Weinig und Kilian Bierwirth verleihen Thomas Manns schillernder Romanfigur ganz neue Züge. Was es bedeutet, in der Leistungs­gesellschaft nicht Mensch sein zu dürfen, beleuchten die Schauspieler aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Diese Viel­schich­tigkeit hat ihren Reiz.

Dabei verklärt Regisseur Foerster den Aufstieg und Fall des Hochstaplers nicht. Thomas Manns beißenden Kommentar auf den schmalen Grat zwischen Künstlerexistenz und Kriminalität liest Foerster auf dem Hintergrund seiner Gegenwart neu. In den sozialen Medien haben alle die Möglichkeit, sich in Szene zu setzen. Krull zelebriert seine eigene Hülle. So schwingt er sich in die höchsten gesellschaftlichen Schichten empor. Ein Manko der dynamischen Regiearbeit ist, dass sich Foerster nicht ganz zwischen den Epochen entscheiden kann. Bewusst zitiert das Bühnenbild Elektro-Popmusik und das schillernde Licht einer Diskokugel, um Krulls Träume im Bühnenraum von Lydia Huller und Robert Sievert in die Gegenwart zu katapultieren. Immer wieder friert der Regisseur die Theaterbilder ein, setzt die Akteure in Pose und entfaltet die Handlung neu. Zugleich klammert er sich aber etwas verbissen an der Textvorlage fest, die Felix Krulls Aufstieg vom Liftboy in einem Pariser Hotel zum falschen Marquis mit reichlich gefüllter Brieftasche nachzeichnet. Dennoch fehlt der Regie die klare Linie. Der Schlingerkurs zwischen oberflächlicher Selbstdarstellung mit der Handykamera heutigen Zuschnitts und Thomas Manns tiefenphilosophischen Beobachtungen im 20. Jahrhundert verwirrt.

Dramaturgisch überzeugt Foersters Ansatz durch Dynamik. Gar zu vorsichtig, aber doch klug bringt Foerster Thomas Manns philosophische Thesen über die Vergänglichkeit des Lebens auf den Punkt. Mattes Herre in der Rolle des Professors Kuckuck trifft den Hochstapler Felix Krull im Zug, konfrontiert ihn mit der schrittweisen Entstehung von Materie, Leben und Erkenntnis. Virtuos spielt Herre mit den trockenen Thesen, macht sie so leicht verständlich. Constanze Weinig gewinnt ihrer Krull-Figur eine Leichtigkeit ab, die mitten ins Herz trifft.

Auf die Suche nach schönen, neuen Identitäten begibt sich das fünfköpfige Ensemble des Theaters Baden-Baden mit Spielwitz uns Biss. In einer Welt, die zunehmend auf Schein und Attraktivität baut, fällt es schwer, menschlich zu bleiben. Authentisch sind die Kunstfiguren, die Foerster in seiner Inszenierung entwirft, nicht. Sie gieren nach Anerkennung und verlieren dabei ihr Lebensglück. Obwohl Thomas Manns bildungsbürgerliche Welt aus heutiger Sicht sehr weit entfernt scheint, blitzt immer wieder die Verzweiflung der jungen Menschen von heute durch, die auf Facebook oder Instagram um ein paar Likes von vermeintlichen Freunden gieren, die sie im wirklichen Leben noch nie getroffen haben. //

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