Theater der Zeit

Auftritt

Schauspielhaus Bochum: Ekstatische Rückkehr ins Leben

„Trauer ist das Ding mit Federn“ von Max Porter – Regie Christopher Rüping, Bühne Peter Baur, Kostüme Lena Schwind, Musik Jonas Holle, Videodesign Jasmin Kruezi

von Stefan Keim

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Christopher Rüping Schauspielhaus Bochum

Risto Kübar und Anna Drexler in „Trauer ist das Ding mit Federn“ in der Regie von Christopher Rüping am Schauspielhaus Bochum. Foto Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Risto Kübar und Anna Drexler in „Trauer ist das Ding mit Federn“ in der Regie von Christopher Rüping am Schauspielhaus BochumFoto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

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Ein Stuhl, eine Videokamera, eine Leinwand. Am Anfang ist die Bühne leer und karg. Eine Frau ist überraschend gestorben, Mutter von zwei Kindern. Ihr Ehemann blickt in die Kamera, sein Gesicht erscheint vergrößert. Er ist geschockt, die Augen sind leer, kaum eine Regung zeigt sich. Die Worte liegen ihm fremd im Mund. Das ist immer so, wenn der aus Estland stammende Risto Kübar spielt, er hat oft einen seltsamen Singsang in der Sprache, was manchmal nervt und manchmal fasziniert. Hier passt es perfekt zur Geschichte eines Mannes, dem das Leben völlig entzweigebrochen ist. Christopher Rüping hat das vor neun Jahren erschienene Buch „Trauer ist das Ding mit Federn“ des britischen Autors Max Porter am Bochumer Schauspielhaus inszeniert.

Der Text wirkt beim Lesen mehr wie ein Theaterstück als manche direkt für die Bühne verfassten Werke. Porter wechselt die Rollen, schreibt Monologe, Dialoge, der Text oszilliert zwischen Langgedicht, Essay und Roman. In Christopher Rüpings Inszenierung wird die Musik lauter, die Bühnenhinterwand hebt sich, und aus Nebel und Vogelgeschrei betritt der Star des Abends die Bühne: eine Krähe. Sie kann sprechen, singen, hat eine neue Platte über die Trauer aufgenommen, aus der sie uns gleich eine Kostprobe um die Ohren donnert. Die fantastische Anna Drexler singt, spricht, kräht, gibt die Therapeutin und die Trauer-Comedienne, nimmt direkten Kontakt mit dem Publikum auf, provoziert und flirtet.

In Inszenierungen Christopher Rüpings weiß das Publikum oft nicht, was im nächsten Moment passiert. Man kann es sich nie in einer Stimmung bequem machen. Deshalb herrscht ab hier Spoilerwarnung. Wer sich diesen knallig-stillen, ruppig-zarten, extrem emotionalen Abend mit allem Überraschungspotenzial anschauen will, sollte erst nach Bochum fahren und danach hier weiterlesen.

Ein blaues Kuscheltier kommt auf die Bühne, eine Art dämonischer Widergänger der verstorbenen Mutter. Krähe darf sie nicht an die trauernde Familie heranlassen und sie tut Krähendinge, sie hackt los. Nun entbrennt ein Kampf zwischen den überwältigenden Schauspielerinnen Anna Drexler und Anne Rietmeijer, der mit den wildesten Volksbühnenexplosionen bei Schlingensief und Castorf locker mithalten kann. Blutend liegt der Dämon am Boden, schlägt erst die Augen auf, dann auf die Krähe ein. Die beiden verlassen die Bühne, in einem Video sieht man, wie sie Büros im Schauspielhaus zerlegen, sich auf dem Dach Torten ins Gesicht klatschen, während sie schon wieder in einem hemmungslosen Fechtkampf zurück auf die Bühne taumeln. Ein Splattergematsche mit Verstörungsqualität, wie es lange nicht mehr zu sehen war. Am Ende ist die Bühne voller Blut, Kotze und Federn – yeah, der Mutterdämon ist erledigt, Krähe triumphiert.

Dann wird es wieder stiller, textkonzentrierter, auch Jing Xiang und Alexander Wertmann als die beiden Kinder haben einige berührende Auftritte. Es ist ein langer, harter Weg, wieder ins Leben zurückzufinden. Es gelingt, Krähe kann gehen. Aber sie will gar nicht weg, sie hat sich daran gewöhnt, Teil der Familie zu sein, kann nicht loslassen. Muss sie aber, der Job ist erledigt. Am Ende fliegen – durch eine große Windmaschine geblasen – unendlich viele schwarze Federn über die Bühne. Es wirkt, als ob hier die Asche der Mutter verstreut wird, und die Krähe ihren Körper dafür zur Verfügung stellt. Jetzt kann Anne Rietmeijer als Mutter auftreten, sie ist keine Bedrohung mehr und noch eine liebevolle, leise Rede halten. Menschen können heilen, alles ist gut. Und Krähe steht hinten im Schatten. Ein großartiger Theaterabend voller Leichtigkeit und Schwermut, mit krassen Bildern und tief empfundener Zärtlichkeit. Ein Ereignis.

Erschienen am 18.3.2024

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