Das Theater Brechts
Gegensätzliche künstlerische Fluchtlinien nach 1945
von Joachim Fiebach
Erschienen in: Welt Theater Geschichte – Eine Kulturgeschichte des Theatralen (05/2015)
Der Erste Weltkrieg und das ihm folgende Jahrzehnt waren von herausragender Bedeutung für die geschichtlichen Bewegungen des Theaters; weltweit veränderten sich Theaterlandschaften in erheblichem Maße. Mit dem Aufstieg der Sowjetunion zur Supermacht, der Herausbildung einer nicht-kapitalistisch orientierten Staatengruppe, mit dem damit verbundenen Kalten Krieg und mit dem Beginn und der Endphase der praktischen Auflösung des bisherigen Kolonialsystems (u. a. Indiens Unabhängigkeit 1947, Indonesiens 1949, Ghanas 1957) sind der Zweite Weltkrieg und die ihm folgende Dekade Phasen hochbedeutender welthistorischer Verschiebungen, erscheinen aber zunächst nur teilweise als ein Zeitraum umgreifender Umschwünge in den Geschichten von Theater. In Europa und Nordamerika dominierte wieder, oder immer noch, neben der konventionellen leichten Bühnenunterhaltung das von den Avantgarden wenig berührte (bürgerliche) literaturbasierte Bildungstheater, nachdem sich schon im Vorfeld des Krieges die Ansätze einer neuen avancierten Theaterkunst abgeschwächt und die deutschen Faschisten und die stalinistische Politik sie bereits zuvor abgewürgt hatten.
Allerdings: Brechts Arbeiten seit 1948 in Europa, vor allem mit seinem Berliner Ensemble, Aufführungen von Eugène Ionescos DIE KAHLE SÄNGERIN und DIE UNTERRICHTSSTUNDE der frühen 1950er Jahre sowie Inszenierungen von Samuel Becketts Texten seit seinem WARTEN AUF GODOT 1952 in Paris markierten verschiedenartige, auch gegensätzliche philosophisch-weltanschauliche und künstlerisch-gestalterische Fluchtlinien, in...