Disability Community – gemeinsam Behindertenkultur gestalten
von Noa Winter
Erschienen in: Recherchen 180: Im/Mobile Möglichkeiten – Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten (07/2026)
Einfach gesagt:
Noa ist behindert. Als Noa für einen Umzug packt, merkt Noa: Nur wenige Menschen können helfen – weil die meisten Freund*innen auch behindert sind. Früher war das anders: Damals hatte Noa fast nur Kontakt zu nicht-behinderten Menschen. Da war Noa oft einsam. Erst durch die Arbeit bei Theaterfestivals hat Noa andere behinderte Menschen kennengelernt. Das war ein gutes Gefühl für Noa.
Noa schreibt danach über zwei Punkte:
– was Gemeinschaft für Noa bedeutet; – wie es ist, wenn man sich selbst in anderen Menschen erkennt.
Gemeinschaft
Wenn wir Gemeinschaft beschreiben, sprechen wir oft von gemeinsamen Interessen, Werten und Zielen. Gemeinschaft entsteht dadurch, dass wir aktiv sind. Für Noa ist wichtig, dass man zusammen viele verschiedene Dinge tut: sich politisch starkmachen, Stolz oder Trauer fühlen, Wissen teilen und sich helfen.
Noa verwendet im Text das Wort »wir«. Damit zeigt Noa, dass der Text vor allem für behinderte Leser*innen geschrieben ist. Manchmal fragen Menschen Noa, warum für Noa der Kontakt zu anderen behinderten Personen so wichtig ist. Noa schreibt, dass nicht-behinderte Personen oft nicht verstehen, was behinderte Menschen erleben. Sie unterschätzen uns manchmal oder erwarten zu viel. Andere behinderte Menschen verstehen Noas Erfahrungen besser. Noa hat die Gemeinschaft mit anderen behinderten Menschen schon viel früher erlebt. In der Schulzeit haben Menschen nicht erkannt, dass Noa behindert ist. Aber Noa hatte Symptome, die immer stärker wurden. K. hatte eine sichtbare Behinderung und erkannte, dass Noa Barrieren erlebte. Durch K. konnte sich Noa selber als behindert verstehen. Das war für Noa wichtig. Menschen mit Behinderungen erleben alle Barrieren. Das verbindet behinderte Menschen. Egal, welche Behinderung sie haben.
Sich selbst in anderen erkennen
In Noas Alltag gab es lange keine anderen Körper, die wie Noas Körper waren. Noa fühlte sich oft anders. Als Noa bei einem Festival zu Mittag gegessen hat, hatte Noa ein wichtiges Erlebnis: Noa hat eine Person gesehen, die sich wie Noa bewegt hat. Dadurch hat sich Noa mit der anderen Person verbunden gefühlt. Dieser Moment war sehr wichtig. Er zeigt: Menschen können auf viele Arten Gemeinschaft spüren. Noa sehnt sich nach solchen Erlebnissen. Nach dem Gefühl, dass andere Noa sehen. Und nach dem Gefühl, dass Noa mit anderen verbunden ist. Heute erlebt Noa solche Momente öfter: durch Freund*innen, bei der Arbeit oder im Alltag. In diesen Momenten atmet Noa aus. Die Welt fühlt sich nicht mehr fremd an.
Es ist Juli 2024. Während ich diesen Text schreibe und über die Bedeutung von Disability Community nachdenke, bereite ich meinen Umzug vor. Es sind diese Gleichzeitigkeiten von Schreiben und Alltag, von Lohnarbeit und Care-Arbeit, die mein Denken beeinflussen, die Richtung meiner Gedanken verändern, mich neu orientieren. Gerade überfliege ich im Kopf, wer mir in den beiden Städten dabei helfen könnte, meine Möbel und Kisten zu tragen. Die Liste ist kurz, denn: Die meisten meiner Freund*innen sind – wie ich – behindert.
