Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Fuck off (09/2015)

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„Er war der, der immer da war. Und nun?“ Die Nachricht vom Tod Bert Neumanns, Chefbühnenbildner und erkanntes sowie anerkanntes Genie der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, traf uns plötzlich und mit großer Erschütterung. Eben noch sahen wir ihn im Theater und in den Zeitungen, wo er vehement gegen den „Umbau“ der Volksbühne stritt. Und nun? „Jetzt, wo er nicht mehr hier ist, habe ich über vieles nachdenken müssen, was verschollen und vergraben ist. Der Mut und die Eloquenz, dieses feingeistige Blaublütige, dieses aufrechte Stil- und Geschmackssichere, das er verkörperte“, schreibt Leander Haußmann über Bert Neumann. Ihm schließen sich in dieser Ausgabe Lilith Stangenberg, Fabian Hinrichs, Robert Hunger-Bühler, Henry Hübchen und Milan Peschel an.

Jetzt, wo er nicht mehr hier ist … Dieser Gedanke lässt auch Michael Eberth nicht los. Im Juli starb ebenso plötzlich und unerwartet der Schriftsteller und Dramatiker Ulrich Zieger in seiner Wahlheimat Montpellier. Wahrscheinlich ein unerkanntes Genie. „Ohne einen wie ihn, der ,den todesmutigen Sprung in den puren Moment des atmenden Menschen riskiert‘, wie Ulrich Zieger seinen Traum vom Theater beschrieben hat, wird es hinter dem Tor, das die Welt aussperrt, um das Bild von ihr nicht verändern zu müssen, nicht mehr allzu lang weitergehen“, prophezeit Michael Eberth.

Menschen gehen unter, doch der Betrieb läuft weiter. Auch – oder gerade – im Theater. Auch – oder gerade – im Sommer. Während in den Stadttheatern die Arbeit ruht, übernehmen die zahlreichen Festivals ihr künstlerisches Tun. Von den Wiener Festwochen geht es zum Kunstenfestivaldesarts, geht es zu den Theaterformen, geht es zum Bergen International Festival, geht es zur Prag Quadriennale, geht es zum Spring Performing Arts Festival, geht es zu ImPulsTanz, geht es zum Impulse Theater Festival. Stillstand? Nicht vorgesehen. Zumal es keine Sonnenscheinprogramme sind, die man dort erlebt. Es geht um Partizipation, Kollaboration und Teilhabe in Formen und Formaten, die zwischen sozialer und künstlerischer Aktion oszillieren. Das größte Paradox dabei ist die Reibung mit einer ganz anderen Art von Mobilität. Während die Kulturelite hierhin und dorthin pilgert, geht es für Hundertausende Menschen nur dorthin – nach Europa. Gerade deshalb, sagt Sodja Lotker, künstlerische Leiterin der Prag Quadriennale, seien „Shared Spaces“ (so das Motto der Quadriennale) so wichtig. Und Theater sei ein geteilter Raum.

13 Dramatiker, 13 Stücke. Auch in unserem großen Stückinsert des Schauspielhauses Graz geht es um Grenzen und deren Überschreitung. Grenzgänge nennt sich das Spektakel, mit dem Neuintendantin Iris Laufenberg ihre erste Spielzeit eröffnen wird. Mit dabei sind unter anderen Philipp Löhle, Henriette Dushe, Ferdinand Schmalz, Nicoleta Esinencu und Clemens J. Setz.

Doch wie überhaupt schreiben in Zeiten, in denen Zusammenhänge immer mehr verloren gehen oder im Zuge der Postdramatik verloren gegeben werden? Kathrin Röggla diskutiert diese Frage in unserer Reihe Neuer Realismus in einem vielstimmigen Essay mit sich und einem Konglomerat verschiedenster Positionen durch. „Wissen wir, was Menschen heute sind? In Wirklichkeit (…) wissen (wir) viel mehr von der Hysterie, die durch Rohstoffmärkte wandert, zu erzählen als über reale Menschen, an denen doch die Geschichten angeblich dranhängen.“

Zu deprimierend? Dann schnell zum nächsten Song. „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“. Die Puhdys. Das kann er, der Würm-Hans. Die Leute unterhalten. Nur sind die schon ganz woanders. Vorm Fernseher. Oder dem Smartphone. Matthias Brenner hat im Juni Ralph Hammerthalers „Alleinunterhalter“ uraufgeführt. Der Intendant des Neuen Theaters Halle, der sich immer wieder gegen kommunale Schließungsgelüste wehren muss, als Soloentertainer. Die Pistole ist längst gezückt. Doch ist es viel mehr, was dieses Stück erzählt. „Der ‚Alleinunterhalter‘“, schreibt Gunnar Decker, „trifft den allzu menschlichen Kern unserer Existenz. Das ist der Punkt, an dem es heroisch wird, in den Spiegel zu blicken, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität des eigenen Tuns nicht wegzulügen – und trotzdem jeden Tag aufs Neue da weiterzumachen, wo man gestern aufhörte (…).“ //

Die Redaktion

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