Theater der Zeit

Bericht

Open Call: Berlin

Zum Performing Arts Festival 2023

von Iven Yorick Fenker

Assoziationen: Freie Szene Berlin

„Marta“ von Raíces beim Performing Arts Festival. Foto Tabita Hub
„Marta“ von Raíces beim Performing Arts FestivalFoto: Tabita Hub

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Das Perfoming Arts Festival (PAF), veranstaltet vom Landesverband freie darstellende Künste Berlin (LAFT), spricht seit 2016 Open Calls für die freie Szene aus. Der Fokus liegt auf Berliner Positionen, Künstler:innen, Gruppen und auf der Verortung dieser in den jeweiligen Kiezen, in denen die zahlreichen, über die Stadt verteilten, Spielorten liegen. Es geht um Vernetzung. Es geht um das (Berliner) Publikum und es geht um das Publikum vom Fach. Das PAF ist ein Begegnungsort auf unterschiedlichen Ebenen und an unterschiedlichen Orten, gleichzeitig und wechselseitig.

Wo gehe ich wann hin, um Das dann, dann Das und Das dann an einem anderen Tag sehen zu können. Diese Überlegungen, diese Möglichkeiten machen ein Festival aus und sie zeigen, dass die freie Szene breit aufgestellt ist. In diesen Tagen geht es durch ganz Berlin.

Keine Sonne in Schöneberg

Im Village in Schöneberg, einem Gemeinschaftszentrum für schwule, bisexuelle, trans* und queere Männer, ist der Raum verhangenen. Keine Sonne, Licht kommt nur vom Beamer, der den Himmel an die Wand wirft. Dann folgen Großstadtaufnahmen. Es beginnt eine berührende Performance in drei Teilen. Alexander Carillo, kolumbianischer Tänzer und Choreograf, based in Berlin, hängt an Luftballons. Der Körper bewegt sich entgegen und mit dem Helium. Einen Song lang, das entwickelt durchaus einen gewissen Sog, dann ist es schon vorbei und es wird umgebaut. Stühle Rücken des Publikums, Carillo holt ein Messer. Er schneidet Wassermelonenstücke, während eine Tonaufnahme und ein Text projiziert wird. Passiert da noch mehr? Nein. Toll. Denn es ist ein toller Text, der das Situative, Fluide des Sozialen erzählt, Handlungsorte durchstreift und den Blick nach innen richtet, hin und her schwenkt wie ein Ballon im Wind.

Zum Abschluss wird dann der schwere Teppich verrückt, in Falten getreten durch ausholende Bewegungen und einen schweißtreibenden Tanz. Das Publikum applaudiert mit Melonenschalen in den Händen.

Marta in Neukölln

„Marta“ ist das Stück der Theatergruppe in Berlin lebender Frauen mit Migrationserfahrung Raíces. „Marta“ ist die Protagonistin. Und „Marta“ ist tot. Der Abend im Oyoun ist eine Anklage, ein Protest gegen Femizide, patriarchale Gewalt und die Geschichte zweier Frauen. Die Spieler:innen Alicia Moran, Sofía Puertas, Mariby Romero, Marina Cano und Sandra Feferbaum Siemsen nehmen Formation an, sie tragen uniforme rote Overalls und Lederstiefel. Die Geschichte der namensgebenden Protagonistin beginnt mit ihrem Ende, dem Mord. „Marta wurde umgebracht, weil sie den Rock nicht hochziehen wollte“, ist einer der ersten Sätze. Von diesem Mord wird ausgegangen, er ist keinesfalls Teil dramaturgischer Spannungsbögen, dies ist ein politischer Abend mit direkter Schlagrichtung. Eine Erzählung aus den realen Verhältnissen des Patriarchats. Eine Erzählung in Hauptsätzen. Aufschreie, abwechselnd gesprochen in konfrontativer Haltung. Dann geht es um Camilla, eine junge Frau, die auf einer Party vergewaltigt wird. Auf der Bühne läuft eine Playbackshow, dazu werden die misogynen Lyrics der Hits auf Tafeln in die Höhe gehalten, Party trifft auf Protest und Realität, diese Lieder laufen im Radio. Auch die Präsentation der perfekten Frau (einer Puppe) in der patriarchalen Logik ist realistisch und gleichzeitig absurd, die Bühne tut ihr Übriges. Das reicht aber nicht. Der Abend endet mit einer klaren Ansage der Gruppe: „unsere Körper sind echt und kampfbereit.“

Alles in Ordnung in Mitte

Im Theaterdiscounter ist es wie am Sonntag im Ersten, es gibt einen Krimi. In „Alles in Ordnung“ wird das deutsche Abendprogramm durchdacht. Das Bestsellerformat steht ebenso auf dem Spiel wie das Bild der (deutschen) Polizei. Die technisch fundierte Inszenierung von Charlotte Lorenz konzentriert sich darauf das Spiel möglichst reibungslos zu ermöglichen. Die herausragenden Schauspieler:innen Linda Vaher, Johanna Meinhard und Jakob D’Aprile spielen Schauspieler:innen, die Cops spielen, die darüber nachdenken, was es bedeutet Cops zu spielen. Man merkt die Lust zur Metaebene: Die Theaterbühne ist ein Filmset. Der Text von Lorenz und D’Aprile ist eine Abhandlung zum Ende der Polizei, gepresst in eine dramatische Form, in die Filmsethandlung. Der dichte Abend hat Brecht-Momente (+Brecht-Witz= Meta-Meta), Rollendistanz: Postdramakonfrontation des Publikums, natürlich Live-Kamera und bedient sich dann doch wieder einfach der Entertainment-Reproduktion. Ein kurzlebiger Abend und Unterhaltung auf hohem Niveau und im besten Sinne.

Tagebuchblättern in Kreuzberg

„The Berlin Diaries“ bewegen sich ebenfalls auf einer Metaebene. Basierend auf den Tagebüchern ihres Urgroßvaters hat Andrea Stolowitz einen Theatertext geschrieben, der das Schreiben eines Theatertextes ebenso verhandelt, wie die Suche nach ihren Verwandten und ihren Geschichten. Ihr Urgroßvater war 1939 als deutscher Jude nach New York geflohen. Die Recherche ist ebenso Teil des Textes, wie das Recherchierte, sowie die Zweifel am Schreiben selbst. Die Spieler:innen Carrie Getman und John Julian spielen diese Suche, sie sprechen für die Autorin, die in Berlin ist, ein Theaterstück schreiben will, und sie sprechen die Tagebucheinträge des Urgroßvaters, ebenso wie für die Verwandten, die nach und nach auftauchen. Die Spuren der Verschollenen werden sichtbarer, die Bühne wird voller, Leinen werden gespannt, Verbindungen gezogen. Auf Leintücher werden Tagebucheinträge, Briefe, Bilder und Filmaufnahmen projiziert. Der Abend wird komplexer, immer mehr Figuren, Familienmitglieder betreten die Bühne. Es werden die Geschichten derer erzählt, die aus Deutschland fliehen konnten und von denen, die von den Nazis ermordet wurden, von denen die Autorin nicht wusste, das Publikum ist mitgenommen. Es folgt der Familiengeschichte, dem Schreibprozess und kann gleichzeitig die intelligente Umsetzung mit reduzierten Mitteln bewundern, ebenso wie das Spiel. Der Abend ist auf allen Ebenen berührend, bedrückend, beeindruckend.

Rave im Wedding

Der Abend endet und die Berliner Nacht beginnt mit einem Rave. Im Ballhaus in der Prinzenallee regeln Maskierte den Einlass, es geht grob zu wie an Grenzübergängen üblich, drinnen ist es dunkel, eine DJ spielt. In „The Run: Befuge Rave“ benutzt die Regisseurin Anna Demidova die Logik des Traums für ihre Dramaturgie. Die Spieler:innen schlafen immer wieder ein, nur um dann in einem neuen Traum, der nächsten Szene wieder aufzuwachen. Diese wechseln zwischen Alptraum, Utopie und Erlebtem. Die Vorstellung des Ensembles arbeitet mit den eigenen Flucht- und Einwanderungserfahrungen aus verschiedenen Ländern. Sie werden von einem Techno-Set begleitetet, auf der Bühne beginnen und enden die Szenen – traumwandelnd, schwankend und tanzend geht es immer weiter. Der Krieg gegen die Ukraine und die Radikalisierung Russlands sind ebenso Themen, wie die Menschenverachtung, die Europa Einwander:innen und Geflüchteten gegenüber zeigt. Auch hier ist die politische Haltung ganz klar, Demidova hat sie, wie bei der Gruppe Femen, auf den Körper geschrieben: „War is not over!“, der Rave geht weiter.

Vom 30. Mai bis zum 4. Juni fand das achte Perfoming Arts Festival Berlin statt. Es wird vorerst das letzte sein. Für das nächste Festival fehlt die Finanzierung. Berlin wird dieses Festival fehlen. Weil Berlin ein Festival der freien Szene braucht. Berlin sollte dies fördern, weil beim PAF 2023 zu sehen war, dass (kulturelle) Diversität das Kapital abseits der Kapitalinteressen dieser Hauptstadt sein sollte. Also rück das Geld raus, CDU.

Erschienen am 21.6.2023

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