Theater der Zeit

Bericht

Hören Sie (nicht) auf das Fahrrad!

Ariel Dorons interaktive Objektperformance „Do not open!“

von Annika Gloystein

Erschienen in: double 43: Barrieren | frei – Zugänge zum Figurentheater (04/2021)

Assoziationen: Bayern Puppen-, Figuren- & Objekttheater

Foto: Ariel Doron, Do not open! Foto Erich Malter Copyright: Erlanger Poetenfest 2020
Foto: Ariel Doron, Do not open! Foto Erich Malter Copyright: Erlanger Poetenfest 2020

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Was machen Sie, wenn Sie von einem personenlosen Lastenfahrrad angesprochen werden? Ach so, ist noch nicht vorgekommen!? Falls Ihnen aber danach ist und Sie wissen wollen, was es geladen hat, haben Sie nochmal Gelegenheit im Mai beim internationalen figuren.theater.festival in Erlangen mit dem Gefährt „ins Gespräch zu kommen“. Wenn Sie ihm unvoreingenommen gegenübertreten wollen, sei Ihnen an dieser Stelle vom weiteren Lesen abgeraten. Falls Sie (vorher) lieber wissen wollen, wie andere so mit dem Zweirad zurechtkamen: Es sprach im August 2020 in Erlangen und im Oktober in München Festivalgäste und Passant*innen an – ein Projekt im Rahmen des 40. Erlanger Poetenfests in Koproduktion mit wunder. Internationales Figurentheaterfestival München. Die Kontaktaufnahme beginnt freundlich einladend, geheimnisvoll flüsternd über dringlich flehend bis beschwörend, man möge den Front-Ladebereich des Lastenrads öffnen. Findet die Stimme nicht die gewünschte Beachtung, geht sie über zu einem genervten oder gelangweilten Ton, klingt hilfsbedürftig, unterstreicht das Anliegen mit Klopfgeräuschen aus dem Inneren oder einem langen verzweifelten Schreien. Manch eine*r bleibt stehen, ob der unerwarteten Ansprache, unschlüssig, wie damit umzugehen sei. Doch ein Näherkommen kann jäh unterbrochen werden („Halt! Stop!“ / „Hör auf, lass mich in Ruhe“ / „Nicht öffnen!“). Wendet sich die Person wieder ab, wird klagend interveniert („Komm zurück!“ / „Verlass mich nicht!“). Nicht alle lassen sich zurückgewinnen. Wer den Öffnungsforderungen nachkommen möchte, wird zunächst über die Hygieneregeln informiert („Bitte desinfizieren Sie sich die Hände.“) und beim Lösen der Plane instruiert („Nicht von da, das tut weh!“ / „Von vorne!“). Wer nun so weit gekommen ist, wird belohnt: im Inneren liegen Bücher. Auf dem Buchdeckel ist eingeprägt: Nicht öffnen! Zögert jemand eines der hochwertigen Hardcover zu nehmen, so wird freundlich versichert: „Das ist ein Geschenk! Bitte, nimm das Buch mit.“ Das Fahrrad bedankt sich fürs Öffnen und möchte so hinterlassen werden, wie es vorgefunden wurde („Bitte zumachen! Danke!“). Es verabschiedet sich von seinem Gegenüber, bereit für die nächste Interaktion. Dabei verläuft jede anders: je nach Zugänglichkeit der Vorübergehenden, ihrer Interaktionsfreude, ihrer Neugier. Dies alles ist abhängig davon, was sie aus den Bluetooth-Lautsprechern am Rad zu hören bekommen. Die Audiodateien und damit auch das Geschehen steuert Ariel Doron, der sich in Sichtweite befindet, über sein Mobiltelefon. Als Handybenutzer fällt er nicht weiter auf. Es hängt viel an der Einschätzung des Künstlers, das Spiel von Anlocken, Abstoßen und Zurückholen ausreizen zu können. Einige werden nie erfahren, was ihnen entgangen ist. Apropos Buch – was beim individuellen Lesen passiert, entzieht sich der Öffentlichkeit. Nur so viel zum Inhalt: Es ist eventuell von einem Virus befallen und die einzelnen Seiten streiten untereinander. Sie wenden sich direkt an die*den Lesende*n: bitten um Mithilfe die Seiten zu entfernen, die angeblich infiziert sind. Kommt es zur Zerstörung? Schlummert die Gefahr bereits im Buch oder geht sie von den Lesenden aus? Hinten im Buch befindet sich eine E-Mail-Adresse unter der Ariel Doron erreicht werden kann zur „Gedankenmitteilung“, was man mit dem Buch und was die Aktion mit einem gemacht hat. – www.arieldoron.com

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