Theater der Zeit

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Editorial

Editorial

von Thomas Irmer

Erschienen in: Theater der Zeit: Überschreibungen des Kanons – Antike und Gegenwart – „Ajax“ von Thomas Freyer (01/2024)

Oliver Simon als Ajax im gleichnamigen Stück von Thomas Freyer in der Regie von Jan Gehler am Staatsschauspiel Dresden
Oliver Simon als Ajax im gleichnamigen Stück von Thomas Freyer in der Regie von Jan Gehler am Staatsschauspiel DresdenFoto: Sebastian Hoppe

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Wir leben schon lange in einer Zeit mit Bestenlisten. Die wichtigsten Romane des ZwanzigstenJahrhunderts, die besten hundert Filme, was man in Europa unbedingt gesehen haben muss oder die sieben schönsten Fußballhymnen aller Zeiten. Solche Listen können über Rangwerte in dem jeweiligen Bereich informieren, sind immer Anregung, ihre Unvollständigkeit zu diskutieren, – oder dürfen in einem höheren Sinn von Kultur als schlichte Konsumentenberatung eingeschätzt werden. In der Welt des Theaters sind solche Bestenlisten weniger bekannt. Zwar veröffentlicht der Deutsche Bühnenverein jährlich eine Aufstellung der am meisten gespielten Stücke nach einem rein statistischen Modell, aber das interessiert nur Zahlenfüchse oder Leute, die darin aktuelle Trends ab­lesen wollen, die für die Arbeit der Theater nicht viel bedeuten.

Interessanter ist da schon die Frage nach dem Kanon von Stücken im Theater. Gibt es ihn überhaupt? Und falls ja, wer oder was hat ihn wie festgelegt und wie verändert er sich? Das waren einige Überlegungen, als die Redaktion anlässlich des Symposions „Vergiftetes Erbe – Brauchen wir einen Kanon?“ an den Münchner Kammerspielen den Schwerpunkt dieses Heftes in längeren Diskussionen entwickelte.

Klar ist, das Theater bezieht sich immer wieder in den verschiedensten Techniken auf kanonische Stücke, orientiert sich aber nicht an einem als solchen aufgefassten Kanon, egal welcher Art und Bildung. Daher haben wir die drei Hauptbeiträge über den unterschiedlichen Umgang mit kanonischen Stücken – Pınar Karabulut von Seiten der Regie, Angelika Andrzejewski über Vermittlung von Klassikern in der Theaterpädagogik und Sivan Bin Yishai im Gespräch mit Lukas Bärfuss – mit „Überschreibungen des Kanons“ überschrieben. Leider ist die fantastische Performance von Sivan Ben Yishai aus ihrer Ibsen-Überschreibung „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ beim Münchner Symposion in gedruckter Form nicht darstellbar. Sie möge als Video- oder Audio-Datei des Auftritts dieser Autorin, ja, kanonisch werden.

Wer will, kann dem Thema der Überschreibungen und Neufassungen – das muss unscharf bleiben – in diesem Heft noch anderswo folgen. Peter Helling bilanziert Karin Beiers grandioses Hamburger Antiken-Projekt und mit Thomas Freyers „Ajax“ im Stückabdruck wird gleichfalls ein antiker Klassiker für die Gegenwart neu geschrieben. Aktuelle Kritiken und Berichte wie immer unter tdz.de.

Wir wünschen allen Leser:innen von Theater der Zeit ein gutes Jahr 2024!

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