Theater der Zeit

Anzeige

Auftritt

Residenztheater München: Braune Brühe benebelt Europa

„Automatenbüffet“ von Anna Gmeyner – Regie Elsa-Sophie Jach, Bühne Bettina Pommer, Kostüme Belle Santos, Komposition Samuel Wootton

von Elisabeth Maier

Assoziationen: Bayern Theaterkritiken Elsa-Sophie Jach Residenztheater

Elsa-Sophie Jach holt mit dem Ensemble des Münchner Residenztheaters die gewaltige Sprache von Anna Gmeyners „Automatenbüffet“ ins 21. Jahrhundert.
Elsa-Sophie Jach holt mit dem Ensemble des Münchner Residenztheaters die gewaltige Sprache von Anna Gmeyners „Automatenbüffet“ ins 21. Jahrhundert.Foto: Birgit Hupfeld

Anzeige

Anzeige

Die heimelige Bierseligkeit gerät ins Wanken. Um den Wirtshaustisch in Anna Gmeyners „Automatenbüffet“ sitzen Honoratioren, die im beschaulichen Dorf Seebrücken Weltpolitik verhandeln. Dabei ist das Bild aus den Fugen geraten, die überdimensionale Tischplatte gekippt, wie die bis dato geltende Weltordnung. 1932 schrieb die Autorin ihr drittes Stück „Automatenbüffet“. Elsa-Sophie Jach setzt in ihrer Inszenierung im Marstall des Residenztheaters München auf die Aktualität des Stoffs. Das Bühnenbild spiegelt ein Lebensgefühl. Biedere Bürger werden zu Mitläufern eines verbrecherischen Systems. Dabei nimmt sie die Zerrissenheit der Menschen ins Visier.

Wenige Monate vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde Anna Gmeyners Stück 1932 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt. Die Dramaturgin und Autorin wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie auf und gehörte in Berlin zur Avantgarde des politischen Theaterrevolutionärs Erwin Piscator. Er bahnte Zeitstücken den Weg auf die Bühne. Lange waren Gmeyners Dramen vergessen. In Zeiten, da rechtspopulistische Gedanken erstarken, entdecken viele Bühnen das Stück wieder – vom Burgtheater in Wien bis zum Theater Aalen. Am 26. März hat die Inszenierung von Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin Premiere.

Auch der Spielraum, den Bettina Pommer geschaffen hat, verweist auf unsichere Zeiten. Vom riesigen Deckenleuchter fließt das Bier in Krüge. Braune Brühe benebelt die Gäste. In diesem Lokal gibt es Harzer Käse und Wurst aus der Maschine. Elsa-Sophie Jach befreit die Figuren aus dem Zeitkolorit, kitzelt ihre Gefühle heraus. Clementine Adam führt ein strenges Regiment über ihre Gäste. Die frustrierte Ehe- und Geschäftsfrau interpretiert Carolin Conrad hart und kalt. In Zeiten der Wirtschaftskrise führt sie Geschäft. Dass in ihr auch eine unstillbare Gier nach Liebe schlummert, arbeitet Conrad stark heraus. Die Leidenschaft stillt am wenigsten ihr Mann.

Der verliert sich in Träumen von einer wirtschaftlich-ökologischen Fischzucht, will aus dem Teich am Lokal eine überdimensionierte Seenlandschaft machen. Felix von Manteuffel entlarvt die Visionen als Hirngespinste. Denn der Ehemann, der vom Geld seiner Frau lebt, ist in Zwängen gefangen. Und die Honoratioren der Stadt üben Druck auf ihn aus. Seine Frau hält nichts davon. Für sie steht der Profit im Vordergrund, nicht der Umweltschutz. 

Düster klingt im Hintergrund die Musik von Samuel Wootton. Die Töne sind gedämpft. Es scheint, als erstickten die Klänge im Off. Seine Komposition erfasst die Atmosphäre der europäischen Gesellschaften, die am Rande des Krieges stehen, großartig. In diese Welt platzt die junge Eva, die den Männern den Kopf verdreht. Anna Drexler erfasst den Charme dieser Figur ebenso wie ihre Schwäche. Mal traumwandlerisch, mal sehr rational lässt die Schauspielerin ihre Figur als Kellnerin anheuern. Obwohl sie Adams Utopien nach Kräften unterstützt, erkennt sie am Ende die Hoffnungslosigkeit. Denn Gmeyner rahmt den Text mit einem Vor- sowie einem Nachspiel ein. Zu Beginn hält Adam Eva vom Suizid ab, weil sie sich aus enttäuschter Liebe ins Wasser gestürzt hat. Am Ende ist es Eva, die Adam rettet – er kann nicht ertragen, dass seine Träume geplatzt sind. 

Gmeyner erzählt viel über die angebliche Machtlosigkeit der angeblichen „Gutmenschen“, die dem Nationalsozialismus den Weg ebneten. Diesen Aspekt arbeitet Regisseurin Jach scharf heraus. Mit Adams ewig klammem Mieter Pankraz, der die Automaten ausraubt und sich die Liebe der Chefin erschleicht, kommt am Ende ein Verbrecher an die Macht. Patrick Isermeyer schöpft das verführerische Potenzial des Demagogen aus.

Sehr eindimensional, aber prägnant, zeichnet die Autorin die Stützen der Gesellschaft. Sie organisieren sich im Deutschen-Amateur-Fischerverein. Die Holzschnitt-Porträts deutet Jach um in starke Psychogramme. Mit Medikamenten und scharfen Worten lullt der Apotheker Hüslein die Menschen ein. Streng und opportunistisch zeigt ihn Delschad Numan Korschid: „Es ist immer wo geschossen worden, seit die Welt besteht. Und immer hat es Vulkane gegeben, die ausgebrochen sind. Lebenskunst, das ist die Kunst, nicht dabei zu sein.“  

Mit nackter Gewalt kontert der Oberförster Wutzlitz, den Simon Zagermann als Gutmenschen interpretiert. Die ökologischen Fantasien kleidet Thomas Reisingger als Schulrat Wittibtöter ebenso in schwülstige Worte wie er später sein Fähnchen nach den neuen Ideologien ausrichtet. Mit wirrem Haar und scharfem Sinn entlarvt Max Rothbart in der Rolle des entlassenen Lehrers Puttgam die Klüngelei, die in den Nationalsozialismus führen soll. Ein Verein bilde sich da, wo der Hund hingepinkelt hat. Wie diese „Volksgemeinschaft“ später fast eine ganze Welt zerstören sollte, das dachte Gmeyner in ihrem vielschichtigen Text voraus. Elsa-Sophie Jach befreit Gmeyners Text vom Zeitkolorit und lässt das Ensemble die Sprache mit Emotionen aufladen. Das ist mitreißende Schauspielkunst. Die junge Regisseurin interessieren die Menschen, nicht politische Programme. So holt sie den Text ins 21. Jahrhundert. Damals wie heute ist die Botschaft klar: Wehret den Anfängen.

Erschienen am 18.2.2026

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Anzeige