Wenig intensive Imaginationen. »Lear« in Weimar, »Dix« in Gera
Aus NZ, 25.5.1992
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Drei Jahre nach der Dresdener Uraufführung choreographierte Udo Wandtke am Nationaltheater Weimar seine Version des Shakespeare-Dramas um kontroverse Machtgelüste, denen Alterstorheit nicht gewachsen ist. Als Musik liegt auch dieser Inszenierung eine Komposition Friedbert Wissmanns zugrunde, die aus der Gegensätzlichkeit von Orchestertutti und Synthesizersound Spannung bezieht, durch den Einsatz von Gitarre und Händeklatschen spanisches Kolorit einbringt, eher an eine untermalende Filmklangkulisse als an eine durchkomponierte Ballettmusik erinnert.
Wandtke mißtraut der grellen Dramatik der literarischen Vorlage und scheut den Exzeß einer in Blut gebadeten Szene, setzt auf die Kenntnis der Vorgänge beim Zuschauer und liefert eine emotional kontrollierte und reduzierte, in ihrer Verhaltenheit wie hinter einem Schleier ablaufende Lesart. Der Abstraktionsgrad von Wandtkes Erzählweise ist so stark, daß mancher packende Höhepunkt fast unbemerkt verstreicht. Immer wieder durchziehen Visionen das Geschehen, die als Zeitlupenpassagen geformt sind. Zuviel setzt der Choreograph auf die Kraft, Beredsamkeit, Bildhaftigkeit solcher Visionen. Den Figuren fehlt es an jener Dimensionalität, die die Interpretation von Shakespeare-Gestalten einfordert. Von der antiken Wucht dieses Dramas bleibt bestenfalls ein leises, bleichknochiges Gedankenkonzentrat.
Wandtkes Fassung entbehrt dennoch nicht interessanter und überzeugender Momente. So läßt er die zehn Szenen häufig mit eloquenten, Figurenbezüge sichtbar machenden plastischen Posen enden, die Ereignisse nahtlos und in gleichmäßigem...
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