Theater der Zeit

Auftritt

TOBS Solothurn: Die Weite des Meeres ist so pretty, man möchte sich übergeben

„Striptease“ und „Auf hoher See“ von Sławomir Mrożek – Inszenierung Basil Zecchinel (Auf hoher See) & Sophie Bischoff (Striptease), Bühnenbild und Kostüme: Lea Burkhalter, Dramaturgie Svea Haugwitz

von Anna Bertram

Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz Sophie Bischoff Basil Zecchinel TOBS

Zwei Regiestudierende inszenieren zwei Einakter von Sławomir Mrożek am TOBS Theater Solothurn: Striptease und Auf hoher See.
Zwei Regiestudierende inszenieren zwei Einakter von Sławomir Mrożek am TOBS Theater Solothurn: Striptease und Auf hoher See. Foto: Joel Schweizer

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Es beginnt mit einem Glitch: Das Audiosignal der anfänglichen Ansage für die Mobilnutzung während der Vorstellung knistert, das Licht flimmert und plötzlich sitzt das Publikum im Dunkeln. Die Welt ist ein wenig verrutscht. Irgendwo hinter der Bühne ein lautes Krachen und da – es fallen von den Bühnenseiten zwei Schauspieler auf die Bühne. Und so beginnt der erste Teil des Doppelabends der Einakter „Striptease“ und „Auf hoher See“ des Autors Sławomir Mrożek am Theater Solothurn. Das Publikum wird in „Striptease“, inszeniert von Sophie Bischoff, mit den beiden Charakteren in ein grün-weiß gestrichenes Zimmer geworfen, in eine surreale Metawelt ganz in der Ästhetik eines 3D-Illusionsmuseum. Wie eine Bühne auf der Bühne steht der Raum da und strahlt Kälte aus.

Nicht einmal die zwei Männer in identisch grauen Anzügen wissen, was sie in diesem Zimmer tun, wie sie dorthin gelangt sind, geschweige denn, wie sie rauskommen. Gefangen zwischen Verwirrung und Panik beraten sie über mögliche Aktion und Reaktion, Theorie und Praxis, Handlung und Verhandlung. Dabei wird alles nur noch schlimmer, insbesondere, als irgendwann eine undefinierbare Autorität erscheint und die Männer dazu bringt, nicht nur immer mehr Kleidungsstücke, sondern auch ihre Würde zu verlieren. Die Tatsache, dass die befehlende Instanz eine Hand in orangenem Plastikhandschuh ist und stumm Mandate erteilt, scheint die beiden dabei am wenigsten von allem zu irritieren. Absurd? Ja. Zwei graue Stühle stehen charakterlos im Raum herum, daneben hängt ein dunkles Bild an der Wand und zeigt eine funkelnde Nahaufnahme von Wasser. Ganz schön, eigentlich. Die Situation ist skurril und allen voran schwebt etwas Bedrohliches im Raum.

Auch die Kombination von Autor, Regie und Theaterort an diesem Abend ist erstmal ein unerwartetes Aufeinandertreffen. Der polnische Autor Sławomir Mrożek, der in den 1960ern aus dem sozialistischen Polen emigrierte schrieb seine Texte mehrheitlich im französischen Exil sowie in Mexiko. In der Schweizer Kleinstadt Solothurn wird er von zwei Schweizer Regieabgänger:innen der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin inszeniert, Sophie Bischoff und Basil Zecchinel. In anderen Worten: Ein vom autoritär politischen System biographisch geprägter Autor wird in der politisch neutral behaupteten Schweiz, die nicht an erster Stelle bekannt ist für ihr politisch aktivistisches Theater, von zwei Nachwuchsregiseur:innen inszeniert. Und das gute 50 Jahre nach Veröffentlichung der Werke. Diese Kombination geht unerwartet gut auf – ja vielleicht gerade deshalb, weil da so unterschiedliche und neue Parameter aufeinandertreffen und sich verbinden.

Mrożek war Dissident, sein Werk ist geprägt von der getriebenen Frage nach dem Handeln des Individuums unter Ideologie, nach Freiheit im Autoritarismus, nach den leisen und subtilen Mechanismen von Faschismus. Und in „Striptease“ scheitern die Männer. Sie werden sich nicht einig, wie mit der Situation umzugehen. Der eine verhält sich eher passiv, der andere aktivistisch— und es endet für beide mit einem Gefäß über dem Kopf. Sie verlassen letztlich den Raum in der Unfähigkeit zu Sehen. Und während man noch über diesen surrealen Raum staunt, entwickelt sich im zweiten Teil des Abends von Regisseur Basil Zecchinel die Bühne zu einer konkreteren Situation: Wir sind „Auf hoher See“. Drei Männer – zwei davon bereits auf der Bühne gesehen – stranden auf einer Insel ohne Essen und müssen entscheiden, wer von ihnen Dreien gegessen wird. Argumente fegen gegen Argumente, es wird Demokratie und Wahlkampf gespielt, das Spieltempo der Schauspieler ist markant und zügig. Es geht schließlich ums Leben, und schnell auch um Politik, Rhetorik und Korruption.

Das Komische funktioniert zusammen mit dem Politischen an diesem Abend. In all der Absurdität der Handlung finden sich immer wieder scharfe und klare Bilder, die ein Publikum von der Politik, von Medien, vielleicht von sich selbst kennt. Sie liegen zwischen Satire und schmerzhafter Realität: Verdorbene Allianzen, Vetternwirtschaft, blinder Gehorsam und die Kraft des vermeintlich Stärkeren. Das Beharren auf Macht. In all der Überspitzung, lustvoll und spielerisch verkörpert von Günter Baumann, Geronimo Hartig und Gabriel Noah Maurer, liegt eine politische Kraft und Kritik.

Und weiter ist da die Szenographie von Lea Burkhalter, die wie eine eigene Figur den Abend mit erzählt. Die Bühne von „Auf hoher See“ betont nichts Realistisches, sondern viel mehr das Konstruierte der Welt. Podesterie und Wand – wieder eine Bühne auf der Bühne – sind überklebt mit Folie endloser, sanfter Wellen, in denen sich warm das Sonnenlicht spiegelt. Die Schönheit der Weite und das goldene Licht sind so amazingly pretty, man möchte sich fast übergeben. Dazu ein antiker Tisch mit drei gepolsterten Stühlen als kolonial-archaisches Topping, welches das Ganze noch gewaltvoller und doch auch ästhetischer macht. Und nicht zuletzt sind da die drei Männer in ihren Anzügen: der eine mit Goldkettchen ganz in weiß, der andere schwarz und eher klassisch bekleidet, der dritte in Summer-Hawai-Hemd und einfach schick. Ja, in diesen Erscheinungen zentriert sich Geld und Macht der heutigen Gesellschaft. Man kennt und erkennt sie, diese Typen.

Der Abend eskaliert unter Beethovens Sinfonie der „Ode an die Freude“, und die Menschheit geht in ihrem eigenen Applaus unter. Zuletzt öffnet sich dann wieder die Türe zum ersten Teil des Abends und spannt damit zum einen pointierten Bogen, der beide Einakter neu und klug verbindet. Zum anderen erzählt diese Öffnung auch etwas über das Verbundensein von Welten und ihren Dialog: Zwischen vergangenem Stoff und Gegenwart, zwischen Ideologien politischer Systeme. Zwischen zwei Regiepositionen und ihren Ästhetiken, zwischen dem Werk von Mrożek selbst. Letztlich ist der Abend auch eine Erzählung vom Verbundensein der Bühnenwelt mit der unseren, die letztlich gar nicht so weit verschoben sind voneinander, wie anfangs gedacht. Und so schaut man der ganzen Tragödie des Abends ungläubig begeistert zu, obgleich sie auch etwas weh tut.

Erschienen am 2.5.2024

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