Bitterer Zeitkommentar. Tanzbühne der Sächsischen Staatsoper Dresden: »Zwei Feste«
Aus TdZ 2/1992
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Sieben Wochen nach Uwe Scholz’ »Schöpfung« in Leipzig stellte auch Dresdens neuer Ballettchef seine erste abendfüllende Produktion vor. Unter dem lakonischen Summarium »Zwei Feste« klammert Johannes Bönig die wenig paßfähig erscheinenden Bestandteile. Legt Scholz seine Version des Haydn-Oratoriums als ein mitreißendes Fest des Tanzes an, zielt Bönig auf Höheres, Konkreteres: einen Zeit- und Gesellschaftskommentar. Im ersten Beitrag lotet er das Individuelle aus, die private Sphäre Einzelner; im zweiten Teil rückt er der Sozietät zu Leibe. Auch musikalisch läßt er Gegensätzliches aufeinanderprallen: Dunkeltönig-elegischer Kammermusik von Barber und Bruckner wirft sich Strawinskys »Sacre du Printemps« entgegen. Erhöht im Orchestergraben sitzend, musizieren Mitglieder der Staatskapelle kantabel das Adagio aus Samuel Barbers Streichquartett op. 11. Vor ihnen steht lauschend ein junger Mann im schwarzen Smoking. Wie von den Tönen getragen begibt er sich auf die Bühne, zeichnet tänzerisch seine Sehnsucht in den dunklen Raum. Da erscheint lachend eine kleine Gemeinschaft, deren Wortgewirr beim Auftreten einer Dame verstummt. Als für Bruckners Streichquintett F-Dur ein fünfter Musiker hinzukommt, kann der Hausherr das Startzeichen zu der Yuppie-Party geben. Rasch finden sich die neureichen, wohlangepaßten Jugendlichen, vom rockigen Leder-Typ bis zum flockigen Dietrich-Verschnitt in Hose und Fliege, zu Paaren, üben als geballte Gruppe den Massenkoitus. Der junge...
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