Auftritt
Berliner Ensemble: Für Könner und Kenner
„Antigone“ von Sophokles in der Übertragung von Friedrich Hölderlin – Regie Johan Simons, Bühne Johannes Schütz, Kostüme Kevin Pieterse, Musik Tristan Wulff
von Thomas Irmer
Assoziationen: Theaterkritiken Berlin Johan Simons Berliner Ensemble

Beim Einlass sind die drei Schauspieler:innen schon auf der Bühne zu sehen, wie sie sich auf ihr Spiel vorbereiten. Constanze Becker und Kathleen Morgeneyer tauschen sich vorn aus, Jens Harzer hält sich im Hintergrund, allein hinter dem länglichen Quader, den Johannes Schütz in den Raum gehängt hat. Darunter auf dem Boden weiß gezeichnete konzentrische Kreise und ein paar kleine wie hingestreute Gegenstände. Atmosphäre: es wird wie aus einer Probe losgehen.
Dann kommen die drei zusammen, heben Kostümteile auf, die sie ebenfalls untereinander tauschen, und scheinen sich erstmal uneins über die Rollenverteilung. Harzer läuft vor der erwartbaren Zuteilung als Kreon einfach weg, Constanze Becker wird das übernehmen müssen, und ihm die Antigone damit zufallen. Morgeneyer bleibt die Ismene, und damit ist ein Spiel in Gang gesetzt, das in dieser Reduktion – kein Chor, aber dessen wichtigste Textpassagen ausschnitthaft verteilt – höchste Konzentration auch vom Publikum fordert.
In dieser Spielanlage bricht Johan Simons mit so einigen Auffassungen von „Antigone“ als dem Stück von der mutigen Auflehnung gegen einen Tyrannen, dem ethischen Konflikt der Sittlichkeit in schwierigen politischen Machtverhältnissen oder der katastrophischen Folgerichtigkeit nach dem götterverfluchten Schicksal des Ödipus. Für ihn sind Antigone und Ismene, so in einer Programmheft-Auskunft, traumatisierte Kinder nach einer für sie viel zu großen Geschichte. Wohl deshalb rannte der in dieser Aufstellung als Kreon erwartete Harzer davon. Er wäre ja der komplizierte Widerpart als ein zugleich zu einfach zu erkennender Gegenstrom zu den Schwestern in diesem vor allem als Familiendrama der Antigone von Simons interpretierten Stück.
Für seinen Spielansatz genügen ihm einfachste Zeichen, die es aber in sich haben. Die Königspappkrone, die Constanze Becker sich als Kreon aufsetzt, wiederholt sich als anderes, wenn Jens Harzer zugleich der innerer Chor von Simons‘ Inszenierung mit aus einem Fetzen des Quaders gerissenen Papiers auf seinem Kopf zu dem großen Vers „nichts ungeheurer als der Mensch“ hervortritt. Hier lässt Simons alles von seiner offenen und mehrschichtigen Anlage einmal ganz und gar zusammenkommen – diese „Antigone“ ist auch eine nie so gesehene Virtuositätsperformance dreier Schauspieler:innen. Jens Harzer mit jeder Faser und feinsten Modulation von seiner herben Antigone in Chorpassagen und schließlich in die Rolle des Haimon wechselnd. Kathleen Morgeneyer als zart versuchende Ismene-Vermittlerin. Constanze Becker mit ihrem auf mehreren Ebenen hadernden Kreon.
Aber die Sache hat auch Ecken und Kanten. Denn eine solche Spielanlage bleibt selbst mit diesen Spieler:innen abstrakt und wirkt zu sehr auf Hochleistungskönnen kalkuliert. Und somit paradoxerweise ziemlich kalt – auch unter der exzellent gesprochenen Sprache der Hölderlinschen Übersetzung. Weitere Zutaten sind die Musik von Tristan Wulff, die mal als Schlagzeug aus der Seitenbühne, mal als jazzige Sounds aus dem Rang den Abend gliedert. Ein Abend für Könner und Kenner, der mit dieser Spielfassung der Dramaturgin Sibylle Baschung einiges voraussetzt, was ein Publikum außer der Bewunderung für diese Schauspieler:innen mitzubringen hat. Diese Anstrengung kann ein großer Gewinn sein, und dann dürfte auch die Idee vom Spiel traumatisierter Kinder in allem wunderbar aufgehen.
Erschienen am 20.1.2026





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