Theater der Zeit

Auftritt

Münchner Volkstheater: Die Welt in Schräglage

„Pioniere in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer – Regie Lucia Bihler, Bühne Jessica Rockstroh, Kostüme Laura Kirst, Musik Fabian Kalker, Choreografie Mats Süthoff, Paulina Alpen

von Anne Fritsch

Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Lucia Bihler Münchner Volkstheater

„Eine Liebe muss keine dabei sein“: Lena Brückner und Nils Karsten in „Pioniere in Ingolstadt“ in der Regie von Lucia Bihler. Foto Marcella Ruiz Cruz
So aktuell wie vor 100 Jahren: Lena Brückner und Nils Karsten in „Pioniere in Ingolstadt“ in der Regie von Lucia BihlerFoto: Marcella Ruiz Cruz

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In diesem Ingolstadt, das Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh da im Münchner Volkstheater entworfen hat, ist nicht gerade viel geboten. Ein leeres gelbes Podest. Sonst nichts. An der Kante sitzen die Schauspielerinnen Lena Brückner und Henriette Nagel, lassen ihre Beine pendeln und langweilen sich ganz offensichtlich. Wenn Brückner dann das Volkslied „In Ingolstadt ist zünftig“ aus Marieluise Fleißers Stück „Fegefeuer in Ingolstadt“ anstimmt, und Nagel mitsingt, weil es halt nichts anderes zu tun gibt, ist das ein umwerfend trostloser Einstieg in einen Abend, der noch deutlich an Fahrt aufnehmen wird.

Die Regisseurin Lucia Bihler hat am Münchner Volkstheater Fleißers „Pioniere in Ingolstadt“ inszeniert, jenes Stück, das die Autorin fast ein Leben lang umtrieb: Die erste Fassung entstand 1928, weitere 1929 und 1968. Und Bihler bleibt komplett im Kosmos der Autorin, selbst im anfangs zitierten Lied. Und es ist beinahe erschreckend, dass es gar keine Aktualisierung braucht, um diesen Text sehr nah an uns zu holen. Die Sprache von Marieluise Fleißer ist so hart wie die Zeit, aus der sie hervorgegangen ist. Die Kostüme von Laura Kirst sind expressiv, zitieren die 1920er Jahre und heben sie gleichzeitig ins Zeitlos-Abstrakte.

Da sitzen also diese beiden Dienstmädchen, Berta und Alma, und in wenigen Augenblicken ist zweierlei klar: Das Leben war nicht gut zu ihnen. Und: Es wird nicht besser werden. Nun tauchen am hinteren Rand des Podests die Pioniere auf: eine ganze Reihe von Männern, mit Fahne und Trommeln. Eine Übermacht. Ein imposanter Auftritt. Und für die gelangweilten Mädchen eine Faszination.

Jene Pioniere, von denen Marieluise Fleißer in ihrem Stück „Pioniere in Ingolstadt“ schreibt, kamen 1926 in die bayerische Stadt, um eine Brücke zu bauen. Bis heute führt der (inzwischen erneuerte) Holzsteg über den Künettegraben zwischen Altstadt und Westviertel. Die Ingolstädterin Fleißer beschreibt in ihrem Stück nun vor allem, was die Soldaten so trieben, wenn sie nicht gerade arbeiteten, und entwirft das Porträt einer Gesellschaft, die geprägt ist von Autorität und patriarchalen Strukturen. Einer Welt, in der sich der Stärkere nimmt, was er will, und der Schwächere sich unterzuordnen hat. Ganz unten in dieser Machtordnung stehen die Frauen. Man könnte sagen: Es ist eine Weltordnung, die gerade wieder stark im Kommen ist.

Lucia Bihler hat aus den verschiedenen Fassungen des Fleißer-Textes ein Kondensat geschaffen, das in knappen Szenen zeigt, wie hier alle mit ihren Sehnsüchten ringen, wie sie Nähe suchen und doch nur Ablehnung finden. Mit wenig Worten und viel Körperlichkeit erzählen die durchweg starken Schauspieler:innen eine Geschichte, die 100 Jahre alt ist und doch in vieler Hinsicht zeitlos. In einer präzisen Choreografie der Grenzüberschreitungen macht Bihler die Mechanismen der Macht und Ohnmacht sichtbar und das, was sie für die einzelnen bedeuten. Wenn da Jonathan Müller als harscher Feldwebel den Pionier Karl im Bierzelt demütigt, weil er einen Schlag bei der Berta hat, auf die auch er selbst ein Auge geworfen hat, ist das von einer Kälte, die einem klar macht, warum der Karl ist, wie er ist. Denn Karl stößt wiederum die Berta von sich und gibt die Härte weiter, die er selbst erfährt. Die Szenen zwischen Julian Gutmann und Henriette Nagel, ihr Kämpfen um seine Zuneigung, sein Kämpfen gegen die eigenen Gefühle, sind die intensivsten an diesem Abend. „Ich bin nicht wie die anderen“, sagt sie zu ihm. „Ich bin wie die anderen“, erwidert er.

Denn was aus einem Mann wird, der anders ist, das erfährt er jeden Tag. Der Fabian zum Beispiel, der Sohn von Bertas Arbeitgeber, ist so einer: einer, der weich ist und in der Liebe nicht „kalt“ sein will. Einer, der bei den Frauen nicht ankommt und von den Männern gequält wird. Nils Karsten spielt ihn mit einer Zartheit, für die in diesem Umfeld kein Platz ist. Es ist erschreckend zu sehen, wie die Pioniere, die sich im Dienst komplett unterwerfen müssen, in ihrer Freizeit die eigene Ohnmacht in Macht über Schwächere ummünzen. Hier gilt: Eine Frau soll spüren, „dass man sie in der Gewalt hat“. Die Mädchen werden gepackt und angefasst und zurechtgebogen. Versuche der Solidarisierung laufen ins Nichts. Je größer der Druck auf die einzelnen wird, desto mehr hebt sich die Spielfläche. Sie wird zunehmend steiler, die Figuren verlieren den Halt. Der Feldwebel lässt seine Untergebenen beim Brückenbau wie Sisyphosse den Hang hochkriechen, wieder und wieder. Und man darf sie sich wahrlich nicht als glückliche Menschen vorstellen.

Am Ende werden die Pioniere weiterziehen. Der Karl wird der Berta ihre Illusionen geraubt haben, sie benutzt und zurückgelassen haben wie „einen Fetzen“. Sie wird ihm diese Worte gesagt haben, die eigentlich alles sagen: „Wir haben was ausgelassen, das wichtig ist. Die Liebe haben wir ausgelassen.“ Ihm wird es egal gewesen sein: „Eine Liebe muss keine dabei sein“, wird er gesagt und es vielleicht sogar geglaubt haben. Die beiden Frauen, Alma und Berta, hängen an dem nun aufgestellten Podest wie in einer Steilwand, die eine hält sich an den Füßen der anderen. Unter ihnen: ein Abgrund. 1926 wie heute ist die Welt in Schräglage geraten. Es ist an uns, sie zurechtzurücken.

Erschienen am 23.1.2026

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