Report
Windungen und Vertiefungen
Yana Ross und Tobias Rott inszenieren in Hamburg und Bremerhaven „Die Möwe“ in zeitgenössischen Tschechow-Tönen
von Jens Fischer
Assoziationen: Theaterkritiken Niedersachsen Hamburg Yana Ross Schauspielhaus Hamburg Stadttheater Bremerhaven

Weinen in Leinen zwischen Birkengehölz, während in der Datscha schon der Samowar blubbert und auch Wodka zum Seelenwärmen bereitsteht. Tschechows Dramen laden ein zum gemütlichen Traurigsein. So wurde „Die Möwe“ noch Ende des 20. Jahrhunderts gern als Geschichte der erfolglosen Sinnsuche einer saturierten, erstarrten Gesellschaft triefend melancholisch serviert – zum emotionalen Hineinfläzen. Zu ignorieren galt es, dass die verschrobenen Sehnsuchtssklav:innen des Stückes unterm Leidens- und Erfolgsdruck unerwiderter Liebe und unerfüllter Träume einander ins Verderben treiben. Was jüngere Regisseur:innen zu Abrechnung mit dem selbstverschuldeten Elend animierte, inszeniert als die vom Autor gewünschte Satire. In unseren Tagen bringen Theater gern beides zusammen, das Leiden am ungelebten Leben und das Lachen darüber. Im Trend liegen bittere, ins Tragische lappende Komödien der ideologischen Obdachlosigkeit heutiger Ichlinge. Wie positioniert sich dazu das im knappen Abseits zeitgenössischen Theatermachens überleben wollende Stadttheater Bremerhaven (Regie Tobias Rott) im Vergleich zum Prunkpalast der Theaterkunst in Deutschlands Norden, dem Schauspielhaus in Hamburg (Regie Yana Ross)?
Ironie da und dort
Die Atmosphäre könnte unterschiedlicher kaum sein beim Besuch der jeweils auf die Premiere folgenden Vorstellung. In Bremerhaven wirken gut 150 Besucher:innen mangels vorfreudigem Gewusel im weitläufigen Foyer etwas verunsichert und verlieren sich dann in lockerer Schüttung auf den 685 Plätzen des...



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