Auftritt
Theater Bielefeld: Verloren im Rausch
„Der große Gatsby“ von Rebekka Kricheldorf nach F. Scott Fitzgerald – Inszenierung und Bühne Malte Kreutzfeld, Kostüme Sandra Maria Paluch, Musikalische Leitung Oliver Siegel, Choreografie Felix Berning
von Stefan Keim
Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Malte Kreutzfeldt Theater Bielefeld

Die Party läuft schon, als das Publikum den Saal betritt. Zwei geschwungene Treppen führen zur Band nach oben, eine Sängerin intoniert „Puttin on the Ritz“ und andere Jazzstandards. Ein großes Tanzensemble kombiniert Line Dances mit Paarhüpfen in Glitzerkostümen aus den zwanziger Jahren. Wir sind gleich mittendrin in einer der Partys, die der mysteriöse Jay Gatsby in seiner mondänen Villa schmeißt. Wer in den ersten Reihen sitzt, hat sogar Chancen auf eine Tüte Popcorn.
Es ist ein toller Einstieg in die stimmungsvolle und knackige Bühnenfassung eins der großen amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts. Rebekka Kricheldorf hat in ihrer Bearbeitung dafür gesorgt, dass nicht nur verletzte Männerseelen im Zentrum stehen. Die meisten Frauen sind zwar Projektionsflächen erotischer Begierden und machen das Spiel auch mit. Aber sie tun es aus eigenem Antrieb, versuchen ihre Vorteile daraus zu ziehen, reißen an sich, was sie können, voller Lebensgier und Lüsternheit.
Ein junger Mann ergreift das Wort. „Nein, ich bin nicht der große Gatsby“, sagt er. Es ist Nick, der Erzähler, der ein viel kleineres, viel bescheideneres Haus direkt neben der Villa gemietet hat. Er will seine Cousine besuchen und gerät bald in den Bann des reichen Mannes. Mit all dem Luxus kann Nick zwar nichts anfangen, aber ihn fasziniert Gatsbys Lächeln, „ein Lächeln unendlicher Ermutigung“, in dem er sich verstanden fühlt. Zwischen den beiden entsteht eine seltsame aber tiefgreifende Männerfreundschaft .
Rebekka Kricheldorf hat viele stilistische Schönheiten von F. Scott Fitzgeralds umwerfender Sprache in den Erzählertexten bewahrt. Jan Hille schafft Momente des poetischen Innehaltens und gleichzeitig Teil des ebenso erotischen wie verzweifelten Rausches. Nicks Cousine Daisy und Gatsby lieben sich seit ihrer Jugend, aber sie hat die dumpfnussige und rassistische Sportkanone Tom (Lukas Graser) geheiratet. Das Wiedersehen mit Gatsby wird zu einer der schönsten Liebesszenen, die ich seit Jahren im Theater gesehen habe. Zwischen Gesa Schermuly als Daisy und Simon Heinle als Gatsby brennt wahrhaftig die Luft, sie spielen miteinander, entwickeln eine herrliche Leichtigkeit und Freiheit, immer begleitet von der Live-Band. Man würde sich kaum wundern, wenn sie nun einfach wegschweben. Aber Nick schickt uns in die Pause.
Danach kommt es zu den Tragödien, die im Roman erzählt werden. Niemand kann sich aus den Verstrickungen lösen, Eifersucht, Scham und Wut führen zu Morden und Selbstmorden. Das emotionale Zentrum der Aufführung ist Leona Grundig als Myrtle, Frau eines Automonteurs, die sich mit Sex ihre Träume erfüllen will. Vor ihrem Herz bricht das Nasenbein, und man wünscht sich, dass sie die Stärke findet, dennoch zu überleben und mit dem erbeuteten Glitzerkram ein neues Leben anzufangen. Hat sie aber nicht, die wilde und mitreißende Leidenschaft ist am Ende verbraucht.
Das überragende Ensemble wechselt virtuos zwischen feinsinnigem psychologischem Spiel und überdrehten, explosiven Szenen. Choreograph Felix Berning findet immer wieder zu witzigen Bildern. Da steht die ganze Tanzgruppe in Schwarz bei einer rasenden Autofahrt hinter den Spielenden, hebt Nick in den Kurven aus dem Sitz, der Arm einer Frau wird zu seinem Sicherheitsgurt.
Bei aller szenischen Kreativität bleibt immer ein grundlegendes Gefühl der Verlorenheit spürbar. Das ist der Kern des Romans, den Regisseur und Bühnenbildner Malte Kreutzfeld ausgezeichnet herausarbeitet. Es braucht keine Holzhammer-Verweise, um ein heutiges Lebensgefühl kenntlich zu machen. „Der große Gatsby“ steht für ein System der Verlockungen und Verführungen, für die Raserei des Augenblicks, die niemanden auf Dauer glücklich macht. Aber Jay Gatsby ist auch ein Mensch, nach dessen Liebe und Freundschaft sich nicht nur Daisy und Nick sehnen. Und der dann doch zu sehr in der Eigenliebe versunken ist.
So geht es in dieser rauschhaften, musikalisch wie optisch opulenten Aufführung im Grunde um die Einsamkeit. Die Protzpartys des großen Gatsby bieten zwar keine Lösung. Aber das lustvolle Spiel des Ensembles haut das Publikum von den Sitzen. Jubeln verbindet.
Erschienen am 25.3.2025