Theater der Zeit

Auftritt

Schauspiel Köln: Sprudelnde Melancholie

„Ein von Schatten begrenzter Raum“ von Emine Sevgi Özdamar in einer Bühnenfassung von Stawrula Panagiotaki – Regie Nuran David Calis, Bühne Anne Ehrlich, Kostüme Sophie Klenk-Wulff, Musik Vivan Bhatti

von Stefan Keim

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Nuran David Çalis Schauspiel Köln

„Ein von Schatten begrenzter Raum“ nach dem gleichnamigen Roman von Emine Sevgi Özdamar in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Köln.
„Ein von Schatten begrenzter Raum“ nach dem gleichnamigen Roman von Emine Sevgi Özdamar in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Köln.Foto: David Baltzer

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Eine Frau schaut aus dem Fenster eines Eisenbahnwaggons. Oder ist es ihre Wohnung in Istanbul? Sie hört Geräusche von draußen, als ob ein Laster vor die Wand fährt. Draußen sieht sie einen Esel, der vor einer orthodoxen Kirche steht. Ein surreales Bild, der Prolog des Romans „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Darin erzählt die Autorin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar eine Menge aus ihrer eigenen Biografie, schweift aber immer wieder ab ins Mythische und Fantastische. Nuran David Calis hat nun die Bühnenfassung des Buches inszeniert.

Die Aufführung schließt eine Reihe vieler Stücke mit migrantischen Themen ab, die oft in enger Zusammenarbeit mit den Menschen der nahegelegenen Keupstraße entstanden sind. Es waren viele bewegende Abende dabei, die politische Probleme klar benannt haben Aber diesmal wehrt sich die Autorin dagegen, als „migrantische Stimme“ vereinnahmt zu werden. Sie legt mehrmals großen Wert auf ihre Individualität, auf eine Wahrnehmung außerhalb aller Schubladen. Calis hat auch eine völlig andere Spielweise gefunden als in seinen behutsamen, zurückgenommenen Dokumentarstücken. Diesmal dreht das dreiköpfige Ensemble voll auf.

Das passt zur großartigen Theaterfassung, die Stawrula Panagiotaki aus dem 750-Seiten-Roman gewonnen hat. Sie erzählt nicht nur alle wichtigen Handlungsstränge in eindreiviertel Stunden, sondern lässt auch den poetischen, herrlich versponnenen Momenten Raum. „Ein von Schatten begrenzter Raum“ ist ein Text, der sich eher langsam lesen aber überraschend schnell spielen lässt. Was natürlich nur mit einem Ensemble von höchster Qualität gelingt.

Kristin Steffen, Michaela Steiger und Daron Yates teilen sich die Hauptfigur und springen mit Riesenlust an Slapstick und Komödie in die Nebenfiguren. Das ist an sich nichts Originelles, aber hier hat es richtig Sinn. Denn Emine Sevgi Özdamar beschreibt sich selbst als vieldeutigen, sprunghaften Charakter, zwischen Höllenmut und Selbstzweifeln, mit heftigem Humor und nagender Melancholie. Da passt es, dass die Erzählerin immer wieder neuen Schub bekommt, wenn der oder die nächste in die Rolle springt.

Die Erzählerin verlässt das krisengeschüttelte Istanbul, um im fernen Europa Schauspielerin zu werden. Nebenbei liefert Emine Sevgi Özdamar eine herrlich satirische Theatergeschichte der siebziger Jahre. In Berlin trifft sie Benno Besson, dem sie nach Paris folgt, um ihm bei seiner Inszenierung von Brechts „kaukasischem Kreidekreis“ zu assistieren. Nachts bastelt sie im Hotelzimmer aus Resten des Theaterfundus Puppen zusammen, mit denen sie das Stück nachstellt. Sie ist glücklich – bis die Premiere stattfindet. Dann ist die Arbeit, über die sie sich definiert hat, zu Ende, und Besson wird erst in anderthalb Jahren wieder inszenieren. Sie entdeckt, dass sie im Exil nur in anderen Menschen eine neue Heimat findet.

Es geht weiter. Die Gründung einer türkischen Theatergruppe in Berlin scheitert, der Regisseur Matthias Langhoff nimmt sie mit nach Bochum, wo sie auf Heiner Müller, Hermann Beil und Claus Peymann trifft. Alle werden hinreißend pointiert dargestellt. Allein Michaela Steiger als bedächtig die Treppe hinaufphilosophierender Beil ist ein Genuss, eine liebevolle Parodie des Musterbeispiels eines intellektuellen Dramaturgen. Beil ermutigt Özdamar, ein Theaterstück zu schreiben und gibt ihr den Impuls, sich von der Schauspielerin zur Autorin zu entwickeln.

Anne Ehrlichs Bühne ist wandelbar. Der Eisenbahnwaggon lässt sich drehen, mal sieht man ihn von außen, mal von innen. Ein perfektes Bild für ein Zuhause, das keins ist, sondern eine mobile Zwischenlösung. Türkische Geschichte spielt immer wieder hinein in den assoziationsreichen Abend. Vivan Bhattis Musik wechselt zwischen fröhlichen Songs und feinfühliger Untermalung der nachdenklichen Szenen. Einzig die Verdoppelung vieler Szenen durch Videokameras wirkt überflüssig. Doch das ist nur ein winziger Kritikpunkt an einem reichen, lebendigen, humorvollen und tiefgründigen Theaterabend.

Erschienen am 13.5.2024

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