Theater der Zeit

Deutsches Theater Berlin: „I don’t want to be F... treated like that!“

„Pygmalion“ von George Bernard Shaw in einer Bearbeitung von Bastian Kraft und Ensemble – Regie Bastian Kraft, Bühne Peter Baur, Kostüme Inga Timm, Musik Björn SC Deigner, Video Jonas Link, Coaching/Choreografie Angélique Mimi (Iconic House of Prodigy)

von Dimi Theodoraki

Assoziationen: Theaterkritiken Berlin Bastian Kraft Deutsches Theater (Berlin)

„Pygmalion“ am Deutschen Theater in der Regie von Bastian Kraft. Foto Jasmin Schuller
„Pygmalion“ am Deutschen Theater in der Regie von Bastian KraftFoto: Jasmin Schuller

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„I don’t want to be F... treated like that!“: Mit diesem Satz der Darstellenden auf der Bühne im Gleichklang endet das von Bastian Kraft inszenierte Stück. Das Finale ist musikalisch und ausgelassen, ein Potpourri, nicht zufällig ausgewählt, mit Songs „Break Free“ von Ariana Grande, „Flowers“ von Miley Cyrus, Kylie Minogues „Get outta my way“, Gloria Gaynor’s „I will survive“ und „Strong enough“ von Cher.

George Bernard Shaw schrieb „Pygmalion“ unter dem Einfluss des Mythos von Ovid. Der Unterschied zwischen Shaws Stück und dem Ovid’schen Mythos besteht darin, dass die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle vom Professor nicht gerade „erfunden“ wird wie die Statue des gleichnamigen Künstlers bei Ovid. Indem sie sich ihm anvertraut, hat sie die Möglichkeit, ihre verborgenen Fähigkeiten zu entdecken und durch ihre Interaktion zur Geltung zu bringen.

Der Oscar- und Nobelpreisträger Autor war Mitglied der „Fabian Society of England“[1]. Er versuchte in seinem Schreiben eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage nach Sprache und Gesellschaft und macht deutlich, dass es einen klaren Unterschied zwischen zwei sozialen Klassen gibt. Die untere Klasse spricht in seiner Sicht einfacher, benutzt unkomplizierte, sogar unkorrekte Ausdrücke und Jargon, während im Gegensatz dazu die Oberschicht, die kultureller und belesener ist, komplexe Begriffe, Komplexe Strukturen mit Polysemie mit spezialisiertem Vokabular verwendet. Der irische Schriftsteller hatte seinerzeit versucht, die englische Sprache zu vereinfachen, und zu diesem Zweck hatte er nach seinem Tod sein Vermögen veräußert.

Bastian Kraft transformiert Shaws Stück zu einer lebendigen und nachhallenden Show. Er nutzt den Text als Grundlage seiner Regiearbeit, um über das Problem der Sprache, ihrer Verwendung und ihres Verständnisses zu sprechen. Der Regisseur spielt mit der Groteske und den Klischees. Er drängt die Inszenierung in Richtung Anschaulichkeit und Karikatur. Der neuhinzugefügte Text hat oft die Tendenz zur Schematisierung und Vereinfachung und zielt darauf ab, leichte Lacher hervorzurufen. Die Satire steht mit der Übertreibung der Sprache im Vordergrund. Die Bühne wurde zu einem Ort der Stand-Up Comedy, zu einer Passarella, einer Reality-Show, eine Audition, einem Casting.

Posen, Kostüme, Musik, Geräusche, Schreie, persönliche Geständnisse wechseln schnell und kontinuierlich. Alles verflicht sich miteinander, sowohl was die Rollen als auch die Geschlechter betrifft, in einem Fluss von kurzen Szenen, die stürmisch aufeinander folgen. Plötzliche Wechsel, der die Szenen wie ein ständiger Schock aus Lärm, Licht und Farben wirken lassen. Den Kostümen mangelt es an Einheitlichkeit und sie werden sogar übereinander getragen, in der Eile geschichtet, die Wirkung verwischt. Der Wechsel zwischen Deutsch und Englisch trägt nicht zur Klärung bei.

Zu den Pluspunkten gehört das Hauptthema von Krafts Inszenierung: Die Schauspieler:innen sprechen über die Stereotypen, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet haben: wie man spricht, wie man nach der Art des Sprechens beurteilt wird, welche Rolle Akzent, Dialekt, Mundart, Idiom dabei spielen, eine Person zu kategorisieren, ob sie zu einer Gruppe gehört oder nicht gehört.  Am wichtigsten ist bei dieser Aufführung die Botschaft, die die Geschichten vermitteln. Waren wir schon in einer Situation, wie jede mögliche Eliza, oder auch jemandem Unrecht getan haben aufgrund eines Vorurteils und einer einschränkenden Perspektive. Das ist Grund genug, sich diesen „Pygmalion anzusehen.

Vor der Aufführung findet Daniela Dröschers Vortrag „Zeige deine Klasse!“ statt. Die Autorin verbindet Elizas Geschichte mit ihrer eigenen, indem sie ihre persönlichen Erfahrungen schildert und Erinnerungen an Demütigungen aufwachen: Obwohl sie Deutsche ist, hat sie sich unwohl gefühlt, vor allem an der Universität, wo sie, wenn sie den lokalen Dialekt ihres Dorfes verriet, hat sie „ein Witz, Kommentar oder ein mitleidiges, süffisantes [...] Lächeln.“ als Reaktion erlebt. Und wie eine „andere Eliza“ versuchte sie, ihre Unzulänglichkeiten zu überspielen, ihre Schwächen zu verbergen, oder blieb stumm, denn, wie sie sagt: „Die Sprache ist das Mittel der Unterscheidung, der Abgrenzung und der Identität des Individuums, das für die Zugehörigkeit so entscheidend ist.“

 


[1] Die Fabian Society wurde 1884 in England gegründet mit dem Ziel, eine sozialistische Gesellschaft zu erreichen, mittels intellektueller Debatten, Veröffentlichungen von Büchern und Pamphleten und der „Durchdringung“ von Universitäten, der Presse, von staatlichen Institutionen und politischen Parteien.

Erschienen am 10.5.2024

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