Theater der Zeit

Auftritt

Maxim Gorki Theater: Pygmalion in Yeezys

„I’ am a girl you can hold IRL“ von Zelal Yeşilyurt (UA) – Regie Zelal Yeşilyurt, Bühne Hyun Vin Kaspers, Kostüme Elin Laut, Musik Fee Aviv Dubois

von Nathalie Eckstein

Assoziationen: Theaterkritiken Berlin Dossier: Digitales Theater Zelal Yeşilyurt Maxim Gorki Theater

Eine gar nicht so futuristische Adaption von Ovids Pygmalion-Mythos: Sofia Iordanskaya in „i'm a girl you can hold IRL“ von Zelal Yeşilyurt am Maxim Gorki Theater Berlin.
Eine gar nicht so futuristische Adaption von Ovids Pygmalion-Mythos: Sofia Iordanskaya in „i'm a girl you can hold IRL“ von Zelal Yeşilyurt am Maxim Gorki Theater Berlin.Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

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Pygmalion ist ein Unsympath. Selbstmitleidig bedauert er sich im Dialog mit seiner selbst entwickelten Assistant KI Eve (sprich Eva, also der ersten Frau, der Frau überhaupt), die für ihn einkauft, seine Körperfunktionen misst und überwacht, auf seine Gesundheit und seine Ernährung achtet und Tätigkeiten im Haushalt übernimmt. Ein Care-Bot. Seine Freundin hat ihn verlassen, sie ist, wie er sagt, „der angeschwemmte Wal an der Küste seines Herzens“. Dieser Satz ist ein Highlight des Textes von Zelal Yeşilyurts „I’m a girl you can hold IRL“, den sie selbst im Studio R des Maxim Gorki Theater inszeniert hat.

In einer gar nicht so futuristischen Adaption von Ovids Pygmalion-Mythos, in dem der von Frauen enttäuschte und frustrierte Pygmalion (heute wahrscheinlich ein INCEL) die Göttin Venus darum bittet, seine elfenbeinfarbene Statue zum Leben zu erwecken, baut dieser Pygmalion (Tim Freudensprung) seine Galatea (Sofia Iordanskaya) nicht als Statue, sondern als weiblichen Roboter aus Plastik und Code. Ihren Körper entwirft er am Computer und entblößt dabei gleich seine sexistischen Vorstellungen und misogyn überformten Vorstellungen. Ihr Bewusstsein lädt er kurzerhand aus den Erinnerungen an seine Ex-Freundin auf einem USB-Stick hoch.

Er wird eine Art dudiger Frankenstein in den Adidas-Gummischuhen „Yeezys“ im Zeitalter des Internets. Als sein neues Geschöpf fertig ist, hebt sich langsam der Deckel des weißglänzenden Sarkophags in der Mitte der Bühne nach oben. Unter Plastik liegt sie darin. Mittels einer Livecam (der dinggewordene male gaze in dieser Inszenierung) filmt er, was man als so als unboxing-Video einer Sexpuppe auf Youtube finden könnte.

Großartig ist Galateas Kostüm (Kostüme Elin Laut): Ein enganliegender Bodysuit, darüber ein weißer, knapper Strickrock, gestrickte Stulpten an den Händen, eine weiße Latexkapuze mit langen weißen Zöpfen und über dem Bodysuit zentimeterlange Fingernägel (Nail Art Polly Warns). Das Kostüm changiert an der Grenze zwischen Realität und Künstlichkeit und greift so das zentrale Thema der Inszenierung auf.

Der Abend kreist ästhetisch um diese Frage, denn das, was den Realitätsstatus der künstlich erschaffenen Frau infrage stellt, ist nicht (nur) ihre eigene Künstlichkeit, sondern vor allem Pygmalions Narzissmus. Anstatt sich mit der Realität der Frau vor sich auseinanderzusetzen, verfängt er sich in seinen eigenen Vorstellungen von Frauen.

Der Text von Zelal Yeşilyurt nimmt den Pygmalion-Mythos als ein Medium, um unseren misogynen Gebrauch von Künstlicher Intelligenz, die uns im Alltag unterstützt, sichtbar zu machen. Siri, Alexa – sie alle sind weiblich. Dabei versucht der Text jedoch, möglich relatable zu sein, versucht das mal über Pathos und mal über die ironische Verwendung popkultureller Referenzen: dass nichts mehr joy sparkt, seitdem seine Freundin ihn verlassen hat, lässt die Regisseurin diesen Pygmalion sagen. Dass er niemanden lieben kann, bevor er sich selbst liebt, sagt er später. Pygmalion kontrolliert und manipuliert die Frauen in seinem Leben. Das zeigt sich nicht nur aus der Rückschau auf die vergangene Beziehung, die Eve mit Galatea in einem Moment weiblicher Solidarität teilt, sondern auch in der Beziehung zu Galatea, die als selbstlernende KI zunehmend Selbstbewusstsein entwickelt und schwierigere Fragen stellt (eine eigene Identitätskrise miteingeschlossen). Zunächst gelingt das, sie stellt die Fragen, die er möchte, ist angepasst, unerfahren, naiv. Pygmalion ist der Ex-Freund, den wir alle kennen (und sei es der einer Freundin), der die eigenen Vorstellungen seiner Freundin mehr liebt als den eigentlichen Menschen.

So muten Text und Inszenierung zwar zeitgenössisch an, können aber die Spannung nicht halten. Dass sich die Dynamik umkehren muss, ist klar, das passiert allerdings leider ohne Überraschungen oder besondere szenische Überhöhung. Alles, was rebellische Akte hätten werden können, verpuffen und plätschern ohne Richtung vor sich hin. Eve und Galatea verbünden sich, erproben weibliche Solidarität im Tanz, aber das ganze Potenzial, feministischer Deutung von Glitches beispielsweise, bleibt unausgeleuchtet.

Das junge Gen-Z-Team um Zelal Yeşilyurt zeigt sich als ästhetisch konsequent. Musik mit Autotune (Fee Aviv Dubois) – auch der titelgebende Song – (die bereits genannten Kostüme und eine cleane Bühne (Hyun Vin Kaspers), nur der weiße Quader und rollbare Plexiglasrahmen, auf denen der Robotiker Pygmalion seine Vorstellungen von Projektionen auf eine Frau angepinnt hat, das alles passt in eine nicht allzu ferne Zukunft aus Plastik und Code, in der dudes herumschlappen und toxische Praktiken einfach ins Digitale verlagern, ohne, dass sie und die daraus resultierenden Gefahren weniger real wären.

Erschienen am 3.4.2024

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