Theater der Zeit

Cartographies of Care: Mapping Micropolitics

von Thubten Shontshang

Erschienen in: Recherchen 180: Im/Mobile Möglichkeiten – Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten (07/2026)

Kolorierte Handzeichnung eines Computerbildschirms, der mit einer Maus und einem Drucker verbunden ist. Aus dem Drucker ragt ein Blatt mit Linien und Quadraten.
Abb. 6: Illustration erster Schritt: Kartenauswahl und Drucken.Foto: Luciano Stettler, 2025

Einfach gesagt:

Kartografie der Fürsorge

In diesem Beitrag geht es um Karten. Jede Person liest Karten anders oder hat andere Punkte auf der Karte, die für sie wichtig sind. Zu diesem Thema gab es einen Workshop. In diesem Beitrag findest du eine Anleitung zum Workshop.

Die Idee und die Methode für diese Workshops stammen von einem früheren Projekt. Dieses Projekt hieß [mapping roots].In diesem Text erfährst du, wie der ursprüngliche Workshop entstanden ist. Damit kannst du die Anleitung besser verstehen. Thubten hat den Workshop 2022 mit seiner Schwester Tamara Shontshang entwickelt. Im Workshop arbeiten wir mit Karten und mit einer Technik aus der Permakultur. Die Permakultur ist eine Methode, mit der man zum Beispiel einen Garten nachhaltig gestaltet. Mit den Karten überlegen wir uns: Was verbindet uns mit dem Ort, an dem wir leben? Dabei sind alle möglichen Beziehungen wichtig. Aber auch Vorteile und Nachteile, die Menschen im Alltag haben, ohne dass sie etwas dafür tun. Das Ziel vom Workshop ist: über die eigene Umgebung und die eigenen Beziehungen nachdenken.

Im Workshop Cartographies of Care: Mapping Micropolitics von Kamran Behrouz und Thubten Shontshang gibt es Stadtkarten. Gruppen beschäftigen sich im Workshop mit dem Thema Fürsorge. Unser Alltag ist oft von klaren Strukturen bestimmt: zum Beispiel von Arbeit, Regeln und Werten. Dies macht Fürsorge für sich selbst und andere nicht immer einfach. Mit dem Workshop wollen wir darüber nachdenken, wie wir in unserem Alltag mit Fürsorge umgehen.

Jede Person erlebt eine Stadt unterschiedlich. Dies soll das Arbeiten mit Karten zeigen. Wenn wir die verschiedenen Karten in der Gruppe übereinanderlegen, können sich Punkte auf der Karte widersprechen: Eine Person kann mit der Tram eine befreundete Person besuchen. Für eine andere Person ist das Ticket aber vielleicht zu teuer. In diesem Workshop sprechen wir über diese Widersprüche.

Dieser Beitrag bietet eine Anleitung eines experimentellen Workshops, um sich kollektiv mit Fürsorge innerhalb dominanter Machtstrukturen auseinanderzusetzen und damit einen Reflexionsprozess anzustoßen. Dabei wird an die ursprüngliche Idee und den Entstehungsprozess des Workshopformats [mapping roots] angeknüpft, auf dessen Basis Cartographies of Care: Mapping Micropolitics weiterentwickelt wurde. Durch eine kurze historische Einbettung der Kartografie als koloniale Praxis werden exemplarisch Aspekte von struktureller Macht und Ausschluss durch Hierarchisierung von Wissen aufgegriffen. Diese historische Gestaltung von exklusiven Räumen lässt sich in strukturelle Diskriminierungsmechanismen wie Ableismus einbetten und bildet so eine Verbindung zum Sammelband. Dabei wird aufgezeigt, wie der Autor Kartografie als Zugang für neurodivergente Denkweisen und gleichzeitig als Praxis der kritischen Auseinandersetzung mit kolonialen Werkzeugen versteht.

[mapping roots]

[mapping roots] basiert auf der interdisziplinären Mapping-Methode, die von Thubten Shontshang 2022 im Rahmen seiner Bachelorarbeit Interkulturelle Identitäten, emanzipatorisch selbstbestimmte Wurzeln kultivieren in Zusammenarbeit mit seiner Schwester Tamara Shontshang, derzeit in Ausbildung zur Permakulturgestalterin, entwickelt wurde.