Vor nicht allzu langer Zeit, Ende der 2010er Jahre, wäre das anders gewesen. Zu dieser Zeit waren die meisten Menschen in meinem Umfeld nicht-behindert und die Frage, wen ich ohne schlechtes Gewissen um Unterstützung beim Umzug bitten könnte, kein Problem. Aber es war auch die Zeit, in der ich zum ersten Mal benennen konnte, wie einsam mich das Fehlen von Disability Community in meinem Alltag machte.
Damals – zwischen 2015 und 2019 – arbeitete ich jährlich für Theaterfestivals, zu denen Gastspiele von oder mit behinderten Künstler*innen eingeladen wurden. Die Festivaltage und der damit einhergehende tägliche Kontakt mit anderen behinderten Menschen waren für mich ein starker Kontrast zu meinem Alltag als einzige (offen) behinderte Person unter Kolleg*innen und Freund*innen. Und ich bekam eine Idee davon, wie wichtig es für mich ist, mich mit behinderten Menschen zu umgeben. Deswegen möchte ich in diesem Text reflektieren, was den Wert von Disability Community ausmachen kann und warum wir uns brauchen.
Wir sind Community
Aber was oder wen meine ich eigentlich, wenn ich von einem »wir « schreibe, von einem »uns « spreche? Das englische Wort »Community« bedeutet Gemeinschaft – eine Gruppe von Menschen, die etwas gemeinsam haben. Was genau die Gemeinsamkeit dieser Personen ist, lassen die Begriffsdefinitionen offen. Oft ist jedoch die Rede von geteilten Interessen, Werten und/oder Zielen. Gemeinschaften existieren also nicht einfach aufgrund zugeschriebener oder angenommener Merkmale, sondern durch aktives Tun, zum Beispiel durch das Besuchen oder Organisieren von Veranstaltungen, den Beitritt zu einer Organisation, einem Netzwerk oder einer Gewerkschaft, das Unterschreiben einer Petition oder eines offenen Briefes.
Für mich – wie für viele andere behinderte und chronisch kranke Menschen, die im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter Zugang zum Internet erhielten – war der erste Schritt, Behindertenkultur zu leben, das Teilen der Social-Media-Posts anderer behinderter und chronisch kranker Menschen. Aber es sind nicht die Selbst- oder Fremdbezeichnungen »behindert« oder »chronisch krank«, die in mir damals wie heute ein Gefühl der Verbundenheit auslösen. Es ist das Bekenntnis zu den verschiedensten Facetten von Behindertenkultur – zu Aktivismus und emanzipatorischen Politiken, zu Stolz und Trauer, dazu, Wissen zu teilen, sich gegenseitig zu unterstützen und unsere Perspektiven zu verstärken und wahrnehmbar zu machen –, das für mich wie kaum etwas anderes geteilte Interessen, Werte und Ziele widerspiegelt.
In diesem Text die Worte »wir« und »uns« zu verwenden, setzt behinderte Menschen und ihre Perspektiven an erste Stelle – ganz bewusst und trotz ihres Status als Minderheit in unserer Gesellschaft und daher vermutlich auch in der Leser*innenschaft dieser Publikation. Es ist ein Zeichen der Verortung in der Behindertenkultur und die Erlaubnis, diesen Raum einzunehmen – für mich und für andere. Und es ist ein Angebot, ein Versuch, Verbindungen herzustellen.
Gemeinschaft heißt, sich in Beziehung zu setzen
Seit Disability Community ein wichtiger Teil meines Arbeits- und Privatlebens ist, wird immer wieder von außenstehenden (meist nicht-behinderten) Menschen infrage gestellt, warum mir der Kontakt zu anderen behinderten Menschen so wichtig ist, warum es eine Rolle spielt, wie sich meine Kolleg*innen und meine Freund*innen positionieren, welche (Lebens-)Erfahrungen sie haben. Ein Text, der mir geholfen hat, für mich eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist das Buch Feminist, Queer, Crip von Alison Kafer. In der Einleitung beschreibt Kafer den Prozess des Zurechtfindens in ihrem neuen Lebensabschnitt nach einem schweren Brand, in ihrer neuen Lebensrealität als behinderte Person. Den Ansichten vieler nicht-behinderter Menschen, die vor allem negative Zukunftsaussichten auf sie projizieren – inklusive einer Universitätsprofessorin, die Kafers Forschungsinteresse an Behinderungsthemen als unangemessen und unprofessionell bezeichnet –, stellt sie die Perspektiven behinderter Menschen gegenüber, die ihr die Möglichkeiten eines erfüllten Lebens aufzeigen: ein Leben in Gemeinschaft statt in Isolation (siehe Kafer 2). Auch für mich sind und waren es häufig andere behinderte Menschen, die an mich und meine Ambitionen geglaubt und die mir Möglichkeiten aufgezeigt haben, wenn ich sie selbst (noch) nicht erkennen konnte.
Das Erleben von Solidarität und Unterstützung, die sich behinderte Menschen gegenseitig geben, beschränkt sich meiner Erfahrung nach nicht allein darauf, sich gegenseitig Alternativen zu den negativen Bildern von behindertem Leben in unserer Gesellschaft aufzuzeigen. Der Austausch und das In-Beziehung-Sein mit anderen behinderten Menschen eröffnen mir bis heute ganzheitliche, realistische Perspektiven auf alle Aspekte meines Lebens – sei es auf alltägliche Herausforderungen, zwischenmenschliche Beziehungen oder meine Arbeit im Kulturbetrieb. Denn ebenso wie nicht-behinderte Menschen uns und unsere Fähigkeiten oft unterschätzen, habe ich schon zahlreiche Situationen erlebt, in denen mein nicht-behindertes Umfeld meine Möglichkeiten überschätzt hat. Etwa weil ihnen die realistische (also wirklichkeitsnahe) Perspektive auf meine Lebensrealität fehlt und sie das Ausmaß der Barrieren, der Diskriminierungserfahrungen, der Mikroaggressionen, aber auch meiner Symptome nicht einschätzen können. Oder weil sie die Mehrarbeit, die wir als behinderte Personen tagtäglich leisten müssen, unterschätzen.
Gleichzeitig fehlt es mir häufig an Kontext, an Bezug, an Sprache, um nicht-behinderten Menschen meine Situation auf eine Weise zu beschreiben, die für sie in all ihrer Komplexität verständlich ist. Hier kommt für mich eine weitere Facette von Disability Community ins Spiel: die Möglichkeit, sich auf geteilte, wenn auch nicht zwingend (zeit-)gleiche Erfahrungen zu beziehen. So konnte ich rückblickend feststellen, dass ich das Gefühl von Community mit einer anderen behinderten Person spüren durfte, lange bevor ich Worte dafür hatte. Als sich in meiner Jugend meine Symptome durch das Leben in einem nicht barrierefreien, gewaltvollen Umfeld verschlimmerten, fiel es mir schwerer und schwerer, mich an die Anforderungen des Schulsystems anzupassen. Das fiel auf – in der Regel jedoch nur als Störung, als negative Abweichung von der Norm, mit der niemand etwas anfangen konnte. Bis auf K., die (offiziell) einzige behinderte Schülerin meiner Schule. Für Außenstehende wirkten wir sehr unterschiedlich: K. nutzte einen Rollstuhl und war immer mit Assistenz unterwegs, ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Zugang zu Hilfsmitteln und wurde trotz meiner Schwierigkeiten, die körperlichen Herausforderungen des Schulalltags zu bewältigen, von Außenstehenden als nicht-behindert gelesen. Trotz unserer verschiedenen Erfahrungen war es K., die meine Erfahrungen als Behinderung und meine Bedürfnisse, die aus der Norm fielen, als Barrierefreiheitsbedarfe adressierte. Sie war in der Lage, mich und meine Erfahrungen zu sich selbst in Beziehung zu setzen, lange bevor ich das konnte – nicht zuletzt, weil mir dies in meinem schulischen und privaten Umfeld sonst nie als Möglichkeit der Identifikation aufgezeigt wurde.
Dieses In-Beziehung-Setzen gelebter Erfahrungen kann über die (vermeintlichen) Grenzen von verschiedenen Behinderungsformen oder Behinderungserfahrungen gelingen. Denn auch wenn wir auf jeweils andere Barrieren treffen und Ableismus und strukturelle Diskriminierung auf unterschiedliche Weisen erleben, gibt es oft ein geteiltes Grundverständnis zwischen mobilitätsbehinderten und verrückten, blinden und tauben, neurodivergenten und chronisch kranken Menschen. Und selbst wenn diese Basis nicht in jeder Konstellation sofort gegeben ist, lässt sie sich doch durch Austausch innerhalb der Community leichter herstellen als mit nicht-behinderten (mehrfach privilegierten) Personen, die selbst nicht auf Barrierefreiheit angewiesen sind und keine strukturelle Diskriminierung erleben.
Repräsentation heißt, sich selbst in anderen zu erkennen
Eng verbunden mit dem Gefühl von fehlender Community war für mich das Fehlen von Repräsentation. Dabei geht es mir in diesem Text weniger um die Tatsache, dass behinderte Menschen noch immer viel zu wenig in der Kunst, auf Bühnen und in Filmen (und wenn überhaupt, dann oft nicht wirklichkeitsnah und komplex) repräsentiert werden, sondern um das Fehlen von Repräsentation behinderten Lebens in alltäglichen Situationen. Denn zu einem großen Teil in meinem Leben schienen mein Körper, meine Art, mich mit chronischen Schmerzen zu bewegen, meine Versuche, meine Symptome im Alltag und an seinen verschiedenen Orten (im Büro, in der Straßenbahn, beim Einkaufen …) zu managen, aus dem Rahmen zu fallen. In meiner tagtäglichen Umgebung gab es keine anderen Körper, die die Eigenarten meines Körpers spiegelten.
Ein prägender Moment in Bezug auf meine eigene Körperwahrnehmung und mein Körperverständnis ereignete sich während meiner Arbeit bei einem Theaterfestival – und zwar nicht während einer Aufführung, sondern in einem eigentlich banalen Moment: während des Mittagessens in der Theaterkantine. Während ich mich mit der mir gegenübersitzenden Regisseurin unterhielt, konnte ich nicht aufhören, ihre Art sich zu bewegen zu beobachten. Bei unserem Gespräch war ihr Körper ständig in Bewegung: das Drehen der Handgelenke, das Wechseln der Sitzposition, das Dehnen des Nackens. Mit Mitte zwanzig erkannte ich hier zum ersten Mal die Eigenheiten meiner Bewegungssprache in den beiläufigen Bewegungen einer anderen Person wieder. Das Gefühl von Gemeinschaft, das sich für mich in diesem Moment einstellte, spielte sich nicht auf einer kommunikativen oder intellektuellen Ebene ab. Es hatte nichts mit gemeinsamen Interessen, Zielen oder Werten zu tun. Es basierte allein auf der Wahrnehmung vertrauter Bewegungsqualitäten, die es mir ermöglichten, meinen Körper zu einem anderen Körper in Beziehung zu setzen.
Für mich zeigt dieses Erlebnis, dass es viele Möglichkeiten gibt, Community zu erfahren. In diesem Fall war Community eine rein körperliche Erfahrung. Es ist bis heute ein Grund, warum ich mich gerne mit anderen behinderten und chronisch kranken Menschen umgebe. Ich sehne mich nach diesen Momenten, in denen sich mein Körper nicht mehr wie ein Fremdkörper in dieser Welt anfühlt, nicht im Konflikt mit seiner Umwelt steht, sondern die Choreografie von Bewegungen und Körper im Raum ein Wiedererkennen, eine Identifikation, eine Verbundenheit ermöglicht. Dieser Moment hat meine Perspektive verändert und meine Wahrnehmung zutiefst geprägt. Heute fällt es mir leichter, andere Körper zu sehen, die ähnliche Eigenarten haben wie meiner. Ich erkenne sie in meinen Freund*innen, anderen Künstler*innen, aber auch bei (fast) fremden Menschen in Arbeitstreffen oder an öffentlichen Orten. Sie markieren kurze, flüchtige Momente von Community, der Vertrautheit, des Ausatmens.
Literaturverzeichnis
Kafer, Alison. Feminist, Queer, Crip. Indiana University Press 2013.















