Thüringen tanzt modern. Ballett in Plauen und Eisenach
Aus NZ, 11.5.1993
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Im Gegensatz zum Norden der neuen Bundesländer ist deren Süden überreichlich mit Ballettensembles gesegnet allein das Land Thüringen kann acht Kompanien vorweisen. Über Arbeitsbedingungen, Ambitionen und Angebote einiger Ensembles.
Plauens Ballett tanzt modernen Zeiten entgegen. Seit August hat die kleine Kompanie wieder eine Chefin: Mei-Hong Lin. Die Taiwanesin beschäftigte sich von Kind an mit klassisch-chinesischem Tanz. Eine Annonce führte sie eher per Zufall nach Plauen. Drei Wurzeln hat ihre Handschrift: chinesischen Tanz, Ballett und Moderne, alle drei, sagt sie, liebe sie und habe sie daher in einen dreigeteilten Kammertanzabend verflochten. Die ideeliche Anregung steuerte Europa bei: Saint-Exupérys »Kleiner Prinz«, daraus der Satz: »Man sieht nur mit dem Herzen gut.« Dieses »einfache Geheimnis« steht als Titel über dem gesamten Abend und bezeichnet dessen erstes Stück.
Auf dunkler Bühne entzündet jemand eine Kerze, begriffen als Licht der Hoffnung. Gestalten schimmern in der Dunkelheit auf, verlebendigen sich. Ob rüdes Tangoduo, junges Paar oder zwei Frauen, alle können zueinander nicht finden. Atemreiche Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, Kontraktionen, organische Armschwünge, angstvolle Läufe, groteske Hebefiguren, Schrei und Wortpassagen bezieht die Choreographin in die Kreation ein, die italienischen Tango und Webern-Streichquartett nutzt. Den Zuschauern verlangt sie im Deuten der tänzerisch-gestischen Angebote und szenischen Metaphern einige...
