Es war eine Auseinandersetzung mit der in der Gesellschaft verinnerlichten Idee und deren Bild von ethnischen Wurzeln, das immer wieder über postmigrantische Menschen gestülpt wird. Im Austausch mit Tamara, deren Perspektive stark durch Wissen über die Pflanzenwelt geprägt ist, kam die Erkenntnis, dass ein Verständnis von Wurzeln aus der Pflanzenwelt eine (Bild-)Sprache eröffnet, die neue Ansätze bietet, um ein selbstbestimmtes Verhältnis zur eigenen Identität zu finden: Während ethnische Wurzeln von einem geografisch entfernten Ort aus Identitäten im Hier scheinbar zu determinieren vermögen, kann in der Pflanzenwelt ein Samen reisen, die Wurzeln wachsen jedoch in der Regel aus dem Samen selbst und verankern sich lokal. Aus dieser neuen Frage der Lokalität entstand die Idee, sich auf Kartierung basierende Analysemethoden der Permakultur anzueignen.

Das daraus resultierende interdisziplinäre Workshopformat versucht somit, die eigene Positionierung im Leben und zwischen strukturellen Wirkmächten zu kartieren. Dies mit dem Ansatz, durch Übersetzungsarbeit den Begriff der Wurzeln individuell neu zu definieren und in einem reflexiven Prozess Handlungsfelder visuell zugänglich zu machen. Es ist eine Reflexion über Lokalität, Beziehungen innerhalb dominanter Machtstrukturen und das Navigieren darin.

Kartografie: Macht und Ausschluss

Karten ermöglichen sowohl einen Perspektiv- als auch einen Skalierungswechsel. Karten helfen dabei, sich zu orientieren, zu navigieren – vorausgesetzt, wir können eine Karte lesen. Mithilfe von Karten können wir uns anhand von Markern orientieren, uns in einem Kontext lokalisieren, uns verorten. Karten setzen uns in ein Verhältnis zur vorhandenen Infrastruktur, Wasser oder Wald. Dabei lassen uns Linien, Symbole und Flächen einen Raum lesen.

Lesbarkeit bedeutet Übersichtlichkeit, Standardisierung und bringt somit eine strukturelle Macht der Kontrolle mit sich. Beispielsweise waren Karten in England ab dem 16. Jahrhundert ein politisches Instrument zur Konzeptualisierung von Raum und der Ausübung von Kontrolle und erwiesen sich als entscheidend in der Kolonialisierung Irlands und Nordamerikas (Slack 22). Anhand des Falles von 1624, in dem der Wald von Gillingham unter dem Ethos des Fortschritts in frühkapitalistische Strukturen einvernommen wurde, lässt sich aufzeigen, wie dies ein Unsichtbarmachen von tief verwurzeltem, marginalisiertem Wissen voraussetzte: Durch die Erschaffung eindimensionaler Abbildungen von Wald löschten Karten koexistierende Ansprüche auf Ressourcen sowie deren situativen Umgang mit diffusen Grenzen visuell aus. Gleichzeitig war das Festlegen von scharfen Grenzen anhand von Karten die Grundlage der Erschaffung neuer Grundstücke, die in einem frühkapitalistischen System Profit abwerfen konnten, indem Land quantifiziert und so von seinen gewohnten Beziehungen gelöst wurde. Die schriftlich dokumentierte Anerkennung dieser Karten und ihr Versprechen auf Fortschritt durch wissenschaftliche Exaktheit bildeten eine neue epistemische Autorität. Diese stellte das Gewohnheitsrecht, basierend auf kollektivem Erfahrungswissen, das sich über Generationen hinweg mündlich in Form von Bräuchen und Traditionen überlieferte, infrage und löste es schlussendlich ab. Damit wurde der Zugang zu Ressourcen unterbrochen und gleichzeitig mit der Einführung der Wohlfahrt für landlose Menschen eine institutionalisierte Abhängigkeit herbeigeführt (Robson 597–632).

Cartographies of Care: Mapping Micropolitics

Der Workshop Cartographies of Care: Mapping Micropolitics von Kamran Behrouz und Thubten Shontshang entstand im Rahmen der Abschlusskonferenz Accessibility, Responsibility, and Care in the Performing Arts des SNF-Projekts Ästhetiken des Im/Mobilen und wurde an der Hochschule der Künste Bern im Frühjahr 2025 durchgeführt.

