Theater der Zeit

Auftritt

aufBruch Berlin: Mit Masken ins Spiel

„Warten auf Godot“ von Samuel Beckett – Regie Peter Atanassow, Dramaturgie Franziska Kuhn, Bühne Holger Syrbe, Kostüme Anne Schartmann, Musikalische Leitung Vsevolod Silkin, Video Pascal Rehnolt

von Thomas Irmer

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken

„Warten auf Godot“ in der Regie von Peter Atanassow in der JVA Plötzensee. Foto Thomas Aurin
„Warten auf Godot“ in der Regie von Peter Atanassow in der JVA PlötzenseeFoto: Thomas Aurin

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Den Kultursaal der JVA Plötzensee betritt man nach zwei Kontrollschleusen durch den Besucherraum mit einer Spielecke für Kinder. Die Spielbühne hat Holger Syrbe als eine Art Hofgangszene eingerichtet: Mehrere Türen öffnen sich zu einem kleinen Areal mit zwei Bänken um den im Stück vorgeschriebenen Baum ohne Blätter. Dieser hier ist offenbar schon in frühen Jahren in Stürmen knorzig verwachsen und in seiner Symbolik für Leben in ungeraden Bahnen sofort erkennbar.

Die sieben Spieler treten erstmal mit einem „Just for Fun“-Lied auf, nach einem Gedicht von Thomas Brasch. Dann fahren sie in wechselnden Konstellationen als Didi und Gogo fort, mal als witzige Solo-Spieler in den Ping-Pong-Dialogen darüber, dass der Anlass des Wartens schlimmstenfalls schon vergessen sein könnte, mal in kleinen Gruppenformationen mit chorischer Anlage für extra betonte Zweifel.

„Warten auf Godot“ zählt weltweit zu den Hits des Gefängnistheaterrepertoires, weil es die Grundsituation von Gefangenen thematisiert mit einer Variationsbreite der Gefühle und Stimmungen im Aufeinanderangewiesensein beim Vergehen der Zeit. Das schafft auch Peter Atanassow mit seinen sieben Spielern, die den Akzenten nach aus verschiedenen Ländern an den Baum gekommen sind. 300 Stunden Probenarbeit stecken in ihrem Spiel, in dem sie auch ein paar neue Entdeckungen in dem legendären Stück machten bzw. dieses in die eigene Erfahrung holen konnten.

So ist der schwierige bruchstückhafte Lucky-Monolog durch ein Zitat Oswald Spenglers aus „Der Untergang des Abendlands“ ersetzt: „Durch das Geld vernichtet die Demokratie sich selbst, nachdem das Geld den Geist vernichtet hat.“ Ibrahim Al-Khali spricht es mit Pozzos Gepäck in der Hand und stoischer Miene in die staunende Runde.

Die bedeutsamste theatrale Ergänzung dürfte allerdings der Einsatz von Masken sein, mit denen eine Traumebene in das Spiel gefügt wird. Das erste Mal treten Pozzo und Lucky in einem Traum Gogos auf, danach erscheint das Ensemble immer mal wieder mit den lebensecht wirkenden, dabei jedoch typisierten Gangstervisagen, die vielleicht von der Vergangenheit der Spieler erzählen.

Die Masken sind das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit der Geese Theatre Company in Birmingham, die eine eigene Methode für die Theaterarbeit im Strafvollzug entwickelte. Das Anlegen der Maske fördere für den Spieler die Selbstreflexion – eine wichtige Sache im Gefängnistheater, bei dem es ja nicht nur um den künstlerischen Ausdruck und die raffinierte Erkundung von Stücken geht. Und diese Traumebene der beiden Hauptfiguren wirkt in diesem Fall sogar realistisch, während die zwischengeschalteten Videobilder aus der realen Geschichte – von Adolf Hitler, russischen Panzern am 17. Juni 1953 und dem Sturm aufs Washingtoner Capitol – dagegen ziemlich entbehrlich sind. Alle wissen, dass auch die Zeit der großen Geschichte weiterfließt, wenn Didi und Gogo im Irgendwo sich die Zeit vertreiben müssen. Der Junge, der jeweils am Ende eines Akts auftritt, um mitzuteilen, dass Godot mal wieder nicht kommt, wird von Brendon gespielt, wie fast alle anderen Spieler im Programmheft nur mit Vornamen genannt. Brendon hat eine Pelzmütze auf, als würde er von draußen aus dem Schnee kommen. Auch das eine kleine, feine Bereicherung in der Spielanlage dieser „Godot“-Inszenierung. Am Ende singen alle „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros – ein Gefühlsfinale.

Seit Jahren gehört das von Peter Atanassow geleitete aufBruch-Gefängnis-Theater zur aufsehenerregenden Szene der Hauptstadt. Zu seiner Spezialität, selbst hochliterarisch komplizierte Stücke von Shakespeare bis Heiner Müller als Herausforderung anzunehmen, gehört nun auch dieser „Godot“. Die Finanzierung des Projekts von Seiten der Justiz wurde indes um ganze 70 Prozent gekürzt, es bleiben praktisch nur noch die knappen Mittel aus der Kulturförderung Berlins. Ein Skandal.  

Erschienen am 28.1.2026

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