Auftritt
Staatsballett Berlin: Ort magischer Anarchie
„Ein Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare – Konzept, Libretto und Choreografie Edward Clug, Musik Milko Lazar, Bühne Marko Japelj, Kostüme Leo Kulaš, Video Rok Predin, Musikalische Leitung Victorien Vanoosten
Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Tanz Edward Clug Staatsballett Berlin

Man möge sich verzaubern lassen und ins Ballett verlieben, so der Wunsch von Dramaturgie und Marketing des Berliner Staatsballetts für diesen „Sommernachtstraum“ nach dem Shakespeare-Klassiker von Edward Clug mit einer Neukomposition von Miko Lazar.
Rund 50 Jahre nach John Neumeiers Erfolgsballett in Hamburg gelingt in Berlin eine Neuinterpretation, die modern und elegant in Tanz und Darstellung ist und darüber hinaus effizient und unterhaltsam erzählt.
Die als Auftragswerk neukomponierte Musik gespielt vom Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Victorien Vanoosten ist stark rhythmisiert, iteriert Muster und Motive, teils minimalistisch und reduziert, teils als emotionales Schmiermittel der ebenso verworrenen wie allseits bekannten Handlung. Mal erinnert sie an Philipp Glass, mal ist sie nur Waldgeräusch und schafft dabei etwas völlig Neues und Eigenständiges.
Die Adaption eines so komplexen, wortreichen Textes in ein Ballett wird neben der Musik durch die genaue Choreografie und Straffung möglich. Was bei Shakespeare wortreich erklärt werden muss, kann hier in Bilder und Bewegung übersetzt werden.
Theseus und Hippolyta als griechisches Herrscherpaar wollen heiraten, ebenso sollen Hermia und Demetrius verheiratet werden. Hermia, die aber Lysander liebt und ihre Freundin Helena, die wiederum unglücklich in Demetrius verliebt ist, gelangen auf der Flucht vor dem athenischen, antiken Gesetz der arrangierten Ehe in einen Wald, in dem wiederum eine Gruppe Handwerker die Aufführung von „Pyramus und Thisbe“ für die Hochzeit probt und das Elfenpaar Oberon und Titania streiten.
Hier greift die Natur als magisches Element ein und Puck stiftet mittels eines Zaubertranks Liebesverwirrung und magische Anarchie. So weit, so bekannt. Herausragend körperlich wie künstlerisch ist Leroy Mokgatle als Puck. Ausdrucksstark, präzise und gleichzeitig verspielt gelingt die Figurenanlage scheinbar mühelos in einem rosafarbenen Bodysuit mit herzförmigen Cut-Outs. Auch in den zahlreichen genau und unterhaltsam choreografierten Duetten mit Oberon oder im Chor mit den anderen Elfen kann Mokgatle überzeugen.
Edward Clug gelingt es, mittels verschiedener inszenatorischer und künstlerischer Verfahren, einen gleichsam modernen wie sinnlichen Ballettabend zu erzählen. Beziehungen und Konstellationen können mit kleinen szenischen Elementen pointiert deutlich werden. Die Handwerker dürfen durch Pantomime mit Übertiteln Lacher liefern und die belebte Natur des magischen Waldes wird durch den Ballettcorps zum Leben erweckt. Als lebendige Pflanzen in rot-zu-grün-Ombre mit Blätterhänden (Kostüme Leo Kulaš) liefert er eine Art organischen Linedance. Die belebte Natur wird Setting für traumhafte und surreale Theaterbilder. Neben Elementen des klassischen Balletts kommen auch artistische und zirzensische Elemente zum Tragen. Eine Choreografie mit einem Surfboard sowie ausschweifende Objektinteraktion mit dem Tisch, der die Szene der Handwerker markiert, sind technisch virtuos und einfallsreich.
Auf einer abstrakten Bühne (Marko Japelj), die einzig ein fahrbarer, schrägabfallender Felsen vor einem dunklen, halbrunden Horizont auf einer sonst leeren Fläche darstellt, entstehen dann vor allem in der zweiten Hälfte wahrhaft magische Bilder der Verwandlung. Nick Bottom (Ross Martinson) gelingt es, seine Eselverwandlung ausschließlich durch eine Eselskopf-Maske, ansonsten nur über seinen Körper zu erzählen. Theaterzauber, wie man ihn sich wünscht: Eine riesige Heuschrecke wird ihn nach der Lösung der Verwirrung und seiner Rückverwandlung wieder wecken.
Mensch und magische Natur kommen hier in einem traumhaften Wald zusammen, der Ort für Transformation und Surrealismus wird. Organische Formen wie Blattskelette, Brustpanzer und Hirschkäfergeweih finden Entsprechung in den schimmernden Kostümen von Titanias und Oberons Elfen.
Mit dem „Sommernachtstraum“ gelingt dem Staatsballett ein kurzweiliger und unterhaltsamer Abend mit Theatermagie – eine zeigemäße Adaption mit Potenzial zum Klassiker, wie es Neumeiers „Sommernachtstraum“ war.
Erschienen am 4.3.2025