Auftritt
Semperoper Dresden: Musik als Erinnerungsraum
„Innocence“ von Kaija Saariaho – Inszenierung Lorenzo Fioroni, Musikalische Leitung Maxime Pascal, Bühne Paul Zoller, Kostüme Annette Braun
von Alexander Keuk
Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Musiktheater Lorenzo Fioroni Staatsoper Dresden

Eine Hochzeit, die sich zu einem Albtraum wandelt: als bekannt wird, dass der Bruder des Bräutigams Täter bei einem Amoklauf an einer Schule war, ist nichts mehr wie vorher. Die finnische Komponistin Kaija Saariaho (1952-2023) unternimmt in „Innocence“, ihrer letzten, fünften Oper eine Reise in die Psyche von Menschen, die Taten begangen, erlitten, gesehen haben und sich zehn Jahre danach fragen, wie so etwas wie Leben noch oder wieder möglich ist. An der Semperoper Dresden ist es die dritte Produktion des 2021 beim Festival d'Aix en Provence uraufgeführten Werkes und wurde von Lorenzo Fioroni neu in Szene gesetzt.
Dabei kehrt der Opernabend Inneres nach Außen, und heraus kommt ein Theatererlebnis, das entfernt an große, ebenfalls ein Mordtrauma behandelnde Stücke wie Elektra oder Macbeth erinnert, hier aber das Beziehungsgeflecht einer Familie und einer Schulklasse in den Mittelpunkt stellt. Die Geschichte von „Innocence“ wird in knapp zwei pausenlos dichten Stunden auf zwei Ebenen erzählt. Zu der Hochzeitsgeschichte erhalten die Menschen, die bei der (fiktiven) furchtbaren Tat zehn Jahre zuvor zugegen waren, Gehör und reflektieren das Erlebte, ihre Erinnerung und ihre schmerzerfüllte, von Ängsten bestimmte und auch zerstörte Gegenwart.
Ebenso wie um die Schuldfrage geht es um Vorhersehbarkeiten und, in einem künstlerisch-ästhetischen Raum, auch um die Irrationalität, um das eigentlich Unsagbare. „Wir müssen darüber reden, wie Gewalt in Gesellschaften aufflammt“, sagte die Komponistin in einem Interview – zeitlebens hat die Finnin in ihrem Werk gesellschaftsrelevante und globale Themen angesprochen, und dabei eigene klangliche, oft phantastisch-abstrakte Welten entwickelt, die einen tieferen Bezug erst ermöglichten.
Das Musiktheater bietet in „Innocence"“ für das die Schriftstellerin Sofi Oksanen das Libretto geschrieben hat, Raum für Zwischenräume und Unmögliches, und die Musik ist natürlich eine Kunst, die in ihrer Funktionalität von Sprachfindung und Sprachformung verschiedene Aspekte der Geschichte gleichzeitig zu fassen vermag. Saariaho hat keinerlei Versuch unternommen, in irgendeiner Art läuternd oder therapeutisch zu komponieren, stattdessen wagte sie den Drahtseilakt, in die Stimmungen, Befindlichkeiten und auch Abgründe hineinzuhorchen und daraus ein Geflecht an Musik zu formen, das gleichzeitig in der Szene agiert wie auch in der distanzierten Betrachtung verortet ist. So gelingt ein tönendes Mitfühlen und eine Art musikalischer Erinnerungsraum, der zwar in Saariahos Vokabular insgesamt sehr farbig gerät, doch man merkt auch genau, dass sie Grenzen einer Ästhetik aus Respekt einhält und die Grausamkeit des Erzählten nicht noch durch Spektakel im Orchester etwa konterkariert.
Ebenso grenzziehend wie gleichzeitig experimentell sich vortastend geben sich Bühne und Regie: Die mit Buffet und Kleidern angedeutete Hochzeitsfeier am Bühnenrand weiß hinter sich ein surreal anmutendes Landschaftsfeld, in dem es regnet, schneit und sich verschiedene materielle Schichten und Bewölkungen auftürmen. Erst spät rotiert dieses Feld und ist da längst schon der beklemmende „innere Ort“ des Geschehens geworden, der ab und an von einer Armada von Strahlern grell beleuchtet wird – es ist kein Ort zum Sein, und die eigentlich lieblose Hochzeit im Vordergrund ist bald zum Scheitern verurteilt.
Schlichtweg genial ist der Umgang mit Licht und Video in dieser Inszenierung – was da im Werk mit schon vorgebildet ist (Fotos und Videos spielen auch in der Geschichte eine wichtige Rolle) findet eine starke visuelle Umsetzung mit einem Hochzeitsfotografen, der später die Beteiligten des Amoklaufes ins Bild rückt und ihre Klage und Anklage per Video einfängt. Die Kamera erfasst auch kurz das Rund des Parketts und lässt die Zuschauer in ihrer Rolle als Zuschauer tatsächlich teilnehmen.
Mythen, Natur- und Wettererscheinungen spielen in dieser Oper zwar auch eine große Rolle, doch sie werden nicht zur Verklärung herangezogen, sondern besitzen eine eigene Kraft, die ein schlimmes Ereignis (mit Schnee) zudecken kann, oder mit alles überstrahlenden Volksgesängen (herausragend: Venla Ilona Blohm mit in der Partitur einbezogenen finno-ugrischen Gesängen) vom Überleben künden.
Die dreizehn (!) Protagonisten der Oper, die fast permanent auf der Bühne agieren, singen und sprechen benutzen neun verschiedene Sprachen, was nicht nur verschiedene Kulturen und deren Umgang mit Schuld und Trauma in das Blickfeld rückt, sondern schlicht den Gedanken hervorholt, dass eine solche Tat überall passieren kann. Das Solistenensemble zeigt durchweg sängerische Spitzenklasse, allein die Masse an Text ist oft bei dem ohnehin schwer lastendem Thema erdrückend, so dass die musikalische Zeichnung der Figuren oft in vielen Dialogen und Gruppenszenen stattfindet. Solistisch sind eher die Schüler auf der Quaderbühne unterwegs, die mit sich und ihren Ängsten kämpfen und berichtartig ein Puzzle der Tat zusammensetzen. Anu Komsi (die Schwiegermutter Patricia), Paula Murrihy (Tereza) und das Brautpaar, der Tenor Mario Lerchenberger als Tuomas und Rosalia Cid als Stela, sind mit besonders tragend-intensiven Rollen zu nennen – am Ende kann auch keine Lösung im Raum stehen, sondern nur ein Loslassen der gesamten Oper, und das ist auch von Saariaho faszinierend auskomponiert.
Die Sächsische Staatskapelle Dresden spielt unter dem französischen Dirigenten Maxime Pascal, einem Spezialisten für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, Saariahos Partitur sehr klangsensibel, fast filigran. Etwas mehr Schärfe in der Kontur hätte der Interpretation dennoch gutgetan, denn die Schwierigkeit der Partitur ist die Komplexität vieler leiser und ausfransender Klanglichkeit, auch wenn einige Leitmotive in Trommeln oder Holzbläsern durchaus wiedererkennbar waren. Doch in einer Weise haben die schwebenden Klänge im großen Raum der Semperoper auch etwas Tröstliches, eine Kammeroper in engen Wänden wäre in dieser Thematik fast nicht aushaltbar.
Auch in der besuchten fünften Aufführung – in Kooperation mit den „Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik“ im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau veranstaltet – war die Semperoper fast ausverkauft und viel junges Publikum setzte sich mit dem ernsten und zeitaktuellen Stoff auseinander und zeigte sich von der intensiven Darstellung begeistert. Eine starke Produktion, die Hoffnung macht, dass Dresden in der neuen Intendanz von Nora Schmid weniger als klassisch-konservative Opernadresse, sondern als Haus der gelebten Gegenwart und Neugier fungieren will.
Erschienen am 2.4.2025