Theater der Zeit

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Auftritt

Theater Magdeburg: Sich dem Übergroßen stellen

„Wolf“ von Saša Stanišić in einer Fassung von Clara Weyde und Bastian Losché (UA) – Regie Clara Weyde, Bühne Katharina Philipp, Kostüm Clemens Leander, Musik Thomas Leboeg

von Nathalie Eckstein

Assoziationen: Sachsen-Anhalt Theaterkritiken Thomas Leboeg Clara Weyde Theater Magdeburg

Philipp Kronenberg hält als Kemi die Fäden in der Uraufführung von „Wolf“ zusammen. Foto Gianmarco Bresadola
Philipp Kronenberg hält als Kemi die Fäden in der Uraufführung von „Wolf“ zusammenFoto: Gianmarco Bresadola

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Der Wolf ist zurück. Jedenfalls im Mehrbettzimmer im Ferienlager, in das Kemi (Philipp Kronenberg) gegen seinen Willen von Mutter gesteckt wurde – in den Wald nach Brandenburg. Nicht noch ein Stück über Wald, könnte man denken, hat das Thema doch gerade, naheliegenderweise, im Theater Konjunktur. Doch es geht um etwas Anderes in Saša Stanišićs erstem Kinderbuch, mit dessen Text die Leitung des Schauspiels am Theater Magdeburg (Clara Weyde, Clemens Leander und Bastian Lomsché) die Spielzeit eröffnet.

Das Ferienlager ist auf der Bühne, einem flachen Pool, gefüllt mit Wasser, schnell aufgebaut. Ein paar Holzscheite bilden ein Feuer, zwei Bänke, das reicht. Die Teamer des Camps stellen sich vor, natürlich einer mit einer Ukulele (naheliegenderweise spielt die Musik auch mit dem Thema der elektronisch verfremdeten Gitarrenmusik). Damit bleibt die Bühne auch flexibel für Umbauten, um Kulisse zu sein für ein Zimmer, für einen Wald, für einen Kletterpark. Das Bühnenelement des Wassers zeigt das Ausgeliefertsein der Figuren. Nicht aber an die Natur – sondern aneinander. Denn, das wird hier deutlich: Der Mensch ist dem Menschen Wolf.

Kemi, der Bäume nur als Schrank super findet und sich eigentlich nur über gute Bücher und ETFs unterhalten möchte, ist ein Klugscheißer. Er redet zu viel, er beschwert sich, er weiß alles besser. Er wäre das Mobbingopfer der Gruppe, wie er selbst sagt, wenn da nicht Jörg (Lorenz Krieger) wäre. Was Kemi klarstellt: Es gibt nichts Eigentliches, das ein Kind zum Opfer macht. Es sind die anderen, die ihn „andersiger“, wie es im Text heißt, machen. Überhaupt – der Text ist klug, witzig, sprachlich spielerisch. Im Wort „Dickicht“ glaubt Kemi schon, die Zecken mit den Zungen schnalzen zu hören.

Philipp Kronenbergs Kemi ist ein kluges Kind, er spielt ihn entschieden, er hält auf der Bühne alle Fäden zusammen. Was Kemi auch ist: ein unzuverlässiger Erzähler. Nicht nur trifft er seiner Erzählung nach einen Hirsch im Wald, der Dietmar heißt und eine Mailadresse hat, auch wird der Koch (Bettina Schneider) zum Raubtier. Das Publikum erlebt alles aus Kemis Perspektive. Wie Marko (Anton Andreew), der Rabauke der Klasse, Jörg demütigt, seinen gefangenen Schmetterling zerschlägt – und, das Schlimmste, den Rucksack zerstört, den Jörg von seinem Vater bekommen hat, auf dem er Wanderabzeichen der Berge, die sie gemeinsam bestiegen haben, sammelt. Jörg leidet kaum darunter, Lorenz Krieger spielt ihn zart, schillernd. Immer wieder würde Kemi gern eingreifen, helfen. Denkt sich alternative Enden aus, in denen er nicht nur zusieht, sondern Jörg hilft und die beiden richtige Freunde werden – Außenseiter, die zusammenhalten wie in „Tschick“, das Kemi im Ferienlager liest. Und „Tschick“ muss auch als eine Anleihe gelesen werden, die hier ausgestellt wird – auch hier, die Weisheit des Textes, dem die Inszenierung richtigerweise vertraut.

Die Kemi opponierten Figuren, sprich die Gruppe, werden inszenatorisch hervorgehoben. Kemi hasst Gruppen und Gruppenaktivitäten. Das Grundkostüm, das alle außer Philipp Kronenberg tragen, ist identisch, lässt die Schauspieler:innen wechselnd die Teamer oder die Klassenkameradinnen werden und immer wieder auch chorisch sprechen oder Rollen verteilen. Monologisiert nach vorn wird wenig, wenn, dann von Kemi, wenn, dann gelungen. Details des Kostüms bergen immer wieder ein Schmunzeln, wie das hautfarbene Shirt des Kochs, auf das Tattoos gemalt sind oder die aufgeklebte Halbglatze unter anderem von Teamer Pietrisch (Sophia Vogel).

Als dann nachts der Wolf ins Zimmer kommt, sieht man nur seine Augen. Leuchtend und orange. Es bleibt unklar, ob Kemi träumt oder ob er wirklich da ist, doch Jörg scheint ihn auch gesehen zu haben. Der Wolf ist das Übergroße, das Problem, das zu groß für ein Kind ist. Das, das allein nicht zu bewältigen ist, der Klimawandel, das Mobbing. Angesprochen auf das Mobbing in der Gruppe reagieren die Teamer dementsprechend auch mit Überforderung. Eine Lösung muss her.

Wird das Ende auch etwas pädagogisch, zeigt das Schauspiel Magdeburg doch, wie humorvoll, klug und empowernd Theater für Kinder und Jugendliche sein kann. Welche Möglichkeiten es geben kann, sich etwas zu stellen, das zunächst eine Überforderung bedeutet. Der Applaus am Ende bricht nicht ab.

 

Erschienen am 12.9.2023

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