Ein Erneuerer der Szene. Tom Schillings Tanztheater an der Komischen Oper Berlin
Aus MA, 11.6.1993
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Assoziationen: Tom Schilling
Als Walter Felsenstein 1965 Tom Schilling als Chefchoreograph an die Komische Oper berief, hatte er die bestmögliche Wahl getroffen. Schilling, 1928 in Thüringen geboren, ausgebildet in Dessau, mit fünfundzwanzig bereits im ersten Choreographenvertrag, konnte zu dieser Zeit auf Erfolge als Tanzschöpfer in Dresden verweisen, wo er »Schwanensee« und »Die steinerne Blume« als DDR-Erstaufführungen, das Märchenballett »Die Nachtigall« als Uraufführung herausgebracht hatte. Gemeinsam mit der russischen Gastpädagogin Olga Lepeschinskaja stand vor ihm die Aufgabe, ein dem Felsensteinschen Programm realistischen Tanztheaters adäquates Konzept für seine Tanzkompanie zu finden und künstlerisch überzeugend umzusetzen. Schnell stellte sich heraus, daß Schilling dem Bemühen Felsensteins Musiktheaters um glaubwürdige, von innerer Wahrhaftigkeit getragene Vorgänge und Erzählweisen im Tanz etwas entgegenzuhalten hatte, Felsensteins Konzeption auf ein anderes Theatergenre erweiterte.
In rascher Folge entstanden Inszenierungen, die sich von den Niedlichkeiten, Artigkeiten und Unverbindlichkeiten landläufiger Ballettproduktionen abhoben, die Bezeichnung Tanztheater rechtfertigten und den Namen der Kompanie weithin bekannt machten. Eröffnete Schilling den Reigen seiner tanzdramatischen Schöpfungen 1966 mit Egks »Abraxas«, so gelangen ihm 1970 mit Henzes »Undine«, 1968 mit Prokofjews »Aschenbrödel«, 1972 mit »Romeo und Julia« nachhaltige Langzeiterfolge. Maßgeblichen Anteil daran hatte das Protagonistenpaar Hannelore Bey/Roland Gawlik, die einzigen Stars von internationaler Reputation, die das DDR-Ballett hervorgebracht hat. Sie...
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