Theater der Zeit

Auftritt

Volkstheater Wien: Zeit der Untergänge

„Rom“ nach William Shakespeare – Text Julia Jost, Regie und Textbearbeitung Luk Perceval, Bühne Philip Bußmann, Kostüm Ilse Vandenbussche, Komposition und Sounddesign Lila-Zoé Krauß, Choreografie Ted Stoffer

von Michael Hametner

Assoziationen: Theaterkritiken Österreich Luk Perceval Volkstheater Wien

Frank Genser, Lavinia Nowak und Stefan Suske in „Rom“ in der Regie von Luk Perceval am Wiener Volkstheater. Foto Marcel Urlaub // Volkstheater
Frank Genser, Lavinia Nowak und Stefan Suske in „Rom“ in der Regie von Luk Perceval am Wiener VolkstheaterFoto: Marcel Urlaub // Volkstheater

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Die Bühne ist leer, bis auf eine Figur, auf einem Stuhl. Je zerstörter an Leib und Seele, desto intensiver in Sprache und Gestik. Ungeheuer suggestiv der Schluss von Luk Percevals „Schlachten“ vor 25 Jahren, der mir aus der zwölfstündigen Inszenierung (ich sah eine auf acht Stunden gekürzte Fassung bei den Salzburger Festspielen) bis heute eindrucksvoll vor Augen steht, wenn sich auch die Erinnerung an mehr verloren hat. Es war einer von Shakespeares Heinrichen, der in den Schlachten der Rosenkriegsdramen zum Sterben anzutreten hatte. Im Volkstheater Wien, wo Perceval zum ersten Mal gearbeitet hat und dafür die sogenannten Römischen Tragödien „Titus“, „Coriolanus“, „Caesar und Antonius“ und „Cleopatra“ in einer Collage von Julia Jost auf die Bühne brachte, ging der Schluss viel leiser zu. Schwächer und schwächer werden die Stimmen der sterbenden Kleopatra, Shakespeares wohl ausdrucksstärkste Frauenfigur, und (dem bereits gestorbenen) Antonius, während die leere Bühne sich dreht. Die Kraft reicht für einen letzten Satz, der als Fazit des Regisseurs und seines Abends stehen kann: „… zuerst befreit die Unterdrücker“. Die beiden Figuren und der Traum ihrer Liebe gehen unter und im Hintergrund bald auch Rom. Nicht irgendwann. Das Spiel der schurkischen Usurpatoren oder usurpatorischen Schurken um die Macht hat es entschieden: „Jetzt fällt die Welt aus ihrem Zusammenhang.“

Percevals Inszenierung der Textcollage, die ihm Julia Jost gefertigt hat, endet eindrucksvoll. In der Hauptsache besteht sie textlich aus Shakespeare, aber auch ein wenig von Ingeborg Bachmann über Canetti bis Lenin soll dabei gewesen sein. Die Figuren aus Shakespeares Stücken werden beständig ineinander geblendet, dass man manchmal den Wechsel erst später merkt. Eine unsichtbar verschweißte Collage ist es dennoch nicht. Die Vorlage ist zweigeteilt. Den ersten Teil dominiert „Coriolanus“, den zweiten „Cleopatra und Antonius“. Diese Zweiteilung hat wohl auch mit der Entstehung der Inszenierung zu tun, wie man dem Programmheft entnimmt. Es gab im Frühjahr 2023 bereits einen öffentlichen Probenprozess, in dem erste Teile der Inszenierung erarbeitet wurden.

Im ersten Teil des Abends erlebt man Coriolanus (Andreas Beck), den sein Stolz unfähig macht, dem Volk auch nur einen Finger zu reichen. Als seine Mutter (Runa Schymanski) ihn eindringlich vor den Folgen warnt, bricht der Machtmensch zusammen und wird zum Mutterkind. Das ist aber schon das Schönste am ersten Teil, weil es hier endlich zum Spielfluss kommt. Die Inszenierung ist ansonsten sehr rhetorisch, die Szenen weitgehend im Dunkel von Taschenlampenlicht gehalten und das Spiel-, präziser: Sprechtempo etwas rhythmuslos gedehnt. Der Wortsinn soll es bringen: Wie Macht entsteht, die Demokratie verhöhnt wird, bis sie den nächsten Mächtigen gebiert. Immer ist das Volk der Dumme. Woraus im ersten Teil ein schöner Monolog entstanden ist: Dem Volk werden die Augen geöffnet, dass es doch jeden neuen Herrscher widerstandlos über sich ergehen lässt. Lavinia Nowak zeigt sehr berührend die Verzweiflung, die ihre Figur packt, wenn sie sieht, dass das Volk seine Metzger selbst wählt. Viel vom Rest des ersten Teils ist dann Nacherzählung der weggelassenen Handlung. Dafür sind drei Figuren zuständig, die das in oftmals galligem Ton übernehmen. Das machen sie gut, aber es zeigt sich dabei ein Grundproblem der Inszenierung. Zwar ist sie untertitelt mit „nach Shakespeare“, aber Perceval und seine Texterin Julia Jost sind zu dicht an den Vorlagen. Solange pausenlos Figurennamen durch das Spiel schwirren, kann es nicht in Gang kommen. Wenig Theater, viel Absicht.

Das ändert sich im zweiten Teil, der deutlich mehr bietet als der erste. Welch schöne Übersetzung in Spiel für die Anbahnung der Liebesgeschichte zwischen Cleopatra (Julia Riedler) und Antonius (Frank Genser), wenn sie – im Wasser stehend – sich zuerst neckisch bespritzen, dann in vollem Ernst um die Führungsrolle kämpfend, sich schließlich erschöpft in den Armen liegen und küssen. Eine eindrucksvoll choreografierte Szene (Ted Stoffer), die mindestens eine Viertelstunde ohne Worte auskommt. Trotzdem bekommt Octavia (Claudia Sabitzer) als Antonius Angetraute ihre Rolle, in der sie Eifersucht in blinden Hass umschlagen lässt. Hier endlich öffnet sich Percevals Inszenierung zu den Teilen des Lebens außerhalb von Macht und Gewalt, nämlich dahin, wo die Angst des Menschen vor Einsamkeit und Sterben sitzt. Vorher spielte sich fast alles auf der Königsebene machthungriger Politik ab.

Insgesamt etwas viel des Kämpfens um Macht, von Verachtung für das Volk und Schändung der Demokratie, all das, was unsere Zivilisation und Kultur auch zweitausend Jahre danach noch immer bedroht. Nicht, dass das keine drängenden Themen wären, aber Theater ist nicht Politik mit anderen Mitteln.

Dabei sorgt das Bühnenbild von Philip Bußmann für Transparenz und Ablauf, wenn man vorn eine das Portal nahezu ausfüllende Mauer sieht (mal nicht vom Verfall angekränkelt, sondern strahlend weiß) und auf der Rückseite mit Treppen und Balkonen hinter die Bühnenmaschinerie der Macht blickt. Wenn der Regisseur die Inszenierung schon weitgehend im Dunkeln haben will, dann macht ihm Nicolas Langer dafür effektvolle Lichtangebote. Die Kostüme von Ilse Vandenbussche unterstützt mit dem roten Wickelkleid, das auch Fesselung sein könnte, geschickt Cleopatras Rolle, lässt die übrigen Kostüme aber eher unauffällig. Seinem Spiel hinzugefügt hat Luk Perceval noch eine Musikerin (Lila-Zoé Krauß), die vor der Bühne agiert. Sie färbt das Bühnengeschehen gelegentlich mit runtergedimmtem Flüstern geheimnisvoll ein, was dem Verständnis ihrer Worte gar nicht guttut, bietet dann aber als Sounddesignerin mit eingesetzten Vokalisen viel von ihrer überzeugenden Stimme.   

Die Sorge des Rezensenten vor einer acht bis 12-stündigen Aufführungsdauer war vollkommen unbegründet. Nach zweieinhalb Stunden war alles zu Ende. Das Publikum spendete viel Beifall, der aber nach fünf, sechs „Vorhängen“ auch schon vorbei war.  

Erschienen am 24.4.2024

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