Die von Kamran Behrouz verfasste Workshopbeschreibung, hier von Englisch auf Deutsch übersetzt, lautete folgendermaßen: Unzugänglichkeit und Barrieren stehen oft im Zusammenhang mit einem Mangel an Fürsorge (Care). Sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden heißt, Netzwerke der Fürsorge zu erkennen, die sie zugänglich machen – und doch bleiben diese Netze oft unsichtbar. Der Workshop greift den Begriff »Micropolitics« (Deleuze/Guattari 208–231) auf und setzt sich mit der Unzugänglichkeit von akademischer Sprache auseinander, indem versucht wird, das Konzept von Micropolitics (als Theorie) mittels verschiedener Übersetzungsmomente in einem persönlichen, greifbaren Rahmen (der Kartografie) zu untersuchen.

Die Methode versteht sich als dekoloniale Praxis, um den oben beschriebenen historischen Prozess des strukturellen Unsichtbarmachens von Wissen und das Unterbinden von Zugängen zu Ressourcen zu unterbrechen. Die Auseinandersetzung über verschiedene Ebenen ist ein Ansatz, Karten nicht als Vereinfachung, sondern als komplexes Gefäß zu verstehen, das individuelles und mehrdimensionales (Erfahrungs-)Wissen zusammenträgt und so die Funktion von Karten als Werkzeug der Reduktion und Kontrolle durch dominante Machtpositionen umdreht. Insbesondere dann, wenn die Methode kollektiv auf die gleiche Stadt angewendet wird, lassen sich individuelle Ebenen übereinanderlegen, was Spannungsfelder intersektionaler Wahrnehmungen zu illustrieren vermag. Individuelle Zugänge, die im Zusammenhang mit der eigenen Verortung zwischen strukturellen Machtdynamiken stehen, führen in der kollektiven Überlagerung zu diffusen Grenzen, machen diese sichtbar und bilden eine Grundlage, um gemeinsam situative Aushandlungen zu thematisieren.

Es kann ein Zugang zu abstrakten Theorien ermöglicht werden, indem die Methode in einer persönlichen Lebensrealität und bekannten Räumen Bezüge erschafft, anhand derer Wissen und Theorie aufgrund von sprachlicher Unzugänglichkeit greifbar vermittelt werden können. Dabei wird eine rhizomatische, nicht lineare Denkweise willkommen geheißen und assoziatives Denken, welches konstant zu neuen Fragen im Kontext von dominanten Machstrukturen führt, in den Fokus gestellt. Diese Kontinuität an Fragen lässt uns eine Haltung permanenter Reflexion einnehmen, Erkenntnisse und Begehren nicht erneut von kapitalistischen Strukturen vereinnahmen zu lassen.

Mapping Micropolitics of Care

Diese Anleitung versteht sich als erster Entwurf und Dokumentation eines fortlaufenden Prozesses der Weiterentwicklung. Sie vermittelt erste Einblicke in die Methode und lädt zum Experimentieren ein.

Where the molar (or arborescent‹, to use their equivalent term) designates structures and principles that are based on rigid stratifications or codings which leave no room for all that is flexible and contingent, the molecular which is the basis of micropolitics allows for connections that are local and singular. (Surin 164)

Cartographies of Care: Mapping Micropolitics richtet sich an Gruppen, die eine Auseinandersetzung mit Fürsorge innerhalb struktureller Machtdynamiken weiter vertiefen wollen. Die Methode basiert auf einer persönlichen Auseinandersetzung durch die individuelle Erweiterung einer gemeinsamen Basiskarte, während das Potenzial im Teilen dieser persönlichen Perspektiven liegt. Dies setzt einen sorgsamen und vertrauten Raum, der gemeinsam gehalten wird, voraus.

Benötigtes Material:

Basiskarte

Kalkpapier

BüroklammernStifte

Schritt 1: Basiskarte auswählen

Wählt eine Karte der Stadt, mit der ihr euch auseinandersetzen wollt, und druckt diese für jede Person auf einem DIN-A3-Blatt aus. Wir empfehlen einen Maßstab von 1:50 000.

Schritt 2: Annäherung an die Karte (optional)

Als Annäherung an die Karte könnt ihr alle Erinnerungen auf die persönliche Basiskarte einzeichnen, die euch in Zusammenhang mit spezifischen Orten in den Sinn kommen, und nach Bedarf mit Notizen ergänzen. Dies hilft, eine erste Auseinandersetzung mit der Basiskarte und damit, wie ihr euch in der Stadt bewegt, zu finden, und gleichzeitig kann es später als Inspiration dienen.

Schritt 3: Äußere Wirkmächte: Molar

[…] Where the molar (or ›arborescent‹, to use their equivalent term) designates structures and principles that are based on rigid stratifications or codings which leave no room for all that is flexible and contingent. (Surin 164)

Legt nun ein Kalkpapier auf eure Karten und befestigt diese mit einer Büroklammer. In diesem Schritt geht es darum, dominante Machtstrukturen festzuhalten. Unter dominanten Machtstrukturen verstehen wir strukturelle Wirkmächte, die unser Leben von außen beeinflussen: Ableismus, Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus etc.

Tipps/mögliche Vorgehen

1) Dich an tatsächlichen Machtzentren zu orientieren und diese zu markieren.

Mögliche Beispiele: Migrationsamt, Polizeistation, Steuerverwaltung, Filialen der Krankenkasse etc.

2) Dich an Elementen der Karte orientieren und diese neu interpretieren.

Mögliches Beispiel: Enthält die Karte zum Beispiel eine prägnante Infrastruktur, die du neu interpretieren willst? Wie könntest du beispielsweise eine Autobahn anhand ihrer Funktion, Größe oder Verlauf durch die Karte in eine dominante Machtstruktur übersetzen und bezeichnen?

3) Gehe von strukturellen Machtstrukturen aus und projiziere diese auf die Karte.

Mögliches Beispiel: Wie möchtest du Ableismus auf deiner Karte sichtbar machen? Ist es eine bestimmte Infrastruktur, eine Buslinie, dein Therapieplatz? Wie verhalten sich diese Linien, Orte oder Flächen zur Karte: Ist dein möglicher Therapieplatz in einem Quartier mit hohem sozioökonomischen Status und welche Intersektionalität kannst du hier sichtbar machen?

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Tauscht euch in kleineren Gruppen aus:

Wie seid ihr vorgegangen, was waren Hindernisse, welche Fragen sind aufgekommen, gab es Erkenntnisse?

Schritt 4: Points of Care: Molecular

[…] the molecular which is the basis of micropolitics allows for connections that are local and singular.

Legt erneut ein Kalkpapier über das letzte und befestigt auch dieses. Auf dieser Ebene reflektiert ihr über euer Verständnis von Fürsorge außerhalb kapitalistischen Begehrens: An welchen Orten reguliert ihr euch selbst, an welchen Orten trefft ihr euch mit Menschen, die in eurem Support-System sind – wo wohnen diese Menschen, wer sind diese Menschen?

Dabei kann es auch sein, dass ihr Menschen innerhalb von Institutionen, die ihr zuvor als Repräsentation struktureller Macht definiert habt, lokalisiert und einzeichnet. Auch hier gelten die möglichen Ansätze zum Vorgehen wie im vorangehenden Schritt. Tauscht euch auch nach diesem Schritt in denselben Gruppen untereinander aus.

Schritt 5: Micropolitics of Care: Creating linkages between desiring machines

The heart of micropolitics is the construction of these new desiring machines as well as the creation of new linkages between desiring machines.(Surin 165)

Im fünften Schritt geht es darum, die verschiedenen Points of Care miteinander zu verbinden. Hier bietet es sich an, euch an der Karte zu orientieren, indem ihr vorhandene Straßen, Wege, Tram- oder Zuglinien verwendet, um Verbindungen einzuzeichnen. Dadurch illustriert ihr euer individuelles Netzwerk, Wurzeln, die euch nähren und Halt geben.

Schritt 6: Analyse

Im letzten Schritt geht es einerseits darum, die persönlichen Ebenen in ihrem Verhältnis zueinander zu betrachten. Wie sieht euer Netzwerk aus, verläuft euer Netzwerk durch dominante Machtstrukturen? Wie navigiert ihr diese Situationen wörtlich, aber auch symbolisch? Andererseits geht es darum, zu reflektieren wie ihr diese Verbindungen stärken könnt. Wofür könnte die eine Bushaltestelle in deiner Verbindung stehen, was braucht es, um euch mehr Orte der Selbstregulierung aneignen zu können?

Tauscht euch auch nach diesem individuellen Reflexionsmoment untereinander aus. Anschließend können individuelle Ebenen übereinandergelegt und in der Gruppe betrachtet werden. Welche möglichen Widersprüche entstehen und werfen Fragen einer kollektiven Fürsorge auf?

Fazit und Reflexion

Masking als Performance: Zugänglichkeit und Verantwortung

Während [mapping roots] als Übersetzungsmoment über die Metapher aus der Pflanzenwelt eine neue und wertfreie Perspektive eröffnet, um einer spezifischen Frage der eigenen Identität nachzugehen, lässt sich deren Auseinandersetzung über lokale Beziehungen innerhalb dominanter Machstrukturen in einen Kontext der Fürsorge und Zugänge übertragen. Eine Reflexion und Illustration unserer persönlichen und intersektionalen Verortung in der Gesellschaft und deren hervorgehenden Strukturen wirkt als Hilfsmittel zur Navigation. Die Thematik der Navigation im Zusammenspiel mit einer Praxis des Kartierens bringt die Notwendigkeit der kritischen Betrachtung einer historischen Instrumentalisierung von Karten mit sich. Entgegen der historischen Praxis und Wirkkraft von Karten, ein Unsichtbarmachen von marginalisiertem (Erfahrungs-)Wissen, um Zugänge zu Ressourcen zu kontrollieren und Ausschlüsse zu produzieren, nimmt die Methode Cartographies of Care: Mapping Micropolitics eine dekoloniale Haltung ein. Sie kehrt die Reduktion durch dominante Machtzentren um, indem sie individuelles (Erfahrungs-)Wissen mehrdimensional zusammenträgt, im Kollektiv übereinanderlegt und unscharfe Grenzen wiederherstellt und so eine Basis bildet, um einen gemeinsamen und situativen Umgang mit Widersprüchen auszuhandeln.

Eine erste experimentelle Version des Workshops fand während des Symposiums Accessibility, Responsibility, and Care in the Performing Arts mit rund 13 Teilnehmenden statt. Mit dem Fokus auf Fürsorge im Kontext von Zugänglichkeit und Verantwortung im Kunst- und Kulturbereich wurden folgende Fragen angestoßen:

Was heißt es, wenn Punkte der Fürsorge Räume in dominanten Machtstrukturen sind, in denen neurodivergente Menschen »unmasked«1 existieren können, ohne performen zu müssen? Unter Micropolitics lässt sich das Potenzial verstehen, innerhalb dominanter Machtstrukturen bereitgestellte Räume durch Beziehungsarbeit zu Orten der Fürsorge zu transformieren. Doch was bedeutet es im Kultur- und Kunstbereich, in dem Networking als Performance über Ein- oder Ausschluss entscheiden kann? Bei wem liegt die Verantwortung, solche »unmasked spaces« zu ermöglichen und zu halten? Wie verhandeln wir das Begehren nach inklusiven Räumen, die nicht losgelöst, sondern innerhalb kapitalistischer Strukturen existieren und von diesen abhängig sind?

Literaturverzeichnis

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix. A Thousand Plateaus: Capitalism and Schizophrenia. University of Minnesota Press, 1987, S. 208–231.

Surin, Kenneth. »Micropolitics«. The Deleuze Dictionary, Adrian Parr (Hrsg.), Edinburgh University Press, 2010, S. 164–165.

Robson, Elly. »Improvement and Epistemologies of Landscape in Seventeenth-Century English Forest Enclosure«. The Historical Journal, Jg. 60, 2017, S. 597–632.

Slack, Paul. The Invention of Improvement: Information and Material Progress in Seventeenth-Century England. Oxford University Press, 2015, S. 22.

Smith, Timothy J. »Crip Time Travels Through the Membrane and Vortex: An Autoethnographic Inquiry of Neurodivergent Student Temporality in Higher Art Education«. International Journal of Art & Design Education, 2024, S. 683–697.

Thubten Jonas, Shontshang: Interkulturelle Identitäten, emanzipatorisch selbstbestimmte Wurzeln kultivieren. Bachelorarbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz, 2022. Unveröffentlicht.

Anmerkungen

1 »Masking« beschreibt das Verstecken von Eigenschaften als Strategie, aber auch als gesellschaftliche Erwartung oder Zwang, um sich in eine idealisierte Vorstellung von »normal« einzuordnen. (Vgl. Smith 683–697)

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