Theater der Zeit

Auftritt

Senftenberg: Fallen in der Lausitz

Neue Bühne: „Der Sohn“ von Oliver Bukowski (UA). Regie, Bühnen- und Kostümbild Mario Holetzeck, Video Oliver Seidel

von Thomas Irmer

Erschienen in: Theater der Zeit: Was soll das Theater jetzt tun? – Eine Umfrage (05/2022)

Assoziationen: Sprechtheater Brandenburg Theaterkritiken Neue Bühne Senftenberg

Mit bitterem Humor die Figuren gegeneinander zeigen: Leon Haller in der Uraufführung von „Der Sohn“ von Oliver Bukowski in der Regie von Mario Holetzeck. Foto Steffen Rasche
Mit bitterem Humor die Figuren gegeneinander zeigen: Leon Haller in der Uraufführung von „Der Sohn“ von Oliver Bukowski in der Regie von Mario Holetzeck.Foto: Steffen Rasche

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Oliver Bukowski gewann 2020 mit „Der Sohn“ den LAUSITZEN-Stückewettbewerb (Abdruck in TdZ 4/20), aber die Uraufführung kam ­coronabedingt erst zwei Jahre später auf die Bühne. Die Problemlage des auf diesen Teil der Niederlausitz fokussierenden Stücks hat sich freilich kaum geändert, was schon mit dem Video-Schnipsel-Intro von Oliver Seidel leicht zu bemerken ist. Da gibt es glitzernde Seen und schwingende Adler, aber auch für die Kohle aufgebaggerte Landschaft – und mit späteren Motiven werden dazu abenteuerliche Investment-Pleiten wie die einst als Luftschiffwerft geplante Badehalle von Tropical Island und der als Rennstrecke kaum genutzte Lausitz-Ring ins Bild gerückt.

Was wie die Parodie eines Imagefilms über blühende Landschaften aussieht, funktioniert als Referenzrahmung für Bukowskis Familie Walter bestens. Der Vater Thomas ist ein entlassener Braunkohle-Bergmann, der nun, Mitte 50, als Kaufland-Security bei null wieder anfängt bzw. „als Null“, wie seine Frau Anja meint, die ihr persönliches Landschaftserblühen vor allem im Yoga sucht. Tochter Anja hat es mit der Rebellion von links und Fridays for Future, der titelgebende Sohn Finn dagegen wird von der rechtspopulistischen Seite abgeholt, zumal ihm der Arzt Dr. Bremer als Mentor und Patenonkel dafür zur Seite steht. Eine mustergültige Sozial-Problem-Familienaufstellung, in der Bukowski freilich etliche Fallen der Entlarvung falscher Klischees vorsieht. Alles scheint stimmig, und ist doch ernsthaft zu hinter­fragen.

Mario Holetzeck hat als Regisseur zugleich die Gesamtausstattung für die Studiobühne entworfen: ein mit Planen behängtes Baugerüst im offenen Geviert, am Boden eine Schicht Sand, die gleich zu Anfang als Sediment von dem angesprochen wird, was von allen Walters und der Menschheit überhaupt übrigbleibt. Damit ist der Ton gesetzt, den die Inszenierung über weite Strecken verfolgt. Mit bitterem Humor die Figuren gegeneinander zeigen. Den Sohn erarbeitet sich Leon Haller als gegen alles skeptisch Frustrierter; sein T-Shirt zeigt den Spruch „Ich brauche keinen Sex, denn ich werde jeden Tag gefickt“. Den von den anderen Familienmitgliedern verfolgten Alternativen (sozial, spirituell, aktivistisch) steht er ablehnend gegenüber, aber ob er deshalb ein Rechter wird, weiß man bis zum Schluss nicht so richtig. Das ist überhaupt die Frage, wenn der Regisseur an einer Stelle die Tür zu einem brennenden Ku-Klux-Klan-Kreuz auf dem Hof öffnet: Muss hier übertrieben werden, um Finn kenntlich zu machen? Eher nicht. Finn ist die Frage der Zukunft dieser Region in Gestalt, also auch als berechtigte Gegnerschaft und provozierend pessimistische Figur. Wie auch alle Spieler einmal mit Elon-Musk-Masken auftreten.

Dagegen fallen die beiden Frauen deutlich ab: Die Schwester Tine (Esra Maria Kreder) läuft ständig nur auf Hochtouren im Sorben-Dirndl (noch ein großes Nebenthema in diesem vollgestopften Paket), die von Johanna-Julia Spitzer dargestellte Mutter übertreibt ihre Yoga-Not im Sari aufs Feinste, aber am Ende soll man ja gerade das durchschauen. Eine solche Doppelbödigkeit braucht Roland Kurzweg als Bergmann-Vater nicht; er ist der Geschlagene in diesem Schauspiel.

Die Sprache Bukowskis ist seinen Figuren immer um eine Pointe voraus. Wenn zum Beispiel Vater und Sohn sich in den Zusammenhang von „Suizid und Umschulung“ hineinsteigern, ist das ein böser Lacher in Bukowskis bekanntlich grandioser Dialogkunst. Diese Qualität stellt Holetzeck mit den Schauspielern in seiner Uraufführung auf jeden Fall heraus. Die wirklich inszenatorische Deutung dieses Stücks muss jedoch erst in einer folgenden Inszenierung herausgeholt werden.

Es war die die letzte große Premiere in der Intendanz von Manuel Soubeyrand, der die neue Bühne Senftenberg als Landestheater im ­Süden Brandenburgs neu positionierte und ein technisch erneuertes Haus seinem Nachfolger Daniel Ris übergibt. Bukowskis Stück ist ein für diese Ära inhaltlich vollkommen passender Schlusspunkt. //

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