Theater der Zeit

Auftritt

Ruhrfestspiele Recklinghausen: Doppeleröffnung

„The Pulse“ von Gravity & other Myths– Künstlerische Leitung Darcy Grant, Musik Ekrem Eli Phoenix // As Far As Impossible – Text und Regie Tiago Rodrigues, Szenografie Laurent Junod, Wendy Tokuoka, Laura Fleury, Musik Gabriel Ferrandini

von Stefan Keim

Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Zirkus Ruhrfestspiele Recklinghausen

„The Pulse“ von Gravity & other Myths bei der Eröffnung der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Foto Darcy Grant
„The Pulse“ von Gravity & other Myths bei der Eröffnung der Ruhrfestspiele RecklinghausenFoto: Darcy Grant

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Mit eleganten, fließenden Bewegungen klettern sie über die Kniekehlen, Hüften und Schultern der anderen hinauf. Bis zu vier Menschen stehen aufeinander im Stück „The Pulse“ der australischen Kompagnie Gravity & other Myths. Doch die Schwerkraft ist kein Mythos. Die Menschenpyramiden geraten ins Wanken, manchmal kippen sie. Einmal fällt eine Artistin sogar in die Dunkelheit. Ein irrer Effekt, spätestens hier weiß das Publikum, dass es sich um Zentimeterarbeit auf der Bühne handelt, dass sich alle blind aufeinander verlassen.

Zum ersten Mal gibt es Zeitgenössischen Zirkus zur Eröffnung der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Das ist einerseits die Anerkennung einer Kunstform, die sich in den vergangenen Jahren von einer Randerscheinung ins Zentrum der Wahrnehmung vorgearbeitet hat. Es passt aber auch perfekt zum Motto des Festivals in diesem Jahr: „Vergnügen und Verlust“. Die Akrobatik ist niemals Selbstzweck, das Staunen im Publikum führt keinesfalls zum Abschalten des Gehirns. Die Menschentürme, die immer wieder zusammenbrechen, erzählen vom Entstehen und Vergehen. Immer wieder werden neue Konstellationen zusammengebaut, Körper fliegen durch die Luft, einmal liegt fast das gesamte Ensemble nebeneinander am Bühnenrand. Eine Artistin läuft darüber hinweg, tritt auf die Bäuche, was Laute hervorruft wie von einem riesigen Musikinstrument. Gravity & other Myths zeigen die Geschichte der Menschheit als Körpertheater auf leerer Bühne mit grandiosem Lichtdesign und kurzen Momenten der Schönheit, die nie von langer Dauer sind.

Dazu singt der Frauenkonzertchor der Chorakademie Dortmund eine pulsierende Musik von Ekrem Eli Phoenix.  Am Anfang sind es ruhigere Klänge, die an geistliche Musik der Renaissance erinnert, dann wird es rhythmischer, drängender, treibender. Die schwarz gekleideten Sängerinnen sind auch choreografisch eingesetzt, bewegen sich, mischen sich mit dem 24-köpfigen Artistikensemble.

Unglaublich, dass dieses enge Zusammenspiel in nur vier Tagen Probenarbeit geleistet wurde. In Australien spielt die Kompagnie mit einem anderen Chor. Aber den für fünf Vorstellungen nach Deutschland zu holen, wäre sehr aufwändig und nicht gerade nachhaltig gewesen.

„The Pulse“ passt perfekt zur Eröffnung der Ruhrfestspiele, auch weil die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky in ihrer Rede zuvor eine Zirkusmetapher gewählt hat. Sie erzählt von einem Wanderzirkus im Winterlager, einer Tradition, die im Verschwinden begriffen ist. Das ist zwar ein etwas abgegriffenes Bild, sie füllt es aber mit sprachlicher Poesie und Präzision. „Wer zu denen gehört“, sagt sie gegen Ende, „die beobachten, in welchem Maße der Verlust von Gemeinschaft, Dialog und Unmittelbarkeit politische Intoleranz und Feindseligkeit fördert, wird wissen, dass man dem etwas entgegensetzen muss.“ Ob die Fähigkeit zum Staunen, die Esther Kinsky hier beschwört, politische Wirkung entfalten wird, ist natürlich fraglich. Aber sie erklärt leise und eindringlich, warum es sich eine Gesellschaft auch in vielen Krisen nicht leisten kann, Kunst und Kultur zu missachten. Und das ist eine Botschaft, die vor einem Publikum mit vielen Gästen aus Politik und Verwaltung besonders wichtig ist.

Wie politisch Intendant Olaf Kröck und sein Team die Ruhrfestspiele verstehen, zeigt die zweite Premiere des Eröffnungswochenendes. Theatermacher Tiago Rodrigues – der Künstlerische Leiter des Festival d’Avignon – hat Erzählungen von Menschen zusammengetragen, die für das Rote Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten arbeiten. Im Stück „As Far As Impossible“ ist immer nur von der „Organisation“ die Rede, die im „Unmöglichen“ arbeitet. Umso konkreter werden die Bilder und Geschichten, die das virtuose vierköpfige Ensemble meist im direkten Blickkontakt mit dem Publikum erzählt. Es geht um gerettete und verlorene Leben, ums Scheitern und die Frage, wie sie damit umgehen. Immer wieder wechseln die vier zu den Gesprächen, die sie mit dem Theaterteam geführt haben, stellen Fragen, fragen nach dem Sinn des Projekts und ob sie gerade etwas erzählt haben, das in den Abend passen könnte. So entstehen immer wieder Momente der Leichtigkeit und der Entspannung, um dann wieder umso tiefer eintauchen zu können.

Die Bühne zeigt eine Zelt- und Berglandschaft aus einem riesigen Tuch (Szenografie Laurent Junod, Wendy Tokuoka, Laura Fleury). Das Ensemble selbst bewegt es an Zügen und verändert das Bild. Während der wunderbare Schlagzeuger Gabriel Ferrandini fast den gesamten zweistündigen Abend subtil und stimmungsvoll begleitet. Die Ruhrfestspiele starten mit gleich zwei überwältigenden und völlig unterschiedlichen Aufführungen.

Erschienen am 6.5.2024

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