Auftritt
Düsseldorfer Schauspielhaus: Hoch die Hände, Michael Ende!
„Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende, bearbeitet von John von Düffel – Regie Roger Vontobel, Bühne Ansgar Prüwer, Kostüm Martina Lebert, Musik Matthias Herrmann & Keith O´Brien, Videodesign Stefan Bischoff, Licht Christian Schmidt
von Stefan Keim
Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Roger Vontobel John von Düffel Düsseldorfer Schauspielhaus

Mit Roger Vontobels Inszenierung des „Gilgamesch“-Mythos im Zirkuszelt auf der Kö hat die Intendanz von Wilfried Schulz in Düsseldorf begonnen. Ein fulminanter Publikumserfolg, der eine abenteuerliche Zeit mit Sanierungskapriolen und Pandemieshutdowns einleitete. Nun inszeniert Vontobel wieder eine epische Geschichte zum Finale, und zwar die „unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Ein weit über drei Stunden langes Spektakel, erst im, dann vor dem Schauspielhaus. Und ein Abend, in dem sich viele Höhen und Probleme der zehnjährigen Intendanz widerspiegeln.
Da wäre zunächst – und tatsächlich in Dauerkrisenzeiten am allerwichtigsten – der Triumph an der Kasse. Alle Vorstellungen der „unendlichen Geschichte“ waren schon vor der Premiere ausverkauft. Wie das Schauspielhaus unter Leitung von Schulz, nachdem es wieder im großen Haus spielen durfte und die Pandemie vorbei war, von einem Besucherrekord zum anderen eilte. Es ist gelungen, eine Mischung zu finden, die sehr viele Menschen angesprochen hat, von der repräsentativen Großaufführung bis zum queeren Projekt, vom Stadtensemble über das Junge Schauspielhaus bis zu Inszenierungen von Robert Wilson, die Theatergeschichte schrieben und weiter im Repertoire bleiben werden.
Es gab aber auch viel Mittelmaß, Aufführungen, in denen nichts gewagt und wenig gewonnen wurde. Beides – Höhenflug und Banalität – findet sich nun in der „unendlichen Geschichte“. John von Düffel ist der führende Experte in der Kunst, umfangreiche literarische Werke für die Bühne mundgerecht zu gestalten. Das hat er auch mit Michael Endes Klassiker geschafft: Alle wichtigen Figuren treten auf, die Botschaft kommt rüber. Dazu gibt es einige kleine Veränderungen, den Moden der Zeit entsprechend. Natürlich ist der Held Balthasar jetzt ein unter Mobbing leidendes Mädchen namens Baya, und es gibt eine Menge Live-Musik vom Irish Folk über das Musical bis zu Hard Rock, eine gefällige und effektive Mischung.
Der erste Teil im Schauspielhaus erzählt, wie die lesende Baya langsam in das vom Nichts bedrohte Fantasien hinein gleitet. Aus dem Buchhändler Karl Konrad Koreander ist der Inspizient des Theaters geworden, aus einem Kleiderhaufen auf der Bühne entstehen die ersten Figuren. Das hat Poesie und Fantasie, für die uralte Morla gibt es die ersten großen Bühneneffekte und überhaupt eine Menge optische Opulenz. Gespielt wird allerdings sehr unterschiedlich. Claudia Hübbecker als kindliche Kaiserin und Caroline Cousin als Baya finden auf der großen Bühne glaubwürdige Töne. Doch Moritz Klaus als Held Atreju und Alexander Wanat als Fuchur, der Glücksdrache, tönen und donnern, als wären sie bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen.
Wenn Baya der kindlichen Kaiserin ihren Namen gegeben und damit die Gestaltungsmacht in Fantasien erlangt hat, geht es nach draußen. Nun fährt Roger Vontobel alles auf, was eine Freilichtbühne an Spektakulärem hergibt. Autos, ein Motorrad, Feuereffekte, es macht Krawumm. Doch es gelingt Regie und Ensemble, das Thema der „unendlichen Geschichte“ nicht aus den Augen zu verlieren. Jeder Wunsch kostet Baya eine Erinnerung. Wenn sie ganz den Kontakt zu ihrer Welt verloren hat, kann sie nicht mehr zurück und wird zu einem traurigen Gespenst. Vor allem Friederike Wagner als manipulative Zauberin Xayide sorgt für schauspielerische Tiefenschärfe. Ihre Hilfstruppen erinnern an die ICE-Schergen von Donald Trump. Wenn Baya sich krönen ließe, wäre sie endgültig dem Untergang geweiht. Doch sie entscheidet sich in letzter Sekunde dagegen: No Kings, No Queens. Ein großer Teil des Publikums jubelt, von den Seiten schauen Zaungäste zu, das Theater wirkt über die Schar seiner Fans hinaus in die Stadt. Das war immer der wichtigste Anspruch von Wilfried Schulz, und den löst die „unendliche Geschichte“ ein.
Erschienen am 26.5.2026



















