Kolumne
Wir gehen rein
Alle Wetter
von Lina Wölfel
Erschienen in: Theater der Zeit: Bühnenmütter und Mütternarrative (03/2026)
Assoziationen: Theater Basel Wiener Festwochen

Seit mehr als einem Monat schlittere ich ins Büro, watschle im Pinguingang zum Supermarkt, rutsche ich mehr, als dass ich gehe, jeden Morgen zur Bahn – von der ich täglich hoffe, dass sie auch kommt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann Schnee zuletzt so lange liegen blieb. Nicht nur für kurze Zeit Dächer und Baumwipfel überzuckerte, sondern sich am abgefrästen Straßenrand der ewige Kreislauf aus Neuschnee und gefrorenem Matschschnee abzeichnete wie die Ringe eines Baumes. Umso häufiger flüchtete ich mich in theatrale Schneewelten. Umso faszinierter war ich von Werken wie Simon Stones Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkman“, wo es ununterbrochen schneit und der Schnee nahezu das komplette Bühnenbild ersetzt.
Wetter auf der Bühne ist Effekt, ästhetische Setzung, Konzept, vibe. Ja, wie viel zärtlicher wirkt eine innige Umarmung, wenn drumherum sanfte Flocken fallen? Wie viel exzentrischer ein Tanz im strömenden Regen? Ist es eine melancholische Rückbesinnung auf die Magie von Weihnachtsmärchen, das Staunen darüber, wie so etwas überhaupt möglich ist, oder die Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit im Theater? Wettereffekte fühlen sich, insbesondere in schneelosen Wintern, gleichzeitig immer ein wenig befremdlich an. Ein wenig zu doll. Draußen nieselt es, drinnen schüttet es wie aus Eimern. Draußen zieht langsam der...



.jpeg&w=3840&q=75)















