Von tragischer AktualitätMagdeburg: »Der Bonvivant«
Aus TdZ 9/1991
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Hatte Peter Tornew 1989 mit der »Berliner Antigone« einen tragischen Stoff auf Magdeburgs Bühne gebracht, entwarf er als residenter Choreograph mit lockerer Hand eine Ballettkomödie als Uraufführung: »Der Bonvivant oder Die Schicksalsperücken«. Daß ihr Entstehungsprozeß eine Zäsur von schmerzhafter Tragik erfuhr, bedeutete für Ensemble und Leitung eine psychische Zerreißprobe. Dabei liegt dem Stück mit Nestroys Posse »Der Talisman« (1840) ein heiteres Sujet zugrunde. Bernd Köllinger hatte daraus ein vieraktiges Libretto mit rund 20 Bildern geformt, das Tornew den Möglichkeiten seines Hauses anpaßte. Denn nach dem Ausbrennen des Bühnenraumes steht als Spielfläche nur die vergrößerte Vorbühne zur Verfügung, ohne Züge und mit wenigen Scheinwerferbrücken. Deshalb führt der Choreograph die Gestalt Nestroys als maître de plaisir ein, der den Darstellern anteilnehmend und umzugüberbrückend assistiert. Auf vergnügliche Weise menschliche Intoleranz zu attackieren ist Anliegen der Autoren. Der Laufbursche Titus wird von Meister Ballerini, einem weltfremd exaltierten Nur-Künstler, als große Tanzbegabung entdeckt, stößt infolge seines feuerroten Haars bei der Gesellschaft auf heftige Ablehnung. Ähnliches widerfährt der rothaarigen Gänsemagd Salome. Zwei Perücken verschaffen Titus Reputation: Dank dreier liebestoller Gönnerinnen avanciert er zu Gärtner, Leibförster und Tanzpartner einer vorurteilsfreien adligen Kunstdilettantin. Als der eifersüchtelnde Perückenmacher den Makel bei Hof entlarvt, muß Titus...
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