Brecht und die Folgen
von B. K. Tragelehn
Erschienen in: Recherchen 179: Roter Stern in den Wolken 3 – Aufsätze, Reden, Gespräche, Gedichte. Ein Lesebuch (04/2026)
Assoziationen: Theatergeschichte Dossier: Bertolt Brecht Heiner Müller Bertolt Brecht

Zum 100. Geburtstag Brechts 1998 wurden die Ringvorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität eröffnet mit einer Lesung von T. und Volker Braun. Braun bettete seine Gedichte in einen Essay, T. las seine Gedichte nach einer frei gesprochenen Vorrede. Hier der redigierte Text der Tonbandaufzeichnung:
Brecht war nach seinem Tod schnell ein großer Erfolg – bis es zu Max Frischs Diktum von der durchschlagenden Wirkungslosigkeit eines Klassikers kam. Ja, er ist dem Schicksal anderer deutscher Klassiker nicht entgangen. Die Schule langweilt mit ihm die Kinder und das Theater langweilt mit ihm die Erwachsenen. Ich sehe das, ich kann es verstehn, aber ich kann es nicht nachempfinden. Denn ich habe Brecht noch gekannt. Ich war 19, als ich nach Berlin kam und ein Jahr lang, bis zu seinem Tod, Akademieschüler von ihm. Er war ein sehr lebendiger, sehr lustiger und, vor allem, er war ein sehr widersprüchlicher Mensch. Und er hatte einen ganz anderen Begriff von Klassik. Klassisch: das war das, was zu gebrauchen war.
Von oben kommt einem immer die Forderung nach Einheit und Reinheit entgegen, verlangt wird ein widerspruchsfreies Bild. Das war gestern so, da war es die Einheit und Reinheit einer Partei. Das ist heute anders – und im anderen...




















