Auftritt
Theater und Orchester Neubrandenburg/Neustrelitz: Trinken, Träumen, Transformieren?
„Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ von Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann – Regie Karin Herrmann, Bühnen- und Kostümbild Lisette Schürer, Musik Mika Bangemann
von Juliane Voigt
Assoziationen: Theaterkritiken Mecklenburg-Vorpommern Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz

Es gibt weitaus banalere Gründe, sich zu betrinken. Aber drunter machen sie es eben nicht. Wenn schon, denn schon. Also, wie trinkt man sich ran, an den idealen Staat?
Peggy, Wenke und Annett machen das, was ostdeutsche Frauen gut können: Sie trinken Alkohol. Ostfrauen sollen ja viel vertragen. An dem Klischee ist auch nicht alles falsch. Aber die drei Autorinnen Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann haben sich schon mit dem Titel des im vergangenen Jahr von vielen gefeierten Buches „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ (Verlag Carl Hanser) etwas gedacht, weil sie nicht vergessen haben, dass in den 80ern unter anderem in verqualmten Ostküchen mit einer Menge Rotwein die später als friedliche Revolution bezeichnete politische Wende ausgeheckt wurde. Ja, auch Trinken war in weiten Kreisen der DDR eine ernsthafte wertvolle und höchst politische Tätigkeit. 36 Jahre später lohnt es sich, noch einmal, tiefer in die Flasche zu gucken.
Auch die drei Schauspielerinnen auf der Bühne des Neubrandenburger Schauspielhauses heißen ohne Umschweife Peggy (Susann Ihlenfeld), Wenke (Lisa Scheibner) und Annett (Karin Hartmann). Alle drei stecken in maßgeschneiderten mausgrauen Overalls, mit Applikationen von bunten Kittelschürzen, (Kostüme Lisette Schürer) als Reminiszenz an die ostdeutsche Hausfrau und Mutter, die ein weibliches Wesen in der DDR neben ihrer täglichen Arbeit in der sozialistischen Produktion meistens auch war.
Auf der Bühne dreht sich ein turmartiger Gerüst-Aufbau (Bühne auch Lisette Schürer). Je nach Gemengelage des Abends übertitelt mit den Termini „Zweifel“, „Realität“ und „Zuversicht“. Mal Balkon, Atelier, mal Küche, brandenburgischer Wald oder Aussichtsturm, wo auch immer die drei ihre platonischen Symposien abhalten, um an sieben inspirierenden Orten unter sieben Tagesordnungspunkten die Lage zu analysieren, zu erinnern, zu vergleichen und abzurechnen. Und, ja, mit dem Ziel: Am Ende den idealen Staat nicht nur definiert, sondern auch gegründet zu haben. Unter dem mehrfach postulierten Motto „Immer radikal, niemals konsequent!“ wird zur Tat geschritten – zur Flasche gegriffen. Welche Träume sind nach 1990 zuerst gestorben? Nach dem 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, als zum Umbau der Gesellschaft aufgerufen wurde und Frauen die große Sanierung für sich mitbeanspruchen wollten. Das Manifest von damals verliest Karin Hartmann als Annett, die älteste der drei, an der Bühnenkante vor dem damaligen und dem inzwischen heutigen Publikum. Mit der Feststellung, dass die Situation von Frauen sich nicht gerade verbessert hat, im Vergleich zu damals. Und dass Frauen aus der ehemaligen DDR zu einer besonderen Spezies mutiert sind – zur ostdeutschen Frau. Ausgestattet mit Attributen und Eigenschaften, die zu einer „Schubladisierung“ geführt haben. Und was das bedeutet, wird auf dieser Bühne aufs Fröhlichste durchbuchstabiert. Die drei Schauspielerinnen agieren derartig ungekünstelt miteinander, als sei dieser kluge und witzige intellektuelle Diskurs das, was sie sowieso jeden Tag machen. Inszeniert hat diese gelungene Strichfassung (mit Pause zweieinhalb Stunden) Regisseurin Karin Herrmann. Die mit Mika Bangemann eine vierte Frau auf die Bühne geholt hat, Gitarre spielend, singend, die Schauspielerinnen begleitend. Bis auf einen Song von Reinhard Lakomy sind es sieben ikonische Ostfrauen-Hits, von Nina Hagen, Veronika Fischer, Bettina Wegner oder Tamara Danz, die wie Kapiteltrenner zwischen die Nächte sortiert werden. Das ist aber auch schon das Höchstmaß an Ostalgie an diesem Abend. Und Alkohol gibt’s eigentlich auch nur begrenzt. Meistens sind es die Reste der letzten Party. Verschiedene Wodka-Neigen, alkoholfreien Gin Tonic („Dein Ernst?“) oder Bowle oder auch einfach mal nur Wasser.
Das Theater schafft es, das Buch zu toppen, das sich auf dem Sofa liegend einfach so fraglos wegliest. Auf der Bühne werden die Trialoge aber plötzlich spannend, die Frauen, exemplarisch für viele, lebendig und die Regie bringt so viel Nebenhandlung mit ins Spiel, wenn zum Beispiel während einer Nacht sozusagen eine ganze Wand DDR-Kunst-am-Bau entsteht und sich das Einheitsgrau lichtet. Aber ebenso wie das Buch hat auch das Stück einen versöhnlichen Ton. Und so verblasst im Laufe des Abends auch die bereitwillige raunende Zustimmung aus dem Publikum, spätestens, als Annett in der vierten Nacht davon erzählt, wie ihr nach und nach der Glaube an die DDR verlorenging. Denn trotz der auch melancholischen Rückblenden in die gebrochenen Lebensläufe und Innenschauen erlittener Ungerechtigkeiten, geht es am Ende nicht um die „Verbitterungsstörung einer Generation“. Die Frauen sind in einer Gesellschaft angekommen, in der der Terminus Ostdeutsch zwar noch existiert, aber auch irgendwie überholt ist. Der ideale Staat? Kartoffelsalat. Das ist echt viel Arbeit, sagen sie, schaffen wir nicht. Aber wenn, dann „Immer radikal, niemals konsequent!“ Und drehen ihre Marshmallows im Lagerfeuer.
Erschienen am 29.1.2026




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