Theater der Zeit

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Auftritt

Staatsschauspiel Dresden: Vom Jäger zum Gejagten

„Die Jagd“ nach dem Film „Jagten“ von Thomas Vinterberg und Tobias Lindholm, für die Bühne adaptiert von David Farr– Regie Daniela Löffner, Bühne Fabian Wendling, Kostüm Katja Strohschneider, Musik und Sounddesign Matthias Erhard

von Dimi Theodoraki

Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Staatsschauspiel Dresden

Hans-Werner Leupelt, Sven Hönig, Raiko Küster und Nihan Kirmanoğlu in „Die Jagd“, Regie Daniela Löffner am Staatsschauspiel Dresden. Foto Sebastian Hoppe
Hans-Werner Leupelt, Sven Hönig, Raiko Küster und Nihan Kirmanoğlu in „Die Jagd“, Regie Daniela Löffner am Staatsschauspiel DresdenFoto: Sebastian Hoppe

Staatsschauspiel Dresden – Kleines Haus 1: Premiere. Freie Platzwahl. Die Bühne befindet sich in der Mitte des Raums, umschlossen von vier Seiten mit Sitzreihen. Auf dem Boden, in der Mitte des Saals, erwartet das Publikum ein Meer von Blättern. Ein Mann und drei kleine Mädchen spielen im Laub. Die Stimmung ist heiter. Dann: Musik. Die Blätter müssen weg; die Kinderschauspieler:innen schieben sie beiseite, plötzlich kommen mehr Menschen auf die Bühne …

Es ist nicht einfach, einen Film auf die Bühne zu bringen, besonders ein so dichtes Drehbuch fürs Theater anzupassen. Die Hausregisseurin Daniela Löffner hat sich entschieden, dieses „Risiko“ einzugehen und „Die Jagd“ von Thomas Vinterberg zu inszenieren. Vinterberg, einer der Begründer der Dogma-95-Filmbewegung, wurde durch den preisgekrönten Film „Festen“ (1998) bekannt. „Die Jagd“ (2012) sorgte für Aufsehen und wurde für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Der Protagonist Lucas, geschieden, ist Vater eines Teenagersohns. Sein Leben ändert sich dramatisch, als die Tochter seines besten Freundes, Clara, im Kindergarten, in dem auch Lucas arbeitet, ihn fälschlicherweise beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben. Lucas wird von der gesamten Dorfgemeinschaft verstoßen.

Das Drehbuch von Tobias Lindholm ist ausgezeichnet, denn es untersucht das Verhältnis von Plausibilität, Gerüchten und Wahrheit. Die Figur, die die Fäden der Geschichte hält, ist Clara, deren Unschuld für alle unbestreitbar ist. Dieser kleinen Engel, der zu Hause Probleme hat und sich von Lucas abgelehnt fühlt, überzeugt eine ganze Gemeinschaft. Niemand in dieser Gesellschaft sucht nach Beweisen. Niemand gibt dem bisher geliebten Vorbild-Kindergärtner die Chance, dass man ihm zuhört. Und plötzlich steht eine gewaltige Veränderung der Einheimischen vor ihm. Die Absurdität in all ihrer Pracht! Jeder findet die Gelegenheit, all seine verborgenen Spannungen, seine persönlichen Probleme und Komplexe, seine Wut über die Stagnation des Lebens in einer kleinen Gemeinde und die eigene Angst am Schwarzen Schaf, dem Sündenbock, auszulassen. Von diesem Moment an wird das ruhige Fahrwasser der Gesellschaft aufgewühlt. Die Anschuldigungen gegen Lucas geben den Einwohner:innen einen Grund, sich selbst besser zu fühlen.

Die Inszenierung dokumentiert die Phänomenologie des menschlichen Verhaltens in einer ausgewogenen Lesart durch die Regisseurin, die die verschiedenen Bedeutungsebenen des Grundthemas hervorhebt. Es handelt sich um realistisches Theater auf der Bühne, mit der Ausnahme eines großartigen Surrealismus-Moments, in dem Lucas in den Träumen der kleinen Gemeinde spukt. Jeder andere Erwachsene verwandelt sich in ein seltsames anderes Wesen, das sich unberechenbar verhält. Alptraumhaftes Element, schön beleuchtet, mit mesmerisierender Musik. Löffner bereichert klug die inszenatorische Atmosphäre und nutzt die Bühne bei der Präsentation der Szenen ohne klare Grenzen; sie entfalten sich gleichzeitig nebeneinander im selben Raum.
Das Schreien bei den Streit-Szenen hingegen ist nicht immer nötig und wirkt nicht überzeugend, wenn es nicht von der entsprechenden Gefühlslage begleitet wird.

Die Schauspieler:innen bilden ein gut aufeinander abgestimmtes Ensemble, das das Interesse des Publikums weckt. Wenn sie „Bunt sind schon die Wälder“ singen oder wenn die Kinder miteinander spielen, applaudiert das Publikum. Wie es die Dramaturgie verlangt, steht Lucas im Mittelpunkt, aber auch die kleine Clara. Der Hauptdarsteller Raiko Küster bleibt in seiner anspruchsvollen Rolle stark und gefestigt. Die Figur Clara kommt dem kleinen Mädchen im Film von Vinterberg sehr nahe und die kleine Schauspielerin spielt erstaunlich gut. Ein dritter beeindruckender interpretatorischer Pol der Aufführung ist die Präsenz von Willi Sellmann als Sohn, der alle Emotionen mit feinen Nuancen ausdrückt und die Wahrheit ohne Übertreibung darstellt. Für einen guten schauspielerischen Moment sorgt Sven Hönig, der Lucas’ Freund Theo spielt, als er ihn dazu bringt, seinen Fehler einzugestehen, ihm nicht zu glauben. Die Musik, die häufig gespielt wird (auch live), unterstreicht die Geschichte und kreiert eine besondere Stimmung. Das Bühnenbild funktioniert perfekt und ist dabei multi-funktionell: Die Holzplattform wird später zum Sockel für die Kirche, wo an Weinachten „Heilige Nacht“ von Mahalia Jackson gehört wird. Lucas gräbt schließlich im Boden, indem er die Bretter der Bühne öffnet: Es knarrt wortwörtlich und bildlich.

„Es ist besser, ein Auge zu haben als einen schlechten Namen“, sagt ein griechisches Sprichwort.  Man kann verherrlicht werden. Man kann so leicht an den Pranger gestellt werden. So einfach ist das. Die Macht des Pöbels, der geschlossenen Gesellschaft. Die Macht der Mundpropaganda. Oder auch das Bedürfnis, an etwas zu glauben, das vielen Zwecken dient. Verleumdungen können Arbeitsplätze, Familien und Menschen zerstören und, was am schlimmsten ist, Leben kosten. Der Mensch, ist immer noch das wildeste Geschöpf auf diesem Planeten, und die Brutalität, die ihn kennzeichnet, kommt unabhängig von seiner intellektuellen, kulturellen, politischen oder sozialen Entwicklung bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck. Der Rest sehen Sie auf der Bühne des Staatsschauspiels Dresden.

Erschienen am 6.6.2024

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