Die Berliner Zirkusgesellschaften verfügten um 1900 dank ihres großen Publikumserfolgs über die finanziellen Mittel, rasch die jeweiligen (theater-)technischen Neuerungen in ihre Spielstätten, aber auch in ihre Inszenierungen zu integrieren. Letztere bestanden damals nicht nur aus Nummernprogrammen, sondern von großer Bedeutung und beim Publikum besonders beliebt waren die Zirkuspantomimen. Dabei handelte es sich um aufwendig ausgestattete Inszenierungen, in denen Akrobatik, Reitkunst, Clownerie mit Ballett, Musik, szenischem Spiel und spektakulären Bühneneffekten rund um ein Thema ineinander verflochten wurden. Obwohl sie Pantomimen genannt wurden, waren diese Inszenierungen nicht stumm, sondern beinhalteten auch Dialoge (vgl. Hildbrand 2023, S. 56ff.). Man könnte auch sagen: Es waren theaterähnliche, manchmal gar abendfüllende Aufführungen, in denen Zirkusartist:innen Figuren einer größeren Handlung spielten. Die Pantomimen dienten den Zirkusgesellschaften auch als Publikumsmagnete und können zugleich als Zeichen ihres Erfolgs gelesen werden. Denn der Anklang beim Publikum und, in der Konsequenz, das Vorhandensein finanzieller Ressourcen waren für den Personal- und Ausstattungsaufwand derartig aufwendiger Inszenierungen unerlässlich.
Nicht nur für den Bau der Gebäude, sondern auch für die Nutzung und Weiterentwicklung der Bühnentechnik standen die Berliner Zirkusgesellschaften im Austausch mit Erfinder:innen, Ingenieur:innen und Berliner Firmen, die um 1900 ein umfangreiches Know-how für die Ausstattung der Spielstätten entwickelt hatten. In den überlieferten baupolizeilichen Akten der Zirkusgebäude tauchen alle Namen der großen elektrotechnischen Firmen auf wie Siemens & Halske, AEG, Schuckert & Co., Schwabe & Co., sowie die von Metallbau- und Konstruktionsbetrieben. Für diese Unternehmen stellte der Zirkus auch ein Experimentierfeld dar, um Technologien und Konstruktionen zu testen, die in anderen Geschäftsfeldern potenziell von Nutzen und gewinnbringend sein konnten. In aller Regel waren die großen Berliner Industriefirmen global in einem imperialen Kontext tätig. In einem Katalog der Metallbaufirma E. de la Sauce und Kloss sind neben Konstruktionen für Circus Schumann (vgl. Abb. 57 u. 58, S. 98f., 100f.) auch Bauprojekte in südafrikanischen Goldminen dokumentiert. Siemens & Halske wiederum besaß, wie auf der Website der bis heute bestehenden Firma zu lesen ist, eine Konzession zur Elektrifizierung der Bergbauregion Witwatersrand in Südafrika. Die im globalen Süden erwirtschafteten Profite flossen zurück in den Industriestandort Berlin